Stein auf Stein: Ein Verein baut eine Burg

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Wo vor 40 Jahren auf dem Waldecker Schlossberg nur ein Haufen Steine an die ehemalige Burg erinnerte, stehen heute Mauern, Treppen und Türme: Das alles ist Verdienst eines Vereins.

Von der Burg Waldeck aus wurde über Jahrhunderte das Kemnather Land regiert. Seit 40 Jahren baut der Heimat- und Kulturverein Waldeck nun die Burg so wieder auf, dass erkennbar ist, wo früher Gebäude und Türme standen.
von Maria Oberleitner Kontakt Profil

Er kennt hier oben jeden Stein, kann zu jeder Mauer eine Geschichte erzählen. Im Sommer ist der 68-Jährige fast jeden Tag auf der Burg. Es gibt schließlich immer was zu tun - das weiß Georg Wagner wie kein zweiter. Hacke, Schaufel, Kelle und Besen gehören mittlerweile zu Wagners Handwerkzeug. Für einen Rundgang zieht er den blauen Arbeitskittel aus und rückt den Strohhut zurecht. Folgt man ihm durch die Burg, spürt man schnell, dass diese Steine zu seiner Lebensaufgabe geworden sind.

1979, als sich der Heimat- und Kulturverein Waldeck gründete, konnte man kaum erahnen, dass hier einst eine Burg thronte. Wagner erinnert sich an einen "bewucherten großen Steinehaufen", von der Ruine waren nur kleine Reste zu sehen. Zum Beispiel eine kleine Ecke des Herrenhauses, höchst einsturzgefährdet. Mit der Stabilisierung dieser Ecke fing alles an, vor gut 40 Jahren. Damals einte die Vereinsmitglieder dieser eine Gedanke: "Das muss erhalten werden." Und tatsächlich: Die Fundamente des ehemaligen Herrenhauses waren die ersten, die freigelegt und aufgemauert wurden - um anzudeuten, wo die Burg einst stand.

Ein Rundgang über die Burg mit Georg Wagner

Buddeln mit Ausblick

"Wir wollten auch zeigen, wie groß die Burg wirklich war", sagt Wagner. Er ist Vereinsmitglied der ersten Stunde, anfangs war er Schriftführer, später hat er den Vorsitz übernommen - und seitdem viel Zeit auf der Burg verbracht. Sehr viel Zeit.

Er schätzt, dass er im Jahr sicher zwischen 500 und 700 Stunden auf der Burg arbeitet. Rechnet man diesen Arbeitsaufwand auf 40 Jahre hoch, kommt man auf über ein Jahr reine Arbeitszeit. Das merkt man auch, wenn man mit ihm durch die Ruine geht. Hier erzählt er von einer Wendeltreppe, die zum Herrschaftshaus geführt haben müsse. Ganz hinten in der Ecke, sagt er, haben wir eine alte Feuerstelle gefunden. Immer wieder weist er hin auf Eigenheiten dieser und jener Mauer, erzählt von Knochen und einem Beil - Hinweise auf eine Küche? - , die bei Grabungen in einer anderen Ecke aufgetaucht waren.

Wagners Lieblingsort hier oben ist der Bergfried. Von Grafenwöhr bis Weidenberg, vom Rauhen Kulm bis in die Fränkische Schweiz, nach Mehlmeisel und bis in Richtung Erbendorf hat man hier einen 360-Grad-Rundblick. Kneift man die Augen zusammen, erkennt man am Horizont sogar die Burgruine Flossenbürg. "Die Burg Waldeck selbst hatte zwar nicht viel Landbesitz", erklärt Wagner, "aber man konnte vom Bergfried aus das gesamte Gebiet, über das hier geherrscht und entschieden wurde, überblicken."

Durch ein Gitter blickt Wagner nun nach unten, ins Innere des Bergfrieds, und erinnert sich an die Überreste des Turms wie er sie vor gut 40 Jahren vorgefunden hat: ein Haufen Steine. Früher könnte hier im Inneren des Bergfrieds ein Gefängnis gewesen sein - oder ein Pulverturm. Oder beides im Laufe der Jahrhunderte.

Mörteln und Mähen

Wo man heute in Richtung Süden auf Felder, Bäume und sanfte Hügel blickt, lag vor 200 Jahren am Fuß des Burgberges der "alte Markt" Waldeck. Wagner spekuliert, dass sich hier auch Tagelöhner und Handwerker, die auf der Burg arbeiteten, angesiedelt haben. Er zeigt auf leichte Vertiefungen im Boden. "Da könnten einmal Häuser gestanden haben." Zumindest bis ins Jahr 1794. Ein großes Feuer brannte den gesamten Markt nieder - und die Waldecker beschlossen, ihr Dorf als "neuen Markt" auf der gegenüberliegenden Seite der Burg wieder aufzubauen.

Seit 2011 ist Wagner im Ruhestand - seitdem ist er im Sommer fast jeden Tag auf der Burg. Zusammen mit zwei, drei Helfern. Die Jahre zuvor investierte man Wochenenden und Abende in den Burgbau. "Damals noch in größeren Gruppen, Mähen, Pflegen und Mörteln. Das alles geht nur, wenn eine Truppe zusammenkommt, die zusammenhält." Versonnen blickt Wagner in die Ferne. Nach all den Jahren kommt er immer noch gern hier her, sagt er. "Der Ausblick und die Landschaft sind einfach wunderbar."

Die Burg wieder sichtbar machen - das war von Beginn an der Plan. Trotzdem: "Es kommen schon immer wieder Situationen, wo man sagt: Jetzt langt's." Aber das Ziel, die Burg wieder herzurichten sei immer im Vordergrund gestanden. "Und wenn man A sagt, muss man auch B sagen."

Wieso Wagner und seine Vereinsgenossen auch nach 40 Jahren immer noch nicht genug haben von "ihrer" Burg, das mag auch an ihrem Entdeckergeist liegen. Denn so mühsam die Arbeit ist, so faszinierend und spannend ist sie auch - wenn man genügend Geduld mitbringt. So erzählt Wagner von ausgebuddelten Münzen, Türklinken, Metallkugeln, Pfeilspitzen, bemalten Scherben und Porzellanstücken. "Ein ganz besonderes Highlight ist es, wenn man Mauerreste findet, von denen man bisher so gar nicht wusste, dass sie existierten." "Die Burg wurde ja 600 Jahre lang bewirtschaftet und bewohnt - da kam doch der ein oder andere Umbau vor", erklärt Wagner. So haben zum Beispiel die Schweden, das Rondell "unter Waldeck" angebaut, ebenso wie die "neue Bastei".

Im Altarraum der restaurierten Kapelle stehen 14 Stelen. Mit einen beweglichen Altar und Bänken können hier auch Gottesdienste gefeiert werden.

Jahrelange Suche nach der Treppe

Eine der größten Überraschungen? "Die Treppe." Es folgt die Geschichte der jahrelangen Suche nach einem Aufgang zur Oberburg. Bis eines Tages beim Buddeln auf einmal Stufen zu Vorschein traten - die sich als historische Stufen aus dem 15. und 16. Jahrhundert herausgestellt haben.

Das teuerste Projekt? "Die Burgkapelle." Wagner grinst. Mit einem Kostenvoranschlag von erst 400 000 Mark und schließlich ebensoviel Euro lagen die Pläne zur Restaurierung der Kapelle lange in seiner Schublade. "Obwohl mir die Kapelle immer besonders am Herzen gelegen ist, ist ihre Sanierung jahrzehntelang an den Kosten gescheitert."

Es gibt hier noch viele alte Mauern, die aufs Ausgraben warten.

Georg Wagner vom Heimat- und Kulturverein Waldeck

Georg Wagner vom Heimat- und Kulturverein Waldeck

2015 schließlich, nachdem 20 Jahre lang ein Notdach die Kapelle bedeckte, erfuhr Wagner durch einen Zufall von einem bundesweiten Denkmalfonds. „Es musste schnell gehen damals – aber wir hatten Glück und sind dann auch tatsächlich ausgewählt worden.“ 200 000 Euro gab es schließlich aus dem Fonds, der Verein hat ordentlich draufgelegt, und auch die Stadt Kemnath war großzügig.

„Mindestens eineinhalb Jahre hatten wir zuvor schon im Verein darüber diskutiert, wie die Kapelle schließlich aussehen sollte. Den Plan, sie als Kirche wiederaufzubauen, haben wir recht schnell verworfen.“ Sei doch schon das Notdach recht pflegebedürftig gewesen. Das Konzept, auf das sich schließlich alle einigen konnten, setzt neu und alt in einen Kontrast – 14 Stelen stehen im Altarraum, angelehnt an die 14 Stationen des Kreuzwegs. Ein transportierbarer Altar und bewegliche Bänke ermöglichen, dass hier auf der Burg zweimal im Jahr Gottesdienst gefeiert werden kann: Eine Maiandacht und eine Messe zum Patrozinium Ende August. Auch auf kleinste Details wurde geachtet: Die Glocke, die zur Andacht läutet ist in den Tonlage genau abgestimmt auf die Waldecker Pfarrkirche – und wurde vor Ort extra gegossen.

Dass das meiste Geld aber in die Wiederherstellung des Gewölbes unter der Kapelle geflossen ist, ahnt man kaum. Versperrt hinter Gittern sind dort die Bänke gelagert, die nur für die Gottesdienste hervorgeräumt werden. Apropos Geld: Insgesamt knapp eine Million Euro, schätzt Wagner, sei im Laufe der Jahre in die Renovierung der Burg geflossen. „Die Palette Mörtel kostet 400 Euro.“ Steine hat der Verein nie zukaufen müssen – es wurden immer die „Originale“ verwendet. Trotzdem haben sie die Mauern stets nur angedeutet, nie richtig hochgezogen. „Das wäre finanziell und personell nicht zu stemmen gewesen.“

Visionen im 9. Bauabschnitt

Visionen hat Wagner noch einige: Das Sahnehäubchen wäre für ihn ein Info-Pavillion, wo alles gesammelt wird, was es an Informationen gibt. Aber zunächst heißt es wieder anpacken, denn noch vor dem Winter wird der Turm am Rondell „Friesecker“ wiederaufgebaut. Momentan läuft die Ausschreibung, am 3. August wird der Bauauftrag vergeben. Der Verein hat sich Unterstützung mit ins Boot geholt – wie schon bei Bergfried, Wehranlage und Kapelle. „Wir können schließlich nicht alles selbst machen“, sagt Wagner. Er lacht, als er an drei großen Steinhaufen vorbeigeht. „Neunter Bauabschnitt.“ Es ist alles vorbereitet. Kurz bleibt Wagner stehen und blickt den Hang entlang – dort unten liegen auch noch etliche Stücke der ehemaligen Burg. Einsammeln darf der Verein die Steine aber nicht – verboten hat’s die Naturschutzbehörde. „Die Natur hat sich die Steine schon zurückgeholt, da wohnen jetzt zum Beispiel Insekten – und die sollen wir nicht vertreiben“, erklärt Wagner nicht ohne Enttäuschung.

Differenzen und guter Wille

Schon zuvor wollten nicht alle Behörden immer genau das, was der Verein wollte. Ende der 90er-Jahre, erzählt Wagner, gab es „Differenzen mit dem Denkmalschutz“, wie er sagt. Man war der Meinung, dass der Verein mehr ausgegraben hätte als eigentlich genehmigt. „Aber mit gutem Willen von beiden Seiten sind wir aufeinander zugegangen.“ Inzwischen aber sei der Denkmalschutz aber „recht zufrieden, wie alles gelaufen ist und was wir alles zum Vorschein gebracht haben“.

Plan vom Generationswechsel

„Es gibt hier noch viele alte Mauern, die aufs Ausgraben warten“, sagt Wagner. Eine dieser noch halb-verborgenen Mauern gehört zum „Kemnather Rondell“. Am Boden sieht man deutlich den Grundriss dieser Mauern. Momentan, sagt Wagner, jucke es ihn aber nicht in den Fingern, das Rondell im Westen wieder sichtbar zu machen. „Alles kann man ja auch nicht machen.“ Man müsse schließlich Aufgaben für später aufheben.

Später – vielleicht meint Wagner damit eine nächste Generation, die sich um die Burg kümmert. „Schön langsam müsste der Verein in jüngere Hände gelegt werden“, sagt der 68-Jährige. An Nachwuchs mangele es eigentlich nicht. „Aber man muss die jungen Leute schon persönlich ansprechen, sonst passiert nix.“ Leicht wird Wagner der anstehende Generationswechsel vermutlich nicht fallen – nicht nur, weil sich niemand als neuer Vorsitzender aufdrängt. Sondern, weil Wagner einen Haufen Steine übergibt, der zu seinem zweiten Zuhause geworden ist.

Die Geschichte der Burg Waldeck:

1124: Die Burg wird zum ersten Mal urkundlich erwähnt – sie war damals im Besitz von Landgraf Gebhard von Leuchtenberg.

1283: Landgraf Friedrich II. von Leuchtenberg verkauft die Burg an Herzog Ludwig von Bayern.

1329: Mit dem Hausvertrag von Pavia erhalten die Wittelsbacher die Burg Waldeck.

1419 bis 1436: Mehrmals versuchten die Hussiten, die Burg Waldeck zu stürmen.

1648: Belagerung und Eroberung der Burg durch die Schweden mit anschließender schwedischer Besetzung.

1669: Bis 1698 war die Burg Sitz des Landrichteramtes Waldeck-Kemnath.

1704/1705: Die Burg wird im Spanischen Erbfolgekrieg von kaiserlichen Truppen belagert und eingenommen. Auf Befehl wurde sie schließlich zerstört.

1794: Die Burg, die zu Teilen wieder aufgebaut worden war, brannte aus und war seitdem eine Ruine.

seit 1982: Die Burg wird restauriert

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.