Totes Baby: Mutter muss in die „Geschlossene“

Baby Ilina wird nur drei Monate alt. Ihre Mutter lässt das Baby verhungern und verdursten. Das Schwurgericht Weiden attestiert ihr eine geistige Störung. Wegen Schuldunfähigkeit wird sie in der geschlossenen Psychiatrie untergebracht.

Die Angeklagte (links) ist fixiert. Sie wird wegen Schuldunfähigkeit in der geschlossenen Psychiatrie untergebracht.
von Manfred Hartung Kontakt Profil

Wohl selten hat ein Strafprozess die Beteiligten so aufgewühlt wie das Verfahren gegen eine gebürtige Afrikanerin, die in Spanien aufgewachsen und im Zuge einer Anwerbeaktion des Roten Kreuzes für Altenpflegekräfte im Februar 2019 nach Deutschland gekommen ist. Sie landet mit ihrem Lebensgefährten in Tirschenreuth. Im November bekommt das Paar ein Mädchen. Monatelang ist alles gut. Als der Freund Anfang Februar 2020 für eine gewisse Zeit auf die Iberische Halbinsel zurückmuss, beginnen sich im Kopf der Beschuldigten seltsame Dinge abzuspielen. „Akute polymorphe psychotische Störung mit Symptomen einer Schizophrenie“ schreibt Psychiater Dr. Johannes Schwerdtner in sein Gutachten. Sie habe Stimmen gehört, die ihr sagten, sie solle ihr Kind nicht mehr versorgen.

Zehn Tage lang bekommt der Säugling kaum Nahrung und Flüssigkeit. Am 26. Februar stirbt das Baby. Die Mutter kommt in die geschlossene Psychiatrie in Taufkirchen. In Wöllershof und Regensburg ist kein Platz. In der Klinik verweigert sie die Medikation, unterliegt extremen Stimmungsschwankungen, unternimmt zwei Suizidversuche und greift Pflegepersonal an. Zwangsmedikamentierung ist nicht möglich, „weil das Betreuungsgericht in Taufkirchen nicht in die Gänge kommt“, kritisiert Oberstaatsanwalt Bernhard Voit, der sich „überwältigt“ fühlt von dem schrecklichen Geschehen.

Am zweiten Verhandlungstag sagt der Kindsvater aus

Tirschenreuth

Er plädiert auf Schuldunfähigkeit und fordert die Unterbringung in der Psychiatrie, weil die 26-Jährige eine Gefahr für die Allgemeinheit darstelle. Mitten im Plädoyer beginnt die Frau zu toben. Landgerichtspräsident Gerhard Heindl lässt die 26-Jährige, auch am dritten Verhandlungstag mit Bauchgurt, Hand- und Fußfesseln gesichert, abführen. Bevor sie den Saal verlässt, schleudert sie dem Vorsitzenden noch ein „Fuck you“ entgegen und spuckt auf den Boden.

Verteidigerin Angelika Brenn kommentiert zutreffend: „Das ganze Tatgeschehen ist an persönlicher Tragik nicht zu übertreffen.“ Eine Unterbringung sei für ihre schuldunfähige Mandantin alternativlos – auch angesichts des fortschreitenden Krankheitsverlaufs.

Die 1. Strafkammer am Landgericht Weiden urteilte wie beantragt und erwartet. Die 26-Jährige wird in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht. Sie bleibt vorläufig in Taufkirchen, könnte aber mittelfristig nach Spanien überführt werden (Hintergrund).

Zur Urteilsverkündung wurde die Beschuldigte wieder in den Saal gelassen. Sie kommentierte den Spruch fast teilnahmslos mit den Worten: „Ich will nach Hause“ – um ein paar Sekunden später in einem spontanen Wutausbruch ihre Rechtsbehelfsbelehrung zu einer möglichen Revision auf kleine Fetzen zu zerreißen.

Hintergrund:

EU-Abkommen mit heilender Wirkung

„Hier hat die EU funktioniert“, kommentiert Oberstaatsanwalt Bernhard Voit ein Abkommen auf europäischer Ebene, das es der psychisch kranken Spanierin ermöglichen könnte, nicht in Deutschland, sondern in einer geschlossenen Psychiatrie in ihrer Heimat untergebracht zu werden. Die vertraute Sprache und die Nähe von Familienmitgliedern könnten einen eventuellen Genesungsprozess positiv beeinflussen. Die Dauer der Unterbringung in Spanien darf den maximalen deutschen Strafrahmen für Totschlag nicht überschreiten. Das sind 15 Jahre.

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