12.06.2018 - 09:03 Uhr
TirschenreuthDeutschland & Welt

Schlammlawine wegen Maisanbau?

Auf Starkregen folgt die Schlammlawine - diese Erfahrung machte die Gemeinde Konnersreuth im Kreis Tirschenreuth binnen acht Tagen gleich zweimal. Bereits 2017 hatte ein Unwetter Spuren der Verwüstung hinterlassen: eine Ursachenforschung.

Die Schlammlawine hinterlässt in Konnersreuth Spuren.
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Schotter und nasse Erde wurden in den Ort gespült.

Die Nerven der betroffenen Bürger liegen blank. Keller laufen voll mit schmutzigem Wasser, Hofeinfahrten und Gärten sind verwüstet, Straßen überschwemmt. Über mehrere Stunden bleiben am Fronleichnamstag 100 Mann aus neun verschiedenen Feuerwehren im Einsatz. Dabei hatten erst am Mittwoch der Vorwoche 80 Einsatzkräfte in Konnersreuth an 25 Einsatzstellen Hilfe leisten müssen. Bürgermeister Max Bindl fordert nun einen "runden Tisch" unter Beteiligung von Gemeinde, Landwirten, Behörden und Architekten. "Wir müssen alle Fachstellen zusammenbringen", sagt er.

Mais am Hang

Als Verursacher der gefürchteten "Schlammlawinen", die sich nach starken Regenfällen in Bewegung setzen, gelten vor allem großflächige Maisfelder in Hanglagen. "Man kann schon davon ausgehen, dass es in Konnersreuth daran gelegen hat", bestätigt Johannes Schrems von der Beratungsabteilung für Pflanzenbau am Tirschenreuther Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF). "Dieselbe Problematik hatten wir dort bereits 2017." Danach sei "einiges gemacht worden": Das AELF habe Kontakt mit den Landwirten aufgenommen und einige Änderungen beim Maisanbau angeregt, wie die sogenannte Mulchsaat, das Einsäen von Grasstreifen und die Querbewirtschaftung der Ackerflächen. "Alle drei Maßnahmen sind in Konnersreuth erfolgt", betont Schrems. "Aber wenn es in kurzer Zeit zu derart hohen Regenmengen kommt, dann kann der Boden das einfach nicht verdauen. Das ist so intensiv, da schwemmt es sogar Getreidefelder aus."

Einer allein kann gar nichts machen.

Max Bindl, Bürgermeister von Konnersreuth

Vor diesem Hintergrund sei Vorbeugung äußerst schwierig - "viel mehr kann man von den Landwirten nicht erwarten, ohne den Maisanbau in solchen Lagen gleich ganz zu verbieten". Dazu gebe es jedoch keine rechtliche Grundlage: "Die Frage ist, wie weit sollen und dürfen wir da eingreifen. Schließlich ist jeder Landwirt auch Unternehmer und kann aus freien Stücken handeln." Bürgermeister Bindl sieht ebenfalls keine Möglichkeit, unmittelbar tätig zu werden: "Diese Grundstücke gehören ja nicht der Gemeinde. Und auf die Schnelle ist gar nichts möglich."

Kontrolle durchs Amt

Im Prinzip hätten betroffene Bauern natürlich ein starkes Eigeninteresse, der Bodenerosion entgegenzuwirken, betont Experte Schrems. "Es dauert Jahrzehnte, um guten Humus zu erzeugen. Und jetzt sind auf manchen Hängen nur noch Steine da, der gewachsene Boden fehlt." Auch müssten Landwirte je nach Erosionsgefahr amtliche Auflagen erfüllen - "je geneigter der Acker ist, desto schärfere". Das AELF kontrolliere dies auch, da ansonsten keine Fördermittel fließen dürften. Das habe jedoch nichts mit der Haftungsfrage zu tun. "Im Moment sind Landwirte bei solchen besonderen Ereignissen wie in Konnersreuth nicht verpflichtet, finanziellen Ausgleich zu leisten." Das könnte sich jedoch künftig ändern.

Schotter und nasse Erde wurden in den Ort gespült.

"Höhere Gewalt"

Auch Bürgermeister Bindl glaubt, dass es sich haftungsrechtlich um einen Fall von "höherer Gewalt" handelt. Natürlich könne er die betroffenen Bürger verstehen - "die sind alle mehr als sauer, dass so etwas in acht Tagen gleich zweimal vorkommt". Dass die Gemeinde durch die Ausweisung von Bauflächen in besonders erosionsgefährdeten Gebieten eine Mitverantwortung tragen könnte, glaubt er nicht: "Bei jeder Bauausweisung werden schließlich die Träger öffentlicher Belange gehört und die Fachstellen und Fachberatungen geben Stellungnahmen ab." Hoffnung setze die Kommune nun auf ein langfristiges Konzept, wie etwa das Projekt "Boden:ständig" des bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (siehe Hintergrund), bei dem Landwirte und Gemeinden zusammenarbeiten. Denn: "Einer allein kann gar nichts machen", ist Bindl sicher.

Info:

Erosionsschutz

Das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Tirschenreuth ist nicht nur in Konnersreuth aktiv. Auch die Gemeinde Leonberg habe lange Probleme mit starker Bodenerosion gehabt, erklärt Pflanzenbau-Experte Johannes Schrems. Dort hätten spezielle Erosionsschutzstreifen sowie Randstreifen Besserung gebracht. Dazu wird die Anbaufläche unterteilt und zwischen den Mais Gras oder eine andere Getreideart eingesät. Denn der Neigungswinkel sei weniger problematisch als die Länge der Ackerfläche, erklärt Schrems. Der Bodenerosion könne auch mit einer abwechslungsreichen Fruchtfolge Einhalt geboten werden. Allgemein habe sich die Maisanbaufläche im Zuständigkeitsbereich des AELF Tirschenreuth auf einem kosntanten Level eingependelt. Kultiviert werde sowohl Silo- als auch Energiemais.

Das Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten hat 2014 die landesweite Initiative "Boden:ständig" ins Leben gerufen. Landwirte und Gemeinden arbeiten hierbei zum Schutz von Boden und Gewässern zusammen. Wie das Ministerium schreibt, erforderten die aktuellen klimatischen Veränderungen mit zunehmenden Starkregenereignissen und Trockenphasen Anpassungen der Landschaftsgestaltung und Bodennutzung. Kernelement sei das Prinzip der Freiwilligkeit. Unterstützt werden Gemeinden und Bauern von den Ämtern für Ländliche Entwicklung und den Landwirtschaftsämtern. Bayernweit gibt es derzeit 40 Projektgebiete, davon liegen zwei im Landkreis Amberg-Sulzbach (Gemeinden Freudenberg und Auerbach). Ein Projekt betrifft die Gemeinde Neualbenreuth im Kreis Tirschenreuth.

Kommentare

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Maria Estl

Ein Aspekt, der die Schlammfluten zukünftig noch vergrößern könnte, wird hier nicht erwähnt: Der Bau der erdverkabelten Gleichstromleitung (HGÜ), die nahe Konnersreuth vorbeiführen soll.
Bislang sind erdverkabelte Höchstspannungsstromleitungen, die wie die geplante HGÜ 525kV über Hunderte von Kilometern transportieren sollen, noch nicht erprobt. Was Experten aber jetzt schon sagen können: Die Eingriffe in den Boden werden gravierend sein und möglicherweise über Jahrzehnte Auswirkungen haben.
Hubert Aiwanger, selbst Landwirt, MdL und Landesvorsitzender der Freien Wähler, führte die Risiken in einem Vortrag Ende Februar in Arzberg aus. Seine wesentlichen Aussagen: Mit der Erdverkabelung von Süd- und Süd Ost Link kommen Eingriffe in den Untergrund, die diese Republik noch nicht gesehen hat, denn Grundwasserströme können sich überregional im großen Stil verändern, Brunnen können plötzlich trocken fallen und kein Experte kann das Risiko der Eingriffe ausrechnen.
Aus meiner Sicht wäre es besser, die Ursachen des Starkregens zu bekämpfen, statt alle Verantwortung den Bauern zuzuschieben. Der Klimawandel, der solche Wetterextreme verursacht, wird ohne Gegenmaßnahmen voranschreiten. Energiewende, und zwar dezentral und mit einem Energiemix aus Sonne, Wind und Biogas und ohne Kohlestromtrassen wie die Süd Ost Trasse, ist hier das Gebot der Stunde. Dass Kohlestrom, der den Klimawandel noch anheizt, transportiert wird, ist längst unstrittig. Das wird auch durch Experten wie Prof. Claudia Kemfert vom DIW („Kohlestrom verstopft die Leitungen und erfordert stets mehr Ausbau der Netze“) immer wieder bestätigt.

12.06.2018

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