27.11.2020 - 18:36 Uhr
Deutschland & Welt

Neue Ermittlungen 30 Jahre nach tödlichem Anschlag

In einer Novembernacht 1990 bricht in einem von türkischen Familien bewohnten Haus in Kempten ein Feuer aus. Ein Kind stirbt. Täter werden nie gefunden, der Hintergrund bleibt offen. Wieder einmal die Frage: Wurde etwas übersehen - war es ein rechtsextremer Anschlag?

von Agentur DPAProfil

Kempten (dpa/lby) - 30 Jahre nach einem tödlichen Brandanschlag auf ein von türkischen Familien bewohntes Mehrfamilienhaus in Kempten sind die Ermittlungen neu aufgenommen worden. „Ein extremistischer Hintergrund kann nicht ausgeschlossen werden“, sagte ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft am Freitagnachmittag. Bei dem Feuer war ein fünfjähriger Junge gestorben. Ermittelt werde wegen Mordes. Im Visier seien jedoch bisher keine konkreten Personen als Tatverdächtige.

Ein Bekennerschreiben von damals sei mit „Anti Kanaken Front Kempten“ unterzeichnet gewesen, sagte der Sprecher. Das Schreiben war nach der Tat bei einer Zeitung eingegangen. Diese Gruppierung sei nach dem Stand der damaligen Ermittlungen nicht bekannt gewesen. Zudem habe das Schreiben kein Täterwissen enthalten. Es sei eine Spur gewesen, die man damals verfolgt habe.

Die damaligen kriminalpolizeilichen Ermittlungen wegen Brandstiftung mit Todesfolge hatten nicht zur Aufklärung geführt. Nach dem Anschlag war zeitweise die Rede von einem Streit unter Landsleuten gewesen. Auch lägen keine Erkenntnisse über eine „politisch motivierte Tat“ vor, teilte die Polizei damals rund zehn Tage nach der Tat mit. Das Bekennerschreiben war allerdings erst mehrere weitere Tage später bei der Zeitung eingegangen.

Anlass für die Wiederaufnahme der Ermittlungen seien nun Presseanfragen zu dem Fall gewesen, sagte der Sprecher. Dabei ging es darum, dass in der Nähe des Tatorts in der Innenstadt von Kempten „Personen mit rechtsradikalem Hintergrund“ gelebt haben sollen, wie der Sprecher sagte. Das werde nun untersucht.

„Tagesspiegel“ und „Zeit Online“ zitierten nun in neuen Veröffentlichungen aus dem in Runenschrift verfassten und mit Hakenkreuz verzierten Bekennerschreiben: Der „von uns verübte, sehr erfolgreiche Anschlag auf das von Türken bewohnte Haus“ sei „erst der Anfang“ gewesen. Weiter: „Wir werden nicht ruhen, bis Kempten von allen undeutschen Kreaturen befreit ist.“ Kempten werde die „erste Stadt sein“, die „nicht von Schwulen, Linken, Ausländern und anderen Schweinen geplagt“ werde, heißt es darin, wie auch der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft bestätigte.

Die Hausbewohner waren in der Nacht auf den 17. November 1990 von dem Feuer im Haus überrascht worden. Größtenteils konnten sie sich nur durch einen Sprung aus dem Fenster aus dem brennenden Gebäude retten, mindestens fünf Menschen erlitten zum Teil schwere Verletzungen. Den fünfjährigen Sohn einer Familie konnte die Feuerwehr zwar noch aus dem Haus bergen, er starb jedoch kurz darauf im Krankenhaus.

Das Feuer war mit Hilfe einer brennbaren Flüssigkeit gelegt worden. Das Mehrfamilienhaus war damals bis auf die Grundmauern niedergebrannt, die türkischen Familien wurden vorübergehend bei Verwandten und Bekannten in Notunterkünften untergebracht.

Die Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus (ZET) bei der Generalstaatsanwaltschaft München leitet nun die neuen Ermittlungen, die das Polizeipräsidium Schwaben Süd/West seit Oktober führt. Eine Sonderkommission wurde eingerichtet.

Mitteilung Polizei

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