Holocaust-Überlebender Fried erzählt: Der Untergang des Schtetls

Alexander Fried hat drei Konzentrationslager überlebt. Mit den Eltern und den Verwandten aber, die dem Nazi-Völkermord zum Opfer fielen, ging auch das jüdische Schtetl unter. Im ersten Teil unserer Serie erzählt der 94-jährige Professor über das reiche jüdische Leben seiner Kindheit in der Tschechoslowakei.

Der elfjährige Nesanel Meir Avraham Fried, genannt Alexander, auf einem Klassenbild der jüdischen Schule in Žilina.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Alexander Fried, ein Zeitzeuge, der in Tirschenreuth lebt.

Tirschenreuth

Wenn man sich ein Bühnenbild für das Leben des kleinen Nesanel Meir Avraham Fried, später genannt Alexander, vorstellt, hat man Anatevka vor Augen. In der Gaststube der Eltern wird in allen Sprachen palavert, vor allem aber auf Jiddisch. Wenn Vater Bertalan, angesehener Kantor der orthodoxen Gemeinde, nicht selbst singt, flehen aus dem Grammophon Jossele Rosenblatts "Lieder leise durch die Nacht". Die angehimmelte Bedienung Margrit Treuhaft spielt Harmonium, und zu Hause tönen aus Mutter Julischkas Radio Schlager. Sie verehrt den in Deutschland verfemten jüdischen Tenor Joseph Schmidt: "Ein Lied geht um die Welt", Schmidt aber muss fliehen, einen Tag, nachdem der Film mit seinem Titelsong Premiere hat. Alexander, der selbst leidenschaftlich gerne singt, hört begeistert die Schellackplatte mit dem Slowfox-Song "Sunnyboy".

In der koscheren Küche und im Gasthaus der Eltern in Bahnhofsnähe von Žilina riecht es nach Gersten- und Hühnersuppe, nach Eierkichle, gefilltem Fisch - Karpfenklöse in Gelee - und Wiener Schnitzel. Gewürzt mit exotischen Gewürzen wie Ysop aus Palästina. "Meine Mutter war eine fantastische Köchin", schwärmt Fried, "und man konnte sich darauf verlassen, dass alles koscher ist."

Ein Festtag natürlich auch in kulinarischer Hinsicht ist der Schabbat. Am Tag davor weicht Mutter Julischka für den traditionellen Tscholent Bohnen ein und bereitet die Zutaten für den Eintopf vor: Zwiebeln, Gänseschmalz, Rinderbrust, Kartoffeln, Graupen und zwei Backpflaumen. "Für mich und meinen Bruder Icu war es das höchste, wenn wir zum Schluss die Pflaumen dazugeben durften", erinnert sich der alte Mann an eine reiche Kultur, die die Nazis innerhalb weniger Jahre auslöschten.

Tomáš G. Masaryk verteidigte den Juden Leopold Hilsner, dem man einen angeblichen Ritualmord in die Schuhe schob. Der Fall erreichte in der k.-u.-k.-Monarchie Österreich-Ungarn ähnlich traurige Berühmtheit wie die Dreyfuß-Affäre in Frankreich.

Masaryks schützende Hand

Noch ist von dem drohenden Sturm aus Deutschland in Žilinas heiler Welt nichts zu spüren. Noch hält der tschechoslowakische Philosophenpräsident Tomás G. Masaryk seine schützende Hand über die gefährdete Minderheit. Noch freuen sich die beiden Brüder darauf, am Schabbat, dem Tag, an dem kein Kochlöffel gerührt wird, beim tschechischen Bäcker den über Nacht eingebackenen Tscholent zu holen. Nach dem Festmahl werden Schabbatlieder, die Zemirot, gesungen. Vater Bertalan liest aus der Tora-Rolle, die einmal im Jahr ganz gelesen werden will. "Am achten Tag des Laubhüttenfestes Sukkot beginnt man mit dem Simchat Tora wieder von vorne", erzählt Fried, dem beim Gedanken an Mutters Süßspeisen das Wasser im Mund zusammenläuft: Kompott aus Äpfeln und Pflaumen, Mohnkuchen, Dampfbuchteln und Strudel.

Die Frieds sind arme, fromme Ostjuden, als sie im September 1927, Alexander ist gerade zwei Jahre alt, aus dem karpatoukrainischen Korolevo in die westslowakische Industriestadt Žilina an der Vah (Waag), ein Eisenbahnknoten zwischen Berlin, Prag, Wien, Bratislava und Warschau umziehen. Die wohlhabenden, liberalen Westjuden leisten sich nur ein Jahr später eine prächtige neue Synagoge. Frieds koscheres Restaurant "le'mehadrin-min-ha'mehadrin" in der Nähe des Bahnhofs und des noblen Hotels Remi der Familie Hersch wird bald erste Adresse für jüdische Handelsreisende aller Länder.

Alexander Fried erzählt von seiner Jugend.

Im Cheder der Synagoge

Mit vier Jahren darf der Junge in den Cheder, den Vorraum der Synagoge, um Texte der Tora auf Hebräisch zu lernen. Mit sechs der Übertritt auf die jüdische Grundschule in der Oberstadt, die offen ist für alle Konfessionen: "Jeder sollte aufstehen und seinen Namen sagen", erinnert sich Fried, "Als ich Nesanel Meir Avraham sagte, lachte die ganze Klasse - die Slowaken, Tschechen und Deutschen hießen Rudolf, Hans, Erwin oder Tomás." Vater Bertalan geht daraufhin mit ihm zu Direktor Salgo, der rät: "Du hast sehr schöne Namen, aber dein Vater soll dir noch einen für die Schule aussuchen." Seit diesem Tag heißt er Alexander.

Der Junge findet neue Freunde wie Ivan Belina, dessen Vater Soldat ist, Alexander Španik und seinen Hund Dunco sowie Rudolf, genannt Rudo, der Katholik, mit dem er den selben Schulweg hat. Ein ganz normales Schülerleben. Er ist Fan von ŠK Žilina mit dem taubstummen jüdischen Torwart Heller. "Das erste Spiel, zu dem ich mich schlich, war zwischen dem ŠK Žilina und Rekordmeister Slavia Prag", schwärmt Fried, "im Tor die Katze von Prag, Frantisek Plánička." Auch wenn es der Vater lieber sähe, sein Sohn würde die 365 Verbote und 248 Gebote der Mitzwot studieren, trainiert der sportbegeisterte Bub seine Ausdauer: "Meine Kondition hat mir vielleicht beim Überleben geholfen", meint er heute.

Alexander macht es Spaß, mit den Gästen zu plaudern. Neben Slowakisch, Tschechisch und Deutsch, das Mutter Julischka von den Klassikern so liebt, beherrscht er bald auch Ungarisch und Russisch so fließend wie Jiddisch, die Lingua franca frommer Juden. Das Treiben im Gasthaus, eine jüdische Version von Bohumil Hrabals "Ich habe den englischen König bedient": Reiche Kaufleute gehen ein und aus, und eines Tages sagt Produzent Haupt aus Topoľčany zum Vater: "Schämen Sie sich nicht, dass Sie Ihren Sohn nicht in eine Jeschiwa, eine jüdische Hochschule schicken?"

Die neologische Synagoge in Žilina von 1928.

Talmud-Schule in Topoľčany

Die aber ist im 140 Kilometer entfernten Topoľčany. Der 12-Jährige muss erstmals raus von Zuhaus': "Ich war fürchterlich aufgeregt", erzählt Fried, "ich wohnte bei der Familie Goldstein, ein alter Mann der nachts die Zähne rausnahm." Man hilft zusammen, füttert die ärmeren Schüler durch. Der anfangs schüchterne Junge mausert sich, wird drittbester Talmud-Schüler. Mit seiner Bar Mitzwa am 13. Geburtstag im Mai 1938 endet sein Studienaufenthalt.

Die Atmosphäre in der Slowakei wird rauer. Am 14. September 1937 stirbt Masaryk. Wenige Monate später holt Hitler Österreich "heim ins Reich". Auf den Wänden häufen sich Sprüche wie "Juden nach Palästina!" Die Zeitung "Der Gardist" hetzt gegen Juden. Vater Bertalan schickt Alexander zum Tischler Alexander Bricta in die Lehre, damit er etwas Praktisches lernt. "Es war furchtbar", erinnert sich Fried, "ich lernte gar nichts, durfte nur Handlangerarbeiten erledigen - für 1,90 Kronen die Woche." Aber eine gute Vorbereitung für die harte Arbeit später beim Bautrupp sei es doch gewesen.

Anfang Oktober 1938 holen Nationalisten in Žilina die tschechoslowakische Fahne vom Dach des Finanzpalasts, singen begeistert die slowakische Hymne - die Slowakei wird am 16. März 1939 ein Staat von Hitlers Gnaden, die Karpatoukraine wieder ungarisch. "Wir Juden werden gebraucht", sagt Vater Bertalan, "wir haben schon so viel Irrsinn überlebt." Stattdessen vergeht die Zuversicht, als Hitlers Reichswehr in Polen einmarschiert - auch durch Žilina fahren deutsche Truppen Richtung polnischer Grenze. Die Gefahr rückt näher. Der Vater schickt Alexander im Sommer 1941 nach Čadca, wo er bei der Mitteljugend-Hachschara in den Bergen für die Auswanderung nach Palästina vorbereitet werden soll.

Das noble Hotel Remi der Familie Hersch, heute Grand Hotel. Hansi Hersch, Sohn der Hoteliers trifft Alexander Fried wieder im Konzentrationslager Sachsenhausen, wo der einst so selbstbewusste, groß gewachsene junge Mann völlig entkräftet stirbt.

Letzte Hoffnung Palästina

Die letzte Hoffnung für die Jungs und Mädchen aus Žilina. Mit Kurt Kiki Alt, dem dichtenden Sohn des Fleischers, Tom Reisz, der Operettenmelodien singt, Walter Holzmann, der Mundharmonika spielt, Zew Waldner, der Klassiker liest, dem stillen Paul Zlattner und dem Automechaniker Isi Miadownik lernt er den Umgang mit landwirtschaftlichen Geräten, das Säen und Ernten. Ausbilder Mordechai Grünwald, genannt Motke, lehrt den Jugendlichen das moderne Hebräisch, das Iwrit. "Wir waren voller Idealismus", sagt Fried, "ohne Freundschaft funktioniert kein Kibbuz." Alle hoffen auf die Alija, die Übersiedlung nach Palästina, während Reinhard Heydrich und Adolf Eichmann am 20. Januar 1942 bei der Wannsee-Konferenz die systematische Ermordung der europäischen Juden beschließen.

Alexander erlebt hier seine erste Liebe und den ersten großen Schock: Am Tag nach einem ganz besonderen Schabbes zerbersten Glasscheiben, Männer der faschistischen Hlinka-Garde verkünden: "Am nächsten Tag werden alle Jungs ab 16 Jahren zum Arbeitseinsatz zurück nach Žilina gebracht." Die erste von vielen weiteren Lügen der Mörder. Nur Moshe Schwarz flieht in dieser Nacht. Für alle anderen beginnt das Grauen.

Wahnsinn mit System:

Antisemitismus

Der Wahnsinn hatte System. Und das System war mörderisch: Unschuldige, kluge, fröhliche Menschen, die nichts verbrachen, außer Feindbild einer hirnverbrannten Ideologie zu sein. Einer Ideologie, die Jahrhunderte genährt wurde vom christlichen Antijudaismus und in die krude Rassenlehre der Nationalisten mündete, den Antisemitismus.

Zündschnur für millionenfachen Mord an Menschen, die nichts wollten, außer friedlich ihren Glauben zu leben: zu essen, zu musizieren und von denen manche für viele etwas exotisch aussahen: Die orthodoxen Ostjuden lösten bei einfachen Leuten ähnliche Gefühle aus, wie die moslemischen Zuwanderer heute: Armutsflüchtlinge mit seltsamen Hüten, Perücken, Schläfenlocken und einem unbeirrbaren Glauben. Es braucht nicht viel Unterschied, damit Fremdheit in Vorurteile und diese in Fremdenhass umschlagen.

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