15.09.2020 - 13:36 Uhr
PlößbergDeutschland & Welt

Serie FreiRäume, Teil 2: Eine eigene kleine Welt

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Vielleicht fünf mal drei Meter, größer ist sie nicht, die Schnitzstube von Siegfried Sollfrank. Und doch ist sie eine eigene kleine Welt für den Hobbykünstler aus Plößberg im Kreis Tirschenreuth.

Siegfried Sollfrank mit einem seiner Lieblingsstücke: In den „Drei Gämsen“ stecken rund 15 Stunden Arbeit.
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Der Rentner lebt am Rand der Marktgemeinde, dort, wo die Bebauung Äckern und Wiesen weicht. Und gleich rechts in der Diele des Einfamilienhauses geht es in den kleinen Hobbyraum. Geleckte Instagram-Kulissen sucht man in Sollfranks Refugium vergebens. Hier wird gearbeitet, nicht gepost. Zum Sägen, Schnitzen, Schleifen und Bemalen braucht es Werkzeug, gutes Licht, aber nicht viel Platz und schon gar keinen werbeträchtigen Influencer-Schnickschnack. Seine Werkstatt öffnet der Oberpfälzer nur für unsere "Freiräume"-Serie der Öffentlichkeit.

Siegfried Sollfrank hat sich einfach im ehemaligen Gästezimmer eingerichtet, das früher an Urlauber aus Berlin oder dem Ruhrpott vermietet wurde. Doch diese Touristen kommen längst nicht mehr in den Oberpfälzer Wald. Gelernt hat Sollfrank Porzellanmaler. Auch von diesem traditionellen Industriezweig der Oberpfalz und des angrenzenden Oberfrankens ist nicht mehr viel übrig geblieben.

Schnitzen hat ebenfalls Tradition in der Region, und sie hat sich hier erhalten: Schon seit 200 Jahren entstehen in den Plößberger Familien Weihnachtskrippen. Ofenbauer hatten das Handwerk von ihren Einsätzen in Böhmen, Tirol und Thüringen mitgebracht. Die im Fünf-Jahres-Rhythmus stattfindende "Plößberger Krippenschau" des örtlichen Oberpfälzer Waldvereins ist inzwischen zu einiger Berühmtheit gelangt. Und hier liegen auch die Wurzeln für Siegfried Sollfranks Schnitz-Begeisterung.

"Ich war als Musiker schon immer mit dabei bei der Eröffnung der Ausstellungen", erzählt Sollfrank. Im Jahr 2000 probierte er es dann selbst mit dem Schnitzen. "Da war ich schon 57." Und er leckte Blut: "Jetzt bin ich seit 20 Jahren jeden Tag in meiner Schnitzstube." Außerdem leitet Sollfrank die Treffen der OWV-Gruppe, die sich ab Oktober einmal wöchentlich zum gemeinsamen Schnitzen trifft. Ob das auch heuer so sein wird, weiß Siegfried Sollfrank noch nicht - Corona könnte den Hobbykünstlern einen Strich durch die Rechnung machen.

In Sollfranks Schnitzwerkstatt bleiben solche Probleme außen vor. Herzstück ist die kleine selbst gebaute Werkbank, die auf einem alten Autoreifen ruht. "Den habe ich ausbetoniert, damit das Ganze stabil wird", erzählt Sollfrank stolz. Hier finden die benötigten Werkzeuge Platz, eine Schleifvorrichtung ist angebaut, und am Kopfende lassen sich die Motiv-Vorlagen für das Werkstück aufstellen. Bleistift, Pinsel, Leim, Zahnstocher und Zollstock liegen nebeneinander auf der Arbeitsfläche. In einem ausrangierten "Nachtkastl" auf Rollen bewahrt Sollfrank unter anderem Schleifmittel und Blattgold auf. An der Wand laufen eine weitere Arbeitsfläche und Regalböden entlang, ebenfalls selbst gebaut. Hier bemalt Sollfrank die fertigen Figuren. "Das nennt man Fassen", erklärt der Hobbykünstler.

Farbtuben, Gläser voll von Pinseln, Flaschen mit Verdünner, Küchenrolle, Lappen, eine Mischpalette - der gelernte Porzellanmaler ist bestens ausgestattet. Besonders stolz ist Sollfrank auf sein Projekt aus dem Jahr 2019, eine Darstellung des Letzten Abendmahls. "Das habe ich alles selbst gemacht, auch den Saal. Solche Spezialsachen gibt's nur bei mir", sagt er und schmunzelt. Längst hat er die unterschiedlichsten Szenen aus der ganzen Bibel geschnitzt, angefangen bei Adam und Eva bis hin zur Kreuzigung von Jesus Christus. Vor dem Hintergrund einer - natürlich selbst gemalten - orientalischen Stadtkulisse ist der ganze Kreuzweg dargestellt. Auch das war ein Projekt aus dem Vorjahr.

Auf eines legt Sollfrank jedoch Wert: "Ich bin bloß Hobbyschnitzer, kein ausgebildeter Holzbildhauer. Da ist schon noch ein großer Unterschied." Sein Einstieg vor 20 Jahren war indes ganz klassisch: "Mit Schoufalaschnitzn fangt ma oa", sagt er. Das habe großen Spaß gemacht, "und dann denkst, du moust weidermacha, dass des wos wird." Sollfrank buchte also einen einwöchigen Kurs bei Profis in Österreich, nichts Ungewöhnliches unter Hobbyschnitzern, wie er sagt. Schritt für Schritt lernte Sollfrank, aus einem Stück Lindenholz eine detailreiche Figur zu gestalten. Aus einem anderen Kurs brachte er ein Vierkantholz mit, in das stufenweise derselbe Christuskopf geschnitzt ist, von den groben Umrissen bis zur feinen Ausarbeitung der Gesichtszüge.

Die erste Folge der Serie FreiRäume: Zu Besuch in einem Keller voller Whisky

Poppenricht

Wenn Siegfried Sollfrank in seiner Schnitzstube werkelt, darf eines nicht fehlen: das Programm von "BR Heimat" aus dem Digitalradio. Das erklärt auch, warum mitten in der kleinen Werkstatt ein Kontrabass steht. "Wenn im Radio ein Stückl kommt, das ich kenn, hör ich mit dem Schnitzen auf und spiel es am Bass mit." Denn die Musik war die erste große Leidenschaft von Sollfrank - aber das ist eine eigene Geschichte.

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