Das Gesicht des Attentäters gezeigt

Das Gesicht des Attentäters von Halle hat die Redaktion im Zuge ihrer Berichterstattung nicht unkenntlich gemacht. Darüber wundert sich einer unser Leser.

Der Attentäter von Halle wird von Polizisten aus einem Hubschrauber gebracht. Die Redaktion hatte sich entschieden, das Gesicht nicht zu pixeln. Ein Leser wollte nun wissen, warum es nicht unkenntlich gemacht wurde.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

"Mich hat etwas irritiert, dass der Tatverdächtige unzensiert abgebildet wurde und mich interessiert, wieso Sie sich dafür entschieden haben", schrieb der Leser in seiner Mail und führte weiter aus: "Meine Ansicht: So sehr ich ihn für die Tat büßen sehen will, sind wir ein Rechtsstaat und sollten die Unschuldsvermutung bis zur Verurteilung gelten lassen. Dass er wirklich unschuldig ist, ist wahrscheinlich nahezu ausgeschlossen. Ich hätte das Bild aber aus Prinzip zensiert. So etwas ist sicherlich keine einfache Entscheidung."

Kein Grund zu pixeln

Ich antwortete dem Leser: "Nachdem es von dem Täter ein Bekennervideo gab und er ein Manifest ins Internet gestellt hatte, was zu diesem Zeitpunkt quasi schon als Geständnis zu werten war, hat sich die Redaktion entschieden, das Gesicht des Mannes nicht unkenntlich zu machen. Das war so auch in Ordnung aus presseethischer und presserechtlicher Sicht. Es gab also keinen triftigen Grund mehr, das Gesicht zu pixeln."

Der Leser meldete sich daraufhin noch einmal mit folgenden Zeilen bei mir: "Die rechtliche Seite war mir in dem Fall egal. Ich bin nur von der AZ sonst ein recht konservatives Vorgehen beim Schutz von potenziellen Tätern gewohnt und war deshalb doch ein bisschen überrascht. Ihre Erklärung macht angesichts des Bekennerschreibens natürlich Sinn, da hab ich nicht dran gedacht."

Zum Thema passen, so finde ich, Ausführungen des heuer im März verstorbenen Sachbuchautors und Journalisten Paul-Josef Raue, der zusammen mit Wolf Schneider "Das neue Handbuch des Journalismus" verfasst hatte: "Deutsche Gerichte schützen auch Angeklagte und sichern ihnen Anonymität zu. Das Verfassungsgericht entschied (...) im ,Holzklotz-Fall': Gerade wenn eine Tat besonders grausam und verwerflich ist, hat ein Angeklagter das Recht, dass sein Bild nicht in der Zeitung erscheint - weil er sich auch nach einem Freispruch vom Makel des Tatvorwurfs nur schwer befreien könne."

Raue weiter: "Das Recht auf Anonymität und die Unschuld-Vermutung verhindern also, dass Verdächtige und Angeklagte mit ihrem Porträt in der Zeitung gezeigt werden können. Ist allerdings das öffentliche Interesse sehr groß, darf auch eine Angeklagte wie etwa Beate Zschäpe im NSU-Prozess gezeigt werden. Die Bürger wollen wissen: Welcher Mensch steht hinter einer solchen Tat? Dies, aber nicht Sensations-Lust, rechtfertigt ein unverpixeltes Gesicht. Aber auch wenn ein Gesicht verpixelt werden muss, kann ein Foto sinnvoll sein: Wie versteckt sich ein Angeklagter? Wie ist seine Körpersprache? Sind seine Hände gefesselt? Wie hat er sich gekleidet? Wie sieht seine Umgebung aus: Verteidiger, Polizisten, der Saal? Was liegt vor ihm auf dem Tisch?"

Der "Holzklotz-Fall"

Was es mit dem Holzklotz-Fall auf sich hatte, erläuterte Raue ebenfalls und nahm dabei Bezug auf die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 27. November 2008: "Die Antragstellerin betreibt einen privaten Rundfunksender. Sie beabsichtigt, die im Zuge ihrer Berichterstattung über das am Landgericht Oldenburg (...) anhängige Strafverfahren gegen N. H. (...) gefertigten Fernsehaufnahmen von dem Angeklagten in nicht anonymisierter Form zu veröffentlichen. Gegenstand des Strafprozesses ist der sogenannte ,Holzklotz-Fall'.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten vor, (...) von einer in Oldenburg gelegenen Autobahnbrücke einen von ihm mitgebrachten Holzklotz auf die Fahrbahn der Bundesautobahn 29 geworfen zu haben. Der Holzklotz soll die Windschutzscheibe eines sich nähernden Pkw durchschlagen und die Beifahrerin getroffen haben, die an ihren Verletzungen verstarb.

Der Fall hat bundesweites Aufsehen erregt und eine umfangreiche Medienberichterstattung ausgelöst, auch weil die Verstorbene Mutter zweier Kinder ist und ihre Familie sich zur Tatzeit mit ihr im Auto befunden hat.

Der Täter wurde rechtskräftig wegen Mordes und versuchten Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt."

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