10.08.2018 - 16:25 Uhr
Deutschland & Welt

Die Jury in Locarno hat es schwer

Am Samstagabend werden die Preise des 71. Internationalen Filmfestivals Locarno vergeben. Die Jury dürfte sich schwer tun. Denn viele der Filme im Wettbewerb um den Goldenen Leoparden sind preiswürdig. Darunter ist auch der deutsche Spielfilm „Wintermärchen“.

Der 'Goldene Leopard', Hauptpreis des Internationalen Filmfestivals. Foto: Jean-Christophe Bott/Keystone

Locarno (dpa) – Die 71. Ausgabe des Internationalen Filmfestivals Locarno, die letzte unter der künstlerischen Leitung des künftigen Berlinale-Chefs Carlo Chatrian, endet am Samstagabend mit der Preisverleihung. 14 Spielfilme und eine Dokumentation haben sich um den Hauptpreis, den Goldenen Leoparden, beworben. Der Jury dürfte es schwer haben. Denn zwei Drittel der Wettbewerbsbeiträge haben eine Auszeichnung verdient.

Zu den Favoriten gehört das beklemmende deutsche Anti-Terrorismus-Drama „Wintermärchen“. Regisseur Jan Bonny („Gegenüber“) verfolgt darin die Blutspur dreier junger Rechtsradikaler. Er zeigt eindringlich die Fratze des Wahns von Leuten, die alle und alles, was sie als nicht deutsch empfinden, zerstören wollen. Der Film irritiert, weil er nichts erklärt, keine Wertung bietet. Aber genau das provoziert die Zuschauer dazu, über möglich gesellschaftliche Ursachen nachzudenken.

Doch die Konkurrenz ist groß. Hoch gehandelt wird ebenfalls „Sibel“, eine auch mit deutschem Geld produzierte internationale Gemeinschaftsproduktion. Das türkisch-französische Regie-Duo Çagla Zencirci und Guillaume Giovanetti erzählt mit packender Intensität die düstere Geschichte der Selbstbehauptung einer jungen Türkin.

Chancen hat daneben der einzige Dokumentarfilm im Wettbewerb, „M“, von der französischen Regisseurin Yolande Zauberman. Sie beleuchtet eindringlich das Thema Kindesmissbrauch. Das Polit-Drama „Ein Familienausflug“ von dem außerhalb seiner Heimat lebenden chinesischen Regisseur Ying Lang gilt als weiterer Leoparden-Kandidat. Der Film spiegelt gedankenreich die Schwere eines Lebens ohne demokratische Grundrechte.

Spielfilme aus den USA, England und Chile liegen aber auch gut im Rennen. Die Frage ist, ob die Jury ein politisch engagiertes Kino oder künstlerisch besonders originelle Handschriften ehren will. Dann käme das 14-stündige Epos „Die Blüte“ aus Brasilien in Betracht. Regisseur Mariano Llinás feiert damit auf originelle Weise das klassische Hollywood-Kino. Formal ungewöhnlich sind auch das italienische Historien-Panorama „Menocchio“ und das südkoreanische Sittengemälde „Das Hotel am Fluss“.

Für die Auszeichnung als beste Schauspielerin und bester Schauspieler gibt es ebenfalls mehrere Anwärter. Die US-Amerikanerin Mary Kay Place („Diane“) und die Türkin Damla Sönmez („Sibel“) gelten vielen als Spitzenkandidatinnen. Bei den Männern liegen der Italiener Marcello Martini („Menocchio“) und der Südkoreaner Ki Ju-bong „Das Hotel am Fluss“ in den Umfragen vorn.

Im Wettbewerb der den Newcomern vorbehaltenen Sektion „Filmemacher der Gegenwart“ kann die deutsche Regisseurin Eva Trobisch auf einen Preis hoffen. Von den 16 gezeigten Filmen bekam ihr Spielfilm-Debüt „Alles ist gut“ besonders viel Beifall. Doch auch hier ist die Konkurrenz enorm. Und bekanntlich entscheiden Festival-Jurys obendrein gern entgegen den Erwartungen.

Bereits sicher gewonnen haben in Locarno jene Film-Fans, die anspruchsvolle Kino-Kost lieben. Ihnen hat das nach Berlin, Cannes und Venedig weltweit wichtigste Filmfestival auch 2018 Bestes geboten. Bleibt zu hoffen, dass die reiche Ernte dieses Locarno-Jahrgangs rasch in die Filmtheater kommt.

Filmfestival Locarno

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