Nachtklänge zum Nachdenken

Gordon Safari und „BachWerkVokal“ schlossen eine Lücke in St. Josef mit faszinierenden „Nach(t)klängen“

In bestem Teamgeist, von jugendlich-frischem Elan inspiriert, technisch überragend und gestalterisch geschliffen, so überzeugten Gordon Safari und das "BachWerkVokal" aus Salzburg.
von Peter K. DonhauserProfil

Von Anfang an begeistern die acht souverän, hoch kultiviert und blitzsauber singenden Profi-Vokalisten und ihr facettenreiches Spiel mit Dunkel und Licht, mit Raum und Zeit, mit Klang und Stille. Sie musizieren von dem akustisch hervorragenden Platz fast auf Höhe der Kanzel: Wir erleben einen homogenen, schlanken und luftigen Chorklang, nicht acht Solisten. Die Texte sind dank der weichen und geschmeidigen, aber nie zischig-harten Artikulation klar verständlich. Die Soprane profitieren am meisten von der tragenden Akustik, bei den polyphonen Bach-Werken kann man sich mehr Präsenz der Mittel- und Unterstimmen vorstellen. Die barocken Stücke dirigiert Gordon Safari charismatisch inspirierend vom Orgelpositiv aus, Christian Junger an der Violone steuert das 16’-Register bei, bisweilen wünscht man klarere Zeichnung der Basslinie durch ein supplierendes Violoncello in 8’-Lage.

Das Programm ist feinsinnig durchdacht: „Nachklänge“ - Motto der Reger-Tage - mit Regers Vorbildern Bach, Koessler, Rheinberger und Brahms. „Nachtklänge“ mit Nachtliedern, den Themen Maria, Tod und Erlösung. Erst die Ausleuchtung des Klangraums Kirche: Bei Arvo Pärts "Solfeggio" stehen die Sänger kreisförmig um die Zuhörer. Die gesungenen Tonsilben entsprechen ihren Tonhöhen, also do = (Grund-) Ton c, re = d.

Seelsorger Bach

Dann Bachs doppelchörige Motette „Ich lasse dich nicht“ BWV Anh. 159, sie gelingt großartig: Da sind halt Profis am Werk, da hat jede Silbe ihr austariertes Gewicht, kein Prediger könnte die Texte rhetorisch besser sprechen, Anteilnahme und Innigkeit berühren zutiefst. Ein Gleiches gilt für „Komm Jesu komm“ BWV 229 am Ende des Konzerts: Schlicht, klar und spirituell erfüllt, ohne opernhaft aufgedunsene Dramatik. Auch Bachs Choräle (Nun ruhen alle Wälder BWV 245) wirken auch ohne romantische Aufputschmittel. Ein geistliches wie musikalisches Highlight wird die Arie „Schlummert ein, ihr matten Augen“ aus BWV 82. Mit dieser möchte man einst getrost vor seinen Schöpfer treten, da öffnet Petrus die Himmelstüre!

Spiritueller Reger

Die Salzburger können aber auch Romantik: Makellos die Intonation, erstaunlich die dynamische Spannweite vom Pianissimo zum Fortissimo, mit großem Atem die Melodielinien, flexibel und süffig der Gesamtklang. Aus Opus 138 von Reger, dieser Chorsatz lag neben seinem Totenbett: „Der Mensch lebt und bestehet nur eine kleine Zeit“. Er klingt wie aus überirdischen Sphären herüber. Seismographisch-sensibel sein „Nachtlied“ und „Unser lieben Frauen Traum“. Reger in schlichtem Gewand, ohne die geliebte Polyphonie, an Rheinberger (Abendlied) und Brahms (Schnitter Tod, In stiller Nacht) orientiert.

In der Mitte des Konzerts John Cage: 4 Minuten 33 Sekunden, drei Sätze „tacet“ also Stille. Erst erwachen Umweltgeräusche, das Orgelgebläse, der Straßenverkehr. Dann melden sich "Ohrwürmer", beginnt Musik im „Kopfkino“ zu spielen, wir Zuhörer machen Gedanken-Musik, jeder ein anderes Stück. Genial! Ovationen zum Schluss, Regers „Der Mond ist aufgegangen“ erweist sich in der Regennacht als Fake. Reger-Chormusik, dringend pfleglicher Fortführung empfohlen!

BachWerkVokal Salzburg

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