Verantwortlich für Massenmord: Zwei Oberpfälzer waren Kommandanten im KZ

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Zwei von 46 SS-Lagerkommandanten kommen aus der Oberpfalz. Martin Gottfried Weiß aus Weiden und Richard Baer aus Floß. Was trieb sie an, sich an Massenmord in erster Reihe zu beteiligen?

Am Sonntag vor 75 Jahren begann in Dachau der erste Kriegsverbrecherprozess. Hauptangeklagter war der Weidener Martin Gottfried Weiß (Mitte), Kommandant verschiedener Vernichtungslager im Dritten Reich.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Der Weidener Martin Gottfried Weiß war Kommandant der Konzentrationslager Neuengamme, Dachau und Lublin-Majdanek. Der Flosser Richard Baer war Kommandant der KZ Auschwitz und Dora-Mittelbau. Auf das Konto der beiden Oberpfälzer gehen abertausende Tote. Martin Gottfried Weiß wurde für seine Verbrechen gehängt. Er war Hauptangeklagter des Dachauer Hauptprozesses. Der Beginn des US-Militärgerichtsprozesses jährt sich am Sonntag zum 75. Mal.

Die ganze Welt richtet die Augen am 15. November 1945 auf Dachau. Weiß schildert vor dem US-Tribunal unter anderem die Menschenversuche, die dort stattfanden. Arzt Sigmund Rascher experimentierte im Auftrag von Heinrich Himmler für die Luftwaffe. Martin Gottfried Weiß aus Weiden war dabei. Weiß schildert das Eiswasser-Experiment. Zwei Häftlinge hätten dazu in ein Bassin mit Eiswasser steigen müssen. Eisbrocken schwimmen auf der Oberfläche. Als die Gefangenen das Bewusstsein verloren, sei der eine zu zwei nackten Frauen, ebenfalls Häftlinge, in ein Bett gelegt worden. Der andere sei in einen Bottich mit heißem Wasser gegeben worden. Erlangte einer das Bewusstsein wieder, startete der Versuch neu. Weiß sieht vor Gericht kein Unrecht in seinem Tun: Himmler habe klare Befehle gegeben. Was der Arzt verlange, das müsse getan werden.

Techniker und Konditor

Wer ist dieser Martin Gottfried Weiß? Geboren 1905 in Weiden. Katholisches Elternhaus. Zwei Schwestern. Der Vater ist ein Eisenbahner. Nach 15 Jahren Schule besucht Weiß erst die Maschinenbauschule in Landshut. Dann studiert er Elektrotechnik. Er ist so gut, dass er in Thüringen als Hilfsdozent am Technikum anfangen kann. Als er 1932 wegen Arbeitsmangels entlassen wird, kehrt er noch am gleichen Tag nach Weiden zurück und wird Gründungsmitglied der SS. Die Arbeitslosigkeit ist nur der Anlass, nicht der Auslöser, meinen Historiker: Schon seit den 20ern gehört Weiß völkischen Bewegungen an.

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In Weiden trifft Weiß (27) auf den jüngeren Richard Baer (21). Ein Konditorgeselle im Caféhaus Fritz Stark. Aufgewachsen in Floß mit drei Halbgeschwistern. Die Eltern betreiben eine Landwirtschaft und einen Kolonialwarenladen. Schon als 13-Jähriger beendet Baer die Flosser Volksschule. Er geht als Konditorlehrling nach Weiden.

Eine Seite aus dem Fotoalbum des Auschwitz-Adjutanten Hoecker. Auf dem Foto oben rechts ist im Bild links der Flosser Richard Baer zu sehen, der Zweite von rechts ist Lagerarzt Josef Mengele.

Stramm rechts

Auch Baer ist schon länger stramm rechts orientiert. Mit 18 tritt er der NSDAP bei. Ihn hat die Beerdigung des Vaters eines Schulfreundes beeindruckt. Dort waren uniformierte Parteimitglieder aufmarschiert. Weiß und Baer gründen 1932 den "SS-Sturm Weiden". Der zählt zu diesem Zeitpunkt nur zehn oder zwölf junge Männer. Sie treffen sich zum Betrinken und zu Wehrsportübungen. Baer gefällt das "Soldaten spielen", wie er 1960 selbst aussagt.

Am Wochenende brausen die SS-Männer über die Dörfer. Sie bieten sich als "Rednerschutz" bei Parteiversammlungen an. Schwarze Uniform, Totenkopfabzeichen, Motorrad. Konditorgeselle Baer und der Arbeitslose Weiß machen plötzlich was her. Als Hitler im Oktober 1932 zu einer Wahlkampfrede nach Weiden kommt, wird sein Tross von Motorrad-SS eskortiert. Historiker Dr. Sebastian Schott (Stadtarchiv Weiden) hält es für gut möglich, dass auf diesen Motorrädern Weiß und Baer saßen.

Mit der Machtergreifung ergeben sich für die beiden noch viel größere Perspektiven. Baer kündigt. Mit Weiß bietet er sich dem Ortsgruppenleiter als Hilfspolizei an. Baer und Weiß patrouillieren jetzt durch Weiden. Sie können ihr "pseudosoldatisches Gebahren professionalisieren", beschreibt es Historikerin Karin Orth im Buch "Die Konzentrationslager-SS". "Durch die Machtergreifung waren innerhalb weniger Wochen aus Soldat-spielenden Jugendlichen Hilfsorgane der staatlichen Polizei geworden." Und es soll noch mehr daraus werden: Im April 1933 werden Baer und Weiß zum Wachdienst ins KZ Dachau versetzt. Ihr oberster Chef wird Heinrich Himmler, der im April 1933 das Lager Dachau übernimmt. Er tauscht die Schutzpolizei durch die SS aus. Die SS-Männer feiern die Übergabe des Lagers, betrinken sich und quälen Häftlinge in den Unterkünften. Es kommt zu Gewaltexzessen, vor allem gegen Juden.

Richard Baer aus Floß in seiner Zeit als Lagerkommandant Auschwitz, fotografiert von seinem Adjutanten in einer Jagdhütte.

Um Struktur in die Prügelorgien zu bringen, engagiert Himmler als ersten Dachauer Kommandanten Theodor Eicke. Unter seiner Regie entsteht die "Dachauer Schule". Viele spätere Lagerkommandanten bekommen hier ihren Schliff. Baer sagt 1960: "Und wir wurden mächtig geschliffen. Je mehr wir geschliffen wurden, je stolzer waren wir darauf." Die SS-Männer sollen unempfindlich werden gegen ihre eigenen Gefühle - und die Qualen der Häftlinge. Eicke lehrt sie foltern und töten. Angefeuert mit Sätzen wie: "Was, du hast Schiss vor dem Saujuden? Du willst ein Soldat des Führers sein?" Die gemeinsam begangenen Verbrechen schweißen die Gruppe zusammen.

Entspannte Freizeit

Baer und Weiß bleiben verbunden. Sie machen Karriere als Lagerkommandanten. Weiß baut ab 1940 das KZ Neuengamme bei Hamburg auf. Dann übernimmt er Dachau, im November 1943 Lublin-Majdanek. Am Tag seiner Ankunft läuft die "Aktion Erntefest": 17000 Juden werden an einem Tag ermordet, eines der schrecklichsten Massaker in den nationalsozialistischen Lagern. Weiß ist stolz auf sich. Er lässt sich Briefpapier drucken: "Martin Weiß, Kommandant eines Konzentrationslagers". Auch "Spezl" Baer ist zu dieser Zeit in Polen: Der Flosser ist ab 1942 Adjutant, ab 1944 Lagerkommandant in Auschwitz.

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2007 ging ein Fotoalbum aus einem Nachlass um die Welt. Die Schnappschüsse stammen von Baers Auschwitz-Adjutant Hoecker. Sie zeigen die entspannte Freizeit der Massenmörder. Heitere SS-Führer auf der Jagd, mit "Maiden beim Blaubeernaschen", mit Tannenbaum am Julfest. Auf vielen Fotos ist Baer zu sehen, neben ihm ein lachender Mengele. Im Lager lässt Baer zeitgleich den Terror verstärken, weil Fluchtversuche zunehmen.

Als die Rote Armee vorrückt, treibt Baer die Evakuierung des KZ Auschwitz voran. Er weist seine Männer an, zurückbleibende Häftlinge in den Kolonnen zu erschießen. Baer selbst wird im Februar 1945 der letzte Kommandant des KZ Dora-Mittelbau in Thüringen. Hier kommen zu dieser Zeit über 900 ausgemergelte Häftlinge aus Auschwitz an. Vor dem Krematorium stapeln sich etwa 70 Leichen. Der Lagerarzt erinnerte sich im Auschwitz-Prozess, was Baer bei diesem Anblick gerufen habe: "Wann wird endlich einmal diese Scheiße verbrannt? Diese Aussprüche charakterisieren sein Wesen."

Martin Gottfried Weiß aus Weiden auf einem US-Fahndungsfoto. Weiß war unter anderem Lagerkommandant in Dachau.

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Hintergrund:

So erging es Martin Gottfried Weiß und Richard Baer nach dem Krieg

Martin Gottfried Weiß wurde am 2. Mai 1945 in Mühldorf am Inn durch einen Zufall von einem jungen US-Soldaten festgenommen. Er trägt zivil und wird auf der Straße zufällig von entlassenen Häftlingen erkannt. Ein Military-Polizist ist in der Nähe. Weiß kommt in Untersuchungshaft und wird Hauptangeklagter im ersten Dachauer Prozess.

In Untersuchungshaft 1945 und 1946 pflegt er einen regen Briefwechsel mit seiner zweiten Frau Lisa, 17 Jahre jünger als er, Stenotypistin aus Hamburg. Weiß schwärmt noch in der Zelle vom süßen Leben als Nazi-Funktionär. Er schreibt an seine Frau: „Mein liebstes Müggelein, ich darf nicht daran denken, was wir alles verloren haben. Unsere schöne Wohnung, dazu all die herrlichen Geschenke. Feine Wäsche, Kleider, Gardinen. Es war wirklich nur ein kurzer Traum.“

Zum Dachauer Prozess kommt Lisa Weiß nicht: Sie steht kurz vor der Entbindung des zweiten Sohnes. Beharrlich hält sie daran fest, dass ihr Mann ein „humaner“ Lagerkommandant gewesen sei. Weiß wird wegen mehrfachen Mordes zum Tod durch Erhängen verurteilt. Das Urteil wird im Mai 1946 vollstreckt. Weiß sagt: „Ich grüße mein Deutschland, das ich so heiß geliebt habe, meine Frau und alle meine Lieben.“

Auch Richard Baer ist mit einer Hamburgerin verheiratet, der Verkäuferin Maria. Nach dem Krieg sucht sich Baer Gelegenheitsarbeiten auf bayerischen Bauernhöfen. In Nabburg verwendet er erstmals den Decknamen „Karl Neumann“. Unter diesem Namen taucht das Paar in Norddeutschland unter. Von 1946 bis 1960 arbeitet Baer als Holzarbeiter auf einem Gut in Schleswig-Holstein. Er meidet Kontakte zu Nachbarn und Kollegen. Es gelingt ihm, fast 15 Jahre unentdeckt zu bleiben. Als 1960 Staatsanwalt Fritz Bauer die Frankfurter Prozesse vorantreibt, wird Baers Fahndungsfoto in Zeitungen veröffentlicht. Es gehen drei Hinweise ein. Baer wird bei der Arbeit verhaftet. Auch „Der neue Tag“ berichtet auf der Titelseite von der Festnahme des Lagerkommandanten – über seine Oberpfälzer Herkunft wird kein Wort verloren. Noch vor Prozessbeginn stirbt Baer in U-Haft eines natürlichen Todes. (ca)

Ausschnitt aus den Prozessprotokollen. Martin Gottfried Weiss schildert das Eis-Experiment.

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