08.06.2020 - 07:32 Uhr
GrafenwöhrDeutschland & Welt

Fehlschuss der US-Artillerie: Die vergessene Tragödie

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16 Tote, 26 Verletzte, zerfetzte Zelte: Heuer jährt sich das schwerste Unglück in der Geschichte des Truppenübungsplatzes Grafenwöhr zum 60. Mal. Das dramatische Ereignis ist inzwischen fast vergessen – trotz prominenter Zeitzeugen.

von Tobias Gräf Kontakt Profil

Am Freitag, den 2. September 1960, herrschte im Truppenübungsplatz Grafenwöhr Hochbetrieb. Erst am Vortag waren dort Soldaten der 3. US-Panzerdivision für eine Geländeübung eingetroffen. Am Vormittag beschäftigten sich die Neuankömmlinge gerade damit, Quartier zu beziehen, indem sie im rund zwei Kilometer südlich von Grafenwöhr gelegenen Camp "Casserine" ihre Zelte aufschlugen. Die Betriebsamkeit der Truppe fand jedoch ein jähes Ende, als gegen 9.20 Uhr zuerst ein helles Pfeifen zu hören war und unmittelbar darauf eine laute Explosion erfolgte: Mitten in der Zeltstadt hatte ein fehlgeleitetes Artilleriegeschoss eingeschlagen und innerhalb eines Augenblicks 15 Amerikaner getötet und 26 teils schwer verletzt. Ein weiterer GI erlag kurz darauf seinen Verletzungen.

Der tragische Tod von 16 Soldaten ist nicht nur das größte Unglück in der über 100-jährigen Geschichte des Grafenwöhrer Militärareals, sondern auch der opferreichste Unfall der US-Armee in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg. Ursächlich für dieses blutige Ereignis, das inzwischen genau 60 Jahre zurückliegt, war menschliches Versagen.

Drei Kilometer hinter dem Ziel

Bei dem Todesgeschoss vom 2. September handelte es sich um eine schwere 21-cm-Granate, welche von einer anderen Teileinheit der 3. Panzerdivision mit einer Haubitze aus einer Feuerstellung nordwestlich von Auerbach in der Nähe des Ortes Hopfenohe abgeschossen wurde. Sie schlug jedoch rund drei Kilometer hinter ihrem eigentlichen Ziel im Camp "Casserine" ein. Wie "Der Neue Tag" damals berichtete, war der Grund für den Fehlschuss, "daß die Granate, die ihr Ziel verfehlte, eine stärkere Treibladung erhalten hat, als es sonst üblich ist. Dieses Mißgeschick mußten viele junge Soldaten mit dem Leben bezahlen." Dass im Lager nicht noch mehr Todesopfer zu beklagen waren, lag daran, dass der fatale Irrtum in der Auerbacher Stellung schnell erkannt und das Feuer sofort eingestellt wurde. Im Camp, wo die Zelte auf Betonfundamenten dicht an dicht standen, richtete die Detonation verheerenden Schaden an: Drei Wohnzelte wurden direkt getroffen und vollständig zerfetzt. Die Opfer gehörten zu einer Aufklärungskompanie des 12. US-Kavallerie-Regiments, die durch "friendly fire" versehentlich von ihren eigenen Kameraden der 3. Panzerdivision getötet wurden.

Szenerie des Schreckens

Den Beteiligten bot sich eine Szenerie des Schreckens, die sie bis heute nicht vergessen haben. Zu den Augenzeugen gehörte auch Colin Powell. Der spätere Generalstabschef und Außenminister der USA (2001-2005) war damals als Oberleutnant und Zugführer in Grafenwöhr. In seiner Autobiografie berichtet er von seinem Erleben am 2. September 1960: "Ich habe bereits hunderte Kriegsfilme gesehen, aber keiner konnte mich vorbereiten auf das, was ich an diesem Tag gesehen habe." (Siehe Infokasten)

Anwohnern schmerzen die Ohren vom Schießlärm in Grafenwöhr - doch das Ministerium hält Messergebnisse geheim.

Grafenwöhr

Obwohl von dem Unglück keine Deutschen betroffen waren, bekamen die Grafenwöhrer dennoch mit, dass etwas passiert sein musste. So schreibt "Der Neue Tag" am Folgetag, 3. September: "Der Truppenübungsplatz wurde hermetisch abgeschlossen. Die Posten an allen Zufahrtsstraßen verstärkt. Die allgemeine Nervosität, die unter den Amerikanern herrschte, ließ auch den Nichteingeweihten bald spüren, daß etwas Furchtbares geschehen sein musste." Im Dauerbetrieb landeten Hubschrauber, mit welchen die Amerikaner ihre Verwundeten in die Armeehospitäler nach Fürth, Nürnberg und Frankfurt flogen.

Emotionale Trauerfeier

Die Bestürzung über das Geschehen war groß. Das zeigte sich auch bei der Trauerfeier, welche die US-Armee bereits zwei Tage später in der Nähe der Unglücksstelle abhielt. Auf einem Altar waren die Stahlhelme der Toten aufgereiht. In einem Viereck außen herum hatte eine Abordnung der betroffenen Einheit Stellung genommen. Militärgeistliche hielten eine Messe. Neben dem Kommandierenden General der 7. US-Armee, Generalleutnant Garrison H. Davidson, wohnte dem Appell auch eine Abordnung der Bundeswehr mit Brigadegeneral Arthur Weber von der Regensburger Panzergrenadierdivision bei und legte einen Kranz nieder. Beim Erklingen von Trompetenstößen senkten die angetretenen Einheiten ihre Fahnen. Auch die Bevölkerung von Grafenwöhr und die bayerische Staatsregierung mit dem damaligen Ministerpräsidenten Hans Ehard brachten ihr Beileid zum Ausdruck.

Die meisten hier haben kein Problem mit den Amis, weil daran viele Arbeitsplätze hängen.

Leonore Böhm, Kreisheimatpflegerin Neustadt/WN

Obwohl die US-Armee schon damals für ihre hohen Sicherheitsstandards bekannt war und eine gründliche Untersuchung zu den Ursachen des Unglücks ankündigte, machte sich bei der einheimischen Bevölkerung in Grafenwöhr Unruhe breit. Weil manche Schießbahnen nahe an der Außengrenze des Truppenübungsplatzes liegen, wurde befürchtet, bei einem neuerlichen Fehlschuss könnte auch das Stadtgebiet selbst getroffen werden.

Öfter Fehlschüsse aus Grafenwöhr

Zwar blieb eine Tragödie wie im September 1960 bis heute ein Einzelfall. Doch Fehler und Pannen passierten in der Geschichte des Übungsplatzes immer wieder – das wissen die Einwohner rund um das Areal nur zu gut aus eigener Erfahrung. So beschoss ein US-Panzer im Mai 2001 eine Grundschule in Kirchenthumbach. Zehn Jahre später feuerte ein Fahrzeug mit einer Maschinenkanone versehentlich auf ein Einfamilienhaus, eine Garage und die Berufsschule in Grafenwöhr.

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Grafenwöhr

Und die Kreisheimatpflegerin für Neustadt/WN, Leonore Böhm, berichtet von Einschlägen nur rund 200 Meter von ihrem Wohnhaus in der Hopfenoherstraße in Grafenwöhr entfernt: "Vor circa zwei Jahren wurde auf die Pappenberger- und die Wolfslegelstraße geschossen. Ein Wohnhaus hatte Schäden am Dach. Ich war im Garten, als es gekracht hat. Wäre es dumm gelaufen, wäre ich heute nicht mehr hier." Verunsichert ist Böhm deswegen jedoch nicht. "Es gab keine große Aufregung, so etwas ist noch immer gut gegangen. Da müsste ich ja jeden Tag Angst haben." Die Seniorin weiß auch, warum: "Die meisten hier haben kein Problem mit den Amis, und der Lärm stört auch nur wenige, weil daran viele Arbeitsplätze in der Region hängen."

Internationales Medienecho

Doch während viele Oberpfälzer aus den Anrainergemeinden des Übungsplatzes von gefährlichen Vorfällen und vereinzelten Fehlschüssen berichten können, ist der blutige Unfall von 1960 weitgehend in Vergessenheit geraten. Dies erstaunt umso mehr, als es damals sogar ein internationales Medienecho gab. So berichtete sogar die New York Times an mehreren Tagen hintereinander auf ihrer Titelseite: "15 G.I.´s killed, 28 hurt by shell". Auch im Kultur- und Militärmuseum Grafenwöhr wird der Unfall nur am Rande behandelt. Der Vorsitzende des Heimatvereins Grafenwöhr, Wilhelm Buchfelder, erklärt das mit dem fehlenden Bezug der Oberpfälzer zu den Opfern. "Die Deutschen hatten damals keinen Zutritt zum Platz, wir haben nichts mitbekommen. Die Leute haben keine Bilder dazu im Kopf und kennen es nur vom Hörensagen." Andere historische Ereignisse wie die Bombardierung Grafenwöhrs am 5. und 8. April 1945 durch die US-Luftwaffe seien hingegen im historischen Bewusstsein der Einheimischen stärker verankert. "An die Bombardierung wird regelmäßig mit einer Trauerfeier und einer Kranzniederlegung erinnert. Nur der Unfall von 1960, den kennt fast keiner mehr."

Augenzeuge Colin Powell :

Getöse und erschreckende Stille

Colin Powell ist im September 1960 als platoon leader im Range eine first lieutenant im Camp "Casserine". In seiner Autobiografie "My American Journey" von 1995 schreibt der spätere Vier-Sterne-General und US-Außenminister unter Präsident George Bush junior:

"...eine Partnereinheit, das 12. Kavallerie-Regiment, kam bereits in der Nacht zuvor an. Ihre Zelte waren voll mit Männern, die noch schliefen. Ich brachte gerade Verpflegung von der Nachbarkompanie zurück zu unserem Küchenzelt. Plötzlich spitze ich meine Ohren, weil ich einen seltsamen Pfeifton hörte, der von oben kam. Innerhalb einer Nanosekunde realisierte ich, dass es eine Artilleriegranate war, die sich weit außerhalb des Zielgebiets verirrt hatte. Ich blieb wie angewurzelt stehen und sah tatsächlich die 8-Zoll-Patrone einschlagen. Die Granate traf eine Zeltstange der Kavalleristen und explodierte deshalb noch über dem Boden. Auf das ohrenbetäubendes Getöse folgte eine erschreckende Stille...Ich habe bereits hunderte Kriegsfilme gesehen, aber keiner konnte mich vorbereiten auf das, was ich an diesem Tag gesehen habe."

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