Oberpfälzer Discos stehen auf "verlorenem Posten"

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Während Deutschland langsam aus dem Corona-Shutdown erwacht, bleibt die Nachtclub-Branche völlig außen vor. Oberpfälzer Discos kämpfen deshalb um ihre Existenz – mit kreativen Ansätzen.

von Tobias Gräf Kontakt Profil

Menschengedränge auf der Tanzfläche, Körper an Körper, feucht-warme Luft, Schreien, um die laute Musik zu übertönen – und Unmengen Alkohol. Discos gelten in der Coronakrise als Hochrisikozone, die Bedingungen für eine massenhafte Infektion mit dem Virus Sars-CoV-2 sind hier besonders günstig. Dementsprechend strikt sind auch die Vorgaben: Während in ganze Bayern die Wirtschaft aus dem Corona-Lockdown erwacht und Schulen, Gaststätten und Hotels ihre Pforten wieder öffnen, herrscht auf den Tanzflächen weiterhin Totenstille.

Die harten Vorgaben sind nicht nur ein Einschnitt im Partyleben vieler Oberpfälzer. Sie bedrohen auch die Existenz der Nachtclubbesitzer. "Für mich ist die Situation auf jeden Fall verzweifelt, vor allem, weil ich das hauptberuflich mache und keinen Nebenverdienst habe", sagt Daniel Zienert. Seit fünf Jahren betreibt der 34-Jährige den Club "Hashtag" in der Weidener Altstadt - und: "Unsere Branche ist von allen am härtesten betroffen, weil es ein Shutdown auf Null ist."

Nachtclubs sind Hochinfektiöse Riskiozonen, sagt ein Virologe.

Deutschland und die Welt

Flirten und Abstand unvereinbar

Ein Betrieb mit Einschränkungen ist in Clubs nicht nötig. "In Gaststätten kann man Tische auseinanderrücken und einen Lieferservice für Essen machen, aber bei uns? Im 'Hashtag' wird getanzt, es wird geflirtet, man unterhält sich, die Köpfe nah beieinander. Das ist gegen jedes Hygienekonzept." Zienert hat Verständnis für die politischen Vorgaben. Dennoch macht er sich keine Illusionen: "Wir verkaufen hier hauptsächlich Alkohol. Die Abstandsregeln in einem Laden voller Betrunkener einzuhalten, ist kaum möglich. Wir Discos sind leider Brandherde."

Als besonders niederschmetternd bezeichnet der Weidener die Perspektivlosigkeit für Clubbesitzer. Er hat mit Kollegen gesprochen und sagt: "Zuerst waren wir noch entspannt, dachten, nach Ostern ist es vorbei. Dann war Pfingsten das nächste Datum, und jetzt hoffen wir alle auf den 31. August." Weil es kein Stichdatum gibt, an dem eine Öffnung wieder möglich sein könnte, sei auch kein Planen, kein Kalkulieren, kein vernünftiges Wirtschaften möglich, sagt Zienert. "Diese permanente Ungewissheit macht es noch schwieriger."

Auto-Disco mit DJs geplant

Um bei den Gästen nicht in Vergessenheit zu geraten, will Zienert demnächst eine Autodisco in Windischeschenbach veranstalten. "Das Auto-Konzert mit Django 3000 lief dort ja ganz gut. Deshalb überlegen wir, dort auch ein Live-Event mit DJs zu machen. Da geht's nicht um das große Geschäft, sondern um gute Stimmung und um bei den Leuten im Gedächtnis zu bleiben." Doch wie lange ist die Situation mit fehlendem Einkommen für Selbstständige durchzuhalten? "Gute Frage, eben bis die Reserven aufgebraucht sind", sagt der "Hashtag"-Chef.

Wer zudem glaube, die staatlichen Corona-Soforthilfen könnten die Verluste ausgleichen, irrt. "Die Hilfe vom Freistaat gilt nur für drei Monate." Weil die Krise aber deutlich länger dauert, ginge es schnell an die eigenen Reserven. Auch das Stunden von Mietzahlungen bringt dem Disco-Inhaber nichts. "Das 'Hashtag' liegt mitten in der Altstadt, da zahle ich viel Pacht. Wenn ich nach der Krise für sechs Monate Miete zurückzahlen muss, dann gehe ich nur zeitversetzt pleite. Je länger es dauert, desto schwieriger wird es. Wir stehen auf verlorenem Posten."

Happy Rock zahlt keine Miete

Der Partyschuppen "Happy Rock" an der B 85 nahe Kropfersricht gehört Hedwig Müller - mit 94 Jahren älteste Disco-Betreiberin Bayerns. Mietkosten muss die betagte Dame somit keine berappen. Und weil Müllers 66 Jahre jüngerer Geschäftsführer Thomas Walch aus Sulzbach-Rosenberg als gelernter Metallbauer Vollzeit im väterlichen Handwerksbetrieb arbeiten kann, bereitet auch ihm die Coronakrise - zumindest persönlich - keine finanziellen Probleme.

An einem Disco-Livestream verdienen wir überhaupt nichts. Wir wollen nur im Gedächtnis bleiben.

Happy-Rock-Geschäftsführer Thomas Walch

Dennoch ist die Situation schwierig. Bis 2018 hatte das "Happy Rock" drei lange Jahre lang wegen Mängeln beim Brandschutz geschlossen. "Wir haben viel investiert. Das Geld haben wir in den eineinhalb Jahren seit der Öffnung natürlich noch nicht wieder reinbekommen", sagt Walch. Um trotz leerer Tanzflächen und verwaister Bar-Tresen Party-Stimmung zu verbreiten, hat Walch mit seinen Freunden einen Disco-Livestream organisiert. "Wir hatten dazu vier DJs im Keller und haben bis 1 Uhr nachts Rock- und Techno-Musik gespielt." Per Livestream konnten sich die Fans so Livemusik und zumindest etwas Partystimmung ins Wohnzimmer holen.

Das Happy Rock war lange wegen Problemen mit dem Brandschutz geschlossen.

Kropfersricht bei Sulzbach-Rosenberg

600 Zuschauer im Disco-Livestream

Walch will die Aktion zwar bald wiederholen. Aber er bleibt Realist: "Ich hab' hinterher die Zahlen ausgewertet. Während des ganzen Abends haben insgesamt 600 Leute reingeklickt." Zum Vergleich: In die Disco passen rund 800 Menschen. "Am Livestream verdienen wir überhaupt nichts. Es geht nur darum, den Leuten im Gedächtnis zu bleiben."

Der Junior-Chef hat aber schon eine weitere Idee - und die soll auch reale Einnahmen bringen. "Mein Kumpel ist Grafiker, wir werden demnächst einen Online-Shop starten und Happy-Rock-Accessoires verkaufen."T-Shirts, Pullis, Feuerzeuge und Mützen mit dem Logo der Kult-Disco können die Fans dann ganz ohne Infektionsgefahr über das Internet bestellen. So können sie ihrer Lieblingsdisco treu bleiben, bis deren Tore wieder öffnen.

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Kommentare

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Ma Zi

Oberpfälzer Discos stehen auf "verlorenem Posten": Liebe Redaktion, Menschen demonstrieren gegen Corona, Ladenbesitzer wollen öffnen, aber von Discothekenbesitzern hört man nichts, obwohl sie eigentlich mit am lautesten jammern dürfen. Aufgrund dieser Tatsache finde ich den obigen Artikel sehr dürftig ausgearbeitet. Noch nicht einmal die Platzhirschen der Szene in Weiden kommen zu Wort. Ich erfahre kaum etwas über die Zuwendungen des Staates oder sogar der Stadt...Zirkusse werden ausführlich gerettet und hier passiert ja anscheinend nichts. (In anderen Städten werden die großen Räume von der Stadt angemietet, um Sitzungen zu halten. auch ein Zeichen zu zeigen, dass man die Betreiber nicht vergisst.)
Am Ende weiß ich genauso viel wie zu Beginn des Artikels und das ist für die Ansprüche eines Neuen Tags hoffentlich ein zu geringer Anspruch.

13.06.2020