15.10.2018 - 16:51 Uhr
FreihungDeutschland & Welt

Mehr als Rock ’n’ Roll und Reklame

Backstage noch mit Lockenwickler im Haar, verkörpert Moni Francis das Bild der gehorsamen Frau der 50er Jahre. Zurück in diese Zeit möchte sie nicht katapultiert werden – das Handbuch der guten Hausfrau sei nicht mehr aktuell.

Vor der Pause gibt sich Buddy Olly noch im biederen Anzug, um danach in der Lederjacke Johnny Cash zu imitieren.

Die Devise des Duos ist einfach: „Wenn du deinen Traum leben willst, musst du glauben. Und zwar an dich selbst.“ Moni Francis und Oliver Dobisch machen gemeinsame Sachen. Vier Programme für die Kleinkunstbühnen im deutschsprachigen Raum haben sie zusammen konzeptioniert. „Petticoat & Pomade“ ist der in jedem Haushalt gefundene Nierentisch ihrer kabarettistischen Darbietungen.

Moni Francis und Buddy Olly sind erfrischend. Ade, lahme Schenkelklopfer – ade, kitschiges Klischee. Sie befinden sich auf dem schmalen Grat zwischen Halbstarken, die Rock 'n' Roll hören und dem deutschen heimatverbundenem Schlager. Natürlich witzig, wie aus dem Stegreif, begeben sie sich auf die Bühne und reißen mit „Shout“ die Gäste der Kulturscheune Elbart am Samstag heraus aus ihrem Trott. Rasant entführt das Duo ins „Bumslokal“ namens Tanzfleck, das die Kabarettisten wohl verwechselt haben müssen. Denn Ortsansässige wissen, da liegt der Hund begraben. Zwischen den Gesangseinlagen gibt es auch Reklame. „Aus Liebe zur Wäsche“, „Da weiß man, was man hat“ - Persil war anti Kernseife und pro Reinheit. Ebenso gehe nichts über Bärenmarke. Für ein Kilogramm Bohnenkaffee musste 22 Stunden gearbeitet werden. Buttercreme-Torte-Wettessen war der Party-Gag auf Familienfeiern und investiert wurde in die Ritter-Sport.

„Ihr werdet nicht glauben, was in den 50er Jahren hier in Freihung passiert ist!“ Erwartungsvoll mit großen Augen starrt Buddy Olly Bürgermeister Norbert Bücherl an. „Nichts!“ Sichtlich enttäuscht von dieser Erkenntnis verweist der 47-Jährige auf sein angebliches Gespräch mit Nobbi, wie er das Oberhaupt von Freihung nennt. Denn dieser wüsste über die Höhepunkte der Region und würde die Häckselaktion bei der alten Stockschießanlage empfehlen. Dann doch lieber ein Buch lesen, denn ohne Krimi geht die Mimi nicht ins Bett. Die emanzipierte Moni Francis erinnert an das Verbot des Frauenfußballs und warum die Herren der Schöpfung letztendlich kapitulierten.

Nachdem Moni ihren „schenen fremden Mann“ gesanglich anschmachtet, wird es im Rotlicht auf der Bühne schlüpfrig. Die gebürtige Münchnerin weiß, dass man die Lieder, die man singt, auch verstehen sollte und übersetzt „Fever“ von Peggy Lee. Im Takt schnippend, zieht sie in den Bann der Melodie. Stimmlich einwandfrei trällert Moni: „Dann krieg ich Fieber. Husten, Schnupfen. Fieber! Und einen Blasenkatarrh.“ Damit rechnet das Publikum nicht und spitzt die Ohren – jede Strophe ist ein Lacher. Lasziv und unbeirrt bleibt sie bei Peggy Lee und singt „Why don't you do right“ während sie posiert wie Betty Page. Aber anstatt sich Pin-Up gemäß zu entblößen, zieht sie ihre geringelten Wadenwärmer über und kuschelt sich in ihre gelbe Strickjacke. So und nicht anders hätte Frau einen Mann zu empfangen.

Längst vergessene Utensilien und Requisiten lassen ein typisches Wohnzimmer entstehen. Ihre Bühnenpräsenz ist schwungvoll. „Petticoat & Pomade“ ist eine entzückende Rückführung in die rebellische Zeit der Jugend nach dem Krieg und eine Empfehlung für alle Retro-Liebhaber.

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