29.06.2018 - 10:36 Uhr
Sulzbach-RosenbergDeutschland & Welt

Ein zweites Leben geschenkt

Informationen aus erster Hand gibt es für eine Berufsschulklasse in Sulzbach-Rosenberg: Die Organempfängerin Kathrin Schidla spricht über ihre Herztransplantation.

Kathrin Schidla lebt seit 2016 mit einem fremden Herzen.

von Gabriele Weiß Kontakt Profil

"Ich bin die Kathrin und ich habe gestern erst wieder meinen zweiten Geburtstag gefeiert." Die Frau, die das sagt, trägt rot gefärbtes Haar, ein kurzes Jeanskleid und Tattoos. Nichts deutet darauf hin, dass sie noch vor zwei Jahren dem Tod näher war als dem Leben. Denn Kathrin Schidla aus Schwarzenfeld lebt seit 2016 mit einem fremden Herzen. Das Spenderorgan war ihre letzte Chance, und um darüber zu reden, ist sie in die Berufsschule Sulzbach-Rosenberg gekommen.

"Ganz normales Leben"

Die Pädagogin für evangelische Religionslehre Elke Müller hat Schidla eingeladen, nachdem sie im März in unserer Zeitung einen Bericht über sie gelesen hatte. Dahinter stand der Wunsch, die Klasse - es sind Büro- und Industriekaufleute im zweiten Ausbildungsjahr - für das Thema "Organspende" zu sensibilisieren. Das hatte sich nämlich als schwieriger erwiesen als gedacht. Aber jetzt ist "die Kathrin" da und versucht, gleich eine Bindung zu den jungen Menschen aufzubauen. Sie habe ein ganz normales Leben geführt, erzählt die 41-Jährige - "ich habe Yoga gemacht, ich bin feiern gegangen, habe nochmal eine Ausbildung zur Kosmetikerin und Fußpflegerin gemacht, ich hab geraucht und auch mal Alkohol getrunken, ich war mit meinem Hund viel in der Natur Gassi".

Doch dann habe sie unter zunehmender Atemnot gelitten. Ein Arzt behandelte Schidla zunächst wegen Heuschnupfens. Als Tabletten und Cortisonspray wochenlang nicht anschlugen, suchte die Schwarzenfelderin auf Anraten ihrer Mutter in Amberg einen Lungenfacharzt auf. Der überwies sie sofort ins Klinikum Sankt Marien: Kathrin Schidla hatte keine harmlose Pollenallergie, sondern Wasser in Herz und Lunge. "Herzsarkoidose" lautete die Diagnose der Mediziner.

Ich habe meine Zukunft auch anders geplant. Nie hätte ich gedacht, dass ich mal so krank werde.

Kathrin Schidla aus Schwarzenfeld

In der Klasse ist es mucksmäuschenstill, als Schidla erzählt, wie ihr Leben sich fortan auf den Kopf stellte. Mit einer "Defi-Weste" sei sie schließlich aus dem Krankenhaus entlassen worden. Und dann, im Juni 2014, "bin ich im rot-weiß gepunkteten Bikini unterm Zwetschgenbaum im Garten gelegen und habe meinen ersten Herzstillstand gehabt". Der Defibrillator rettete der damals 37-Jährigen das Leben. Das also war ihr "erster zweiter Geburtstag". Doch überstanden hatte Kathrin Schidla damit noch lange nichts. Im Gegenteil - ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich immer weiter, bis sie sieben Monate auf der Intensivstation des Universitätsklinikums Regensburg verbrachte. "Fast die Hälfte davon im Koma."

In letzter Minute

Nur eine Herztransplantation konnte die junge Frau nach insgesamt sechs Herzstillständen noch retten. Buchstäblich in letzter Minute fand sich im Februar 2016 ein geeignetes Spenderorgan. Die Rückkehr ins Leben war schwierig, erzählt Schidla den Schülern. "Ich habe alles wieder neu lernen müssen, essen, gehen, reden." Inzwischen ist sie in ihrem neuen Leben angekommen - "ich kann Yoga machen, ich war schon wieder zweimal auf dem Pferd, ich bin letzte Woche in ein kleines Haus mit Garten umgezogen, ich war letztes Jahr viermal im Urlaub. Einmal davon in Malle auf dem Ballermann". Die Schüler schmunzeln.

Doch Kathrin Schidla spart auch die Schattenseiten des Lebens mit einem Spenderorgan nicht aus. Sie dürfe zum Beispiel nicht mehr alles essen, nicht mehr in der Sonne liegen, nicht im See baden gehen. "Dabei habe ich das im Sommer so gerne gemacht mit meinen Freundinnen." Schidla nimmt bis zu 30 Tabletten am Tag, steht unter ständiger ärztlicher Kontrolle und ist inzwischen Rentnerin. "Ich habe meine Zukunft auch anders geplant. Nie hätte ich gedacht, dass ich mal so krank werde." Sie zeigt den Schülern ihr Oberarmtattoo: Zwei Uhren symbolisieren die Wendepunkte in ihrem Leben. "Man muss nicht von Geburt an so krank sein. Aber man kann, auch wenn man schon so weit unten war, trotzdem noch viel schaffen."

Schidla spricht auch das Thema Glauben an. „Es ist jetzt nicht so, dass ich jeden Sonntag in die Kirche gehe.“ Wohl aber habe sie die Krankensalbung – sie nennt es „letzte Ölung“ – erhalten und auch das Bedürfnis verspürt, mit einem Seelsorger zu sprechen. Ein pensionierter evangelischer Pfarrer sei dann auch tatsächlich jeden Nachmittag für eine halbe Stunde an ihr Krankenbett gekommen, erzählt Schidla.

Ein Wunder

"Hast du auch mit dem Rauchen und Alkohol trinken aufgehört?", will eine Schülerin wissen. Alkohol konsummiere sie noch hin und wieder, jedoch nur in Maßen, sagt Schidla, "mal einen Hugo, eine Weinschorle oder ein Radler." Rauchen würde sie gar nicht mehr. "Ich finde, das bin ich meinem Spender und auch mir schuldig. Ich habe ja ein zweites Leben geschenkt bekommen." Ein Spenderherz zu erhalten "und dass es passt - das ist ein Wunder". Schidla erzählt: "Mein Kumpel, der fast vier Monate auf ein Herz gewartet hat, hat es gestern bekommen. Darüber habe ich mich sehr gefreut und auch geweint."

Info:

Schüler-Reaktionen

Die Schülerinnen und Schüler zeigen sich von der Offenheit Kathrin Schidlas sehr beeindruckt: Sie habe frei und ohne Angst von ihrer Lebens-und Krankheitsgeschichte erzählt, finden sie. Sie betonen „erzählt“, denn es sei kein „Berichten“ gewesen.

Dass Schidla auch über ihre Gefühle wie Ängste und Hoffnungen sprach, hat die Schüler besonders berührt und ihnen imponiert. Die jungen Menschen bezeichnen Kathrin Schidla unter anderem als starke Frau, herzlich und offen, freundlich, lebensfroh, weltoffen, dynamisch und beeindruckend. Auch Lehrkraft Elke Müller gefällt die direkte Art sehr gut: „Frau Schidla sprach unverkrampft und frei, auch anschaulich, und man konnte ihr gut folgen.“ (m)

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