24.03.2020 - 14:11 Uhr
OberpfalzDeutschland & Welt

Berufspendler aus Tschechien fehlen in Oberpfälzer Kliniken und Betrieben

Die tschechische Grenze nach Bayern ist auch für Pendler dicht. Das hat Auswirkungen auf die Oberpfalz: 12000 Beschäftigte kommen aus dem Nachbarland. In den Kliniken in Weiden und Amberg fehlen Ärzte. Auch die Betriebe schlagen Alarm.

Die Kliniken Nordoberpfalz AG ist von der Schließung der tschechischen Grenze betroffen. Mehrere tschechische Ärzte brauchen jetzt möglichst schnell eine Unterkunft in der Oberpfalz.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Der neue Erlass der tschechische Regierung vom Montag, 23. März, zur Eindämmung der Corona-Pandemie die Grenzen nach Bayern und Österreich auch für Tagespendler zu schließen, betrifft mehrere zehntausende Tschechen mit einem Job in Bayern. 22.000 Tschechen arbeiten im ostbayerischen Grenzraum. In der Oberpfalz sind es rund 10.000. Viele Betriebe und auch Krankenhäuser in der Region sind deshalb betroffen, weil die Mitarbeiter aus dem Nachbarland nun nicht mehr einreisen dürfen.

So arbeiten am Weidener Klinikum zahlreiche Angestellte aus Tschechien, über 10 davon haben keinen Wohnsitz in Deutschland und pendeln täglich ein. Die meisten dieser Pendler seien Ärzte, berichtet Michael Reindl. Laut dem Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Klinik würde ein Großteil davon täglich in die Max-Reger-Stadt einpendeln. Wegen der Grenzschließung "ergeben sich natürlich Auswirkungen", bestätigt er. Zwar könnten Einschränkungen in der medizinischen Versorgung für die Bevölkerung durch Mehrarbeit des verbleibenden Personals verhindert werden. Doch das bedeute "eine weitere Belastung" für die Angestellten – "was die aktuelle Situation natürlich noch etwas verschärft", so Reindl. Das Klinikum versucht nun, den Pendlern bei der Suche nach einer Unterkunft in Weiden und Umgebung zu helfen. Dies sei laut dem Pressesprecher "selbstverständlich". Mehrere Mitarbeiter hätten angekündigt, diese Hilfe gerne anzunehmen.

36 tschechische Ärzte im Amberger Klinikum

Ganz ähnlich ist die Situation im Amberger St.-Marien-Klinikum. Dort arbeiten laut Vorstand Manfred Wendl 36 tschechische Ärzte, 3 davon haben keinen festen Wohnsitz in Deutschland. Das Pflegepersonal sei von der Grenzschließung nicht so stark betroffen. Mit "Hochdruck" wird Wendl zufolge gerade daran gearbeitet, "zu eruieren, wie viele Ärzte täglich einpendeln". "Wir brauchen jede helfende Hand in Vorbereitung auf das, was hoffentlich nicht kommt", sagt der Kliniken-Chef mit Blick auf zu erwartende Corona-Patienten. Wendl versucht zu beruhigen: "Wir tun alles mögliche, damit es auf die Betrieb und die Versorgung der Kranken keine Auswirkungen hat." Den tschechischen Ärzten ohne Unterkunft in Deutschland würde momentan eine Bleibe vermittelt.

Kampf um tschechische Mitarbeiter

Tirschenreuth

Abgeordnete um Unterstützung gebeten

Schon vergangene Woche sei das Problem ausbleibenden Personals durch Grenzschließungen an die Politik kommuniziert worden. "Unsere Abgeordneten haben sich der Sache angenommen. Da will ich mich nicht beschweren. Dass die Tschechen jetzt trotzdem zumachen, verwundert mich schon", sagt Wendl.

Hilferufe der Betriebe

Neben den Klinken sind auch unzählige Firmen von der Grenzschließung betroffen. "Ob Metzger, Elektro- oder Maschinenbau – uns erreichen Anfragen von Betrieben quer durch die handwerkliche Berufssparte. Die Grenzschließung betrifft jeden, der einen tschechischen Mitarbeiter hat", schlägt Jürgen Kilger Alarm. Der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz berichtet von zahlreichen Hilferufen und Anfragen von Unternehmern, die gegenwärtig einlaufen. Die Handwerkskammer (HWK) würde laut Kilger die Betriebe zwar mit Beratungen und Informationen bestmöglich unterstützen. 30 Berater stünden allein in Ostbayern für Anfragen zur Verfügung. Dennoch hätten Arbeitgeber und -nehmer keine Zeit gehabt, sich auf die Regelung vorzubereiten. "Hotels sind geschlossen. Wo also sollen die tschechischen Kollegen unterkommen", beschreibt Kilger das Problem.

Baustellen stehen still

Zu den praktischen Fragen, wie der Regelung des Grenzübertritts und der kurzfristigen Unterbringung der tschechischen Beschäftigten, kommt der wirtschaftliche Schaden. Der HWK-Hauptgeschäftsführer rechnet mit "deutlich spürbaren Auswirkungen. Zum Teil stehen jetzt schon Baustellen still, weil Personal fehlt", warnt Kilger. Weder dürften ausländische Subunternehmer in Deutschland arbeiten, noch könnten umgekehrt deutsche Firmen in Tschechien tätig werden.

Das gemeinsame Wirtschaften steht quasi auf dem Spiel, und das in einer Region, die in den letzten Jahren zu einem eng verzahnten Wirtschaftsraum zusammengewachsen ist

Jürgen Kilger, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz

Jürgen Kilger, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz

Die Dimension der gegenwärtigen Einschränkungen dürfe nicht unterschätzt werden: "Das gemeinsame Wirtschaften steht quasi auf dem Spiel, und das in einer Region, die in den letzten Jahren zu einem eng verzahnten Wirtschaftsraum zusammengewachsen ist – grenzüberschreitend." Kilger ist bewusst, dass die Grenzschließungen nur temporär sind, "aber auch eine zeitlich begrenzte Trennung hinterlässt natürlich tiefe Spuren."

Grötsch wirbt für Sonderregeln

Um die Situation zu entspannen, plädiert MdB Uli Grötsch für Sonderregeln: „Die vollständige Schließung der Grenze würde katastrophale Folgen haben. Nicht zuletzt in Sozialberufen wie in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Ich appelliere deshalb dringend an das Auswärtige Amt, in Gespräche mit unseren tschechischen Nachbarn einzutreten und eine Ausnahmeregelung für Berufspendlerinnen und -pendler zu erreichen, wie das auch bislang der Fall war.“

Aktuelle Regelungen für Berufspendler aus Tschechien?:

Arbeiten in Deutschland weiterhin möglich – aber ohne Tagespendeln

Seit diesem Montag sind die tschechischen Grenzen zur Oberpfalz auch für Pendler dicht. Weil es an dieser tschechischen Regierungsenscheidung viel Kritik gab, auch von Seiten der Bundesregierung, gelten ab Donnerstag, 26. März, Sonderregeln für Berufspendler. Darüber informiert Markus Meinke, Leiter der Stabsstelle der Europaregion Donau-Moldau. Tschechische Arbeitnehmer dürfen demnach weiterhin in der Oberpfalz arbeiten. Aber nur, wenn sie vorerst nicht in ihr Heimatland zurückreisen. Empfohlen wird den Tschechen, sich für einen Zeitraum von drei Wochen eine Unterkunft in Deutschland zu suchen. Nach der Rückkehr nach Tschechien müssen die Pendler zudem in eine 14-tägige Quarantäne. Wer den dreiwöchigen Arbeitsaufenthalt in Deutschland vorzeitig abbricht, muss nach der Rückkehr nach Tschechien ebenfalls in Quarantäne. Laut Meinke werden die Personalien der Pendler erfasst und kontrolliert, um einen Missbrauch der Regelung zu vermeiden.

Für Sie empfohlen

 

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Doris Mois

Zum Thema Einreiseverbot für tschechische Berufspendler:

Hier zeigt sich mal wieder ,wie weit für einige Leute "Wir schaffen das" und "Wir halten zusammen" geht.....es endet nämlich ein paar Kilometer weiter an der Grenze.
So gelesen in den Facebook-Kommentaren zu desem Thema.
Ich bin immer wieder erschrocken,wie mißgünstig,neidisch ,schadenfroh.....und dumm
manche Leute sind und das auch noch öffentlich kundtun!
Ohne unsere tschechischen Nachbarn,die hier bei uns arbeiten,wäre unserer Region nicht so gut gestellt,wie sie jetzt ist!
Und das Argument "bei uns gibts genug Arbeitslose,die die Firmen einstellen könnten" zieht ja nun wirklich nicht mehr.....
Mir tut es leid,dass dieser blöde Virus so viel kaputt macht und so große Kreise zieht!

25.03.2020