„Einsatzhafen Schafhof“
Geheimer Naziflugplatz vor den Toren Ambergs

"Bf 109 G-6" musste 1944 infolge Motorschaden bei Wolfring notlanden. Der Einflieger blieb unverletzt.
Kultur
Ebermannsdorf
09.12.2016
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Ein Schulgleiter 38 (SG 38) über dem Gutshof Schafhof. Tausende von Piloten wurden damals mit diesem stahlseilverspannten Hochdecker in Holzbauweise ausgebildet.
 
Aufklärungsflugzeug Do 17 der 1.(F)/24 im Herbst 1938 auf Schafhof.

Dass die Nazis in Schafhof im Dritten Reich einen Flugplatz unterhielten, ist fast in Vergessenheit geraten. Keine Tafel, kein Hinweisschild erinnert daran. Eigentlich auch nicht verwunderlich: Die militärische Bedeutung von Schafhof wurde bislang deutlich unterschätzt.

Schafhof (Kreis Amberg-Sulzbach) ist ein kleines Dorf mit gerade mal sechs Wohnhäusern und zwölf Einwohnern und einem florierenden Industriegebiet. Gleich hinter den Häusern wachsen die Firmenbauten in den Himmel. Die stark frequentierte A 6, die das Gelände durchschneidet, ist nicht zu überhören. "Unschlagbare Verkehrsanbindung", so wirbt die Gemeinde Ebermannsdorf auf der Homepage für ihre Gewerbeflächen. Das heißt, dass fast im Sekundentakt Brummis auf ihrem Weg gen Westen oder Osten an Schafhof vorbeidonnern. Der Lärm schwillt an, wird leiser, bricht sich, aber nur um der nächsten Lärmwelle Platz zu machen.

Grundstücke verkauft

Die Grundstücke der Bauabschnitte Süd und West - immerhin 30 Parzellen - hat die Gemeinde allesamt verkauft. "Es haben sich dort sowohl regionale Firmen als auch Global Player angesiedelt", freut sich Albert Aschenbrenner, Bauamtsleiter der Gemeinde. Nun ist der dritte Abschnitt - Schafhof Ost - in Planung. Dass die Nazis in Schafhof im Dritten Reich einen Flugplatz unterhielten, ist fast in Vergessenheit geraten. Dort, wo heute IT-Lösungen ausgetüftelt, Kalksteine hergestellt, Logistiksysteme erdacht und Stahlbauteile verfrachtet werden, sind früher Flugzeuge gestartet und gelandet. Viel mehr als bislang angenommen.

Der Amberger Klaus Schriml hat zwölf Jahre lang jede freie Minute in die Erforschung dieses Flugplatzes investiert. Seine Erkenntnisse lassen aufhorchen. Schriml hat nachgewiesen, dass ab 1944, nachdem die Jäger-Produktion wegen der Bombardierungen der Regensburger Messerschmitt-Werke dezentralisiert worden war (unter anderem ins KZ Flossenbürg), in Schafhof 1600 Starts und Landungen beim Einflug von Jägern der Reihe Bf 109 absolviert worden sind. Bei der Pilotenausbildung konnte er anhand der vorliegenden Flugbücher von 1939 bis 1945 etwa 5500 Starts und Landungen dokumentieren. "Und das ist nur ein Bruchteil der tatsächlichen Zahlen", behauptet Schriml. Die lägen um ein Vielfaches höher.

Der Amberger hat seine Erkenntnisse nun in einem Buch zusammengefasst. "In der Bevölkerung war über Schafhof nicht sehr viel bekannt", erzählt er. Genau das machte den gelernten Bürokaufmann, der kaufmännischer Angestellter einer Amberger Büromaschinenfirma ist, neugierig. "Immer wieder hörte ich, dass es, hier wohl mal irgendwas gab' und, nach Kriegsende, ein paar Flugzeuge rumstanden'", erzählt er. Das weckte sein Interesse. Er begann zu forschen, Zeitzeugen zu befragen, das Gelände zu untersuchen. "Und wenn man mal angefangen hat, dann ist das wie eine Sucht. Man will immer mehr herausfinden."

Andere Dimensionen

Schon bald war Schriml klar, dass die Flugaktivitäten ganz andere Dimensionen hatten als angenommen. Hier, vor den Toren der Stadt Amberg, war zeitweise ganz schön was los. Aber kaum einer bekam mit, was wirklich passierte. "Wahrscheinlich lag es daran, dass die Leute sich bald an den Fluglärm gewöhnt hatten", mutmaßt Schriml. Zudem hatte man in den umliegenden Dörfern während des Krieges anderes zu tun, als sich um über ein paar Flugzeuge am Himmel Gedanken zu machen, zumal viele Flugstunden fast geräuschlos in Segelfliegern absolviert wurden.

Drei Schrankenanlagen riegelten das Gelände ab. Die Nazis gaben sich alle Mühe, die wirkliche Bedeutung von Schafhof, das mit den Flugplätzen Vilseck, Weiden, Adlholz und Charlottenhof bei Schwandorf direkt oder indirekt in Verbindung stand, zu verschleiern. Selbst aus der Luft war das Gelände zeitweise nur schwer als Flugplatz zu erkennen. So wurden in großzügig angelegten Stallungen Angorakaninchen gezüchtet. Davon gab es in Schafhof über 800 Tiere, die regelmäßig geschoren wurden, um für deutsche Soldaten warme Wolle zu gewinnen. War Gefahr im Verzug, grasten auf der Landebahn Schafe, standen Landmaschinen auf der Fläche. Die Flugzeuge waren dann - gut getarnt - am nahen Waldrand versteckt.

Familien mussten umziehen

Schriml geht davon aus, dass die guten baulichen Voraussetzungen für die Einrichtung des Flugplatzes entscheidend waren. Viele für einen Flugplatz II. Ordnung geforderte Kriterien waren hier ohnehin gegeben: Gebäude für Menschen und Gerät, befestigte Zufahrtswege, Bahnanbindung in der Nähe ... Zudem war ein Teil des benötigten Geländes bereits in staatlichem Besitz. Die Restfläche verpachtete Luitpold Freiherr von Feilitzsch aus Ebermannsdorf, der den Schafhof 1929 erworben hatte, an das Luftkreiskommando 5 in München. Zwei Familien, die dort wohnten, mussten nach Gleicheröd umziehen.

Am 1. März 1937 begannen die Arbeiten für den Flugplatz, die - mit Unterbrechungen - bis Dezember 1939 dauerten. Doch schon vorher - von 26. September bis 2. Oktober 1938 - nutzten Aufklärer aus Kassel-Rothwesten den Platz bei einer Verlegeübung, wie Schriml nachweisen konnte. "Vermutlich stand die Übung in Zusammenhang mit der Besetzung der Tschechoslowakei", mutmaßt der Amberger Hobbyhistoriker. Am 1. Oktober 1938 marschierten die deutschen Einheiten dort ein.

Bis 1945 erfolgte die kontinuierliche Erweiterung. Zu Kriegsende hatte der Platz eine Ausdehnung von 950 x 1100 Meter. Die mit Holzbrettern verschalten Flugzeughallen waren zur Tarnung begrünt. Es gab neben den drei Flugzeughallen extra sechs verschieden große Baracken für die Mannschaften, je eine Baracke für den Sanitätsdienst und den Nachrichtendienst sowie auch eine extra Kantine, gepachtet von Gastwirt Johann Bartmann.

Sprit ausgegangen

Die Flugzeugboxen waren am Waldrand versteckt, unter anderem ganz in der Nähe des Schuppens für die Schafe. Da es keinen direkten Gleisanschluss gab, wurden die Flugzeuge mit Kesselwagen betankt, die von Freihöls oder vom Amberger Bahnhof nach Schafhof gebracht wurden. Einer dieser Kesselwaggons stand beim Einmarsch der Amerikaner noch auf dem Gleis. Auch Flugzeuge fielen den Amerikanern in die Hände. Schriml: "Gegen Kriegsende waren keine Starts mehr möglich, weil der Sprit ausging. Das war wohl auch der Grund, dass die Flugzeuge zurückgelassen wurden."

Gegen Kriegsende waren keine Starts mehr möglich, weil der Sprit ausging. Das war wohl auch der Grund, dass die Flugzeuge zurückgelassen wurden.Klaus Schriml


Als wichtige Quelle für die Recherche entpuppten sich neben Flugbüchern und militärischen Archiven in Deutschland und den Vereinigten Staaten auch die Niederschriften der Freihölser Polizeistation, die im Staatsarchiv Amberg aufbewahrt werden. Die Gendarmen hatten immer wieder mal mit dem Flugplatz zu tun und machten viele Aktennotizen. "Ich konnte damit oft den Wahrheitsgehalt von Zeitzeugenaussagen unterstreichen." Als unerwartet wichtige Quelle entpuppten sich auch Ebay-Versteigerungen. Immer wieder tauchen dort Fotos auf, die Licht in das Geschehen in Schafhof bringen. "Leider werden die Bilder oft in zu astronomischen Summen gehandelt, bei denen ich aussteigen muss", bedauert Schriml.

Mit der Veröffentlichung des Buches ist der Amberger noch lange nicht am Ziel. Er ist zuversichtlich, noch viel mehr herauszufinden, noch viel mehr Starts und Landungen, aber auch Abstürze nachweisen zu können. Allerdings weiß er auch, dass die Uhr gegen ihn arbeitet. Die Zahl der Zeitzeugen, die Licht ins Dunkel bringen können, werden immer weniger. "Vielleicht ist das Buch eine Hilfe, dass sich doch noch Leute bei mir melden, die etwas über Schafhof wissen", meint der Buchautor.

BuchtippDer Amberger Klaus Schriml, Jahrgang 1963, hat zwölf Jahre lang die militärische Vergangenheit von Schafhof erforscht. Er war in Archiven, hat Zeitzeugen befragt, Flugbücher ausgewertet und Fotodokumente gesammelt. Die Ergebnisse hat er in einem Buch zusammengefasst. Das Erstlingswerk des Hobbyforschers heißt "Im Fadenkreuz der Alliierten" und ist im Buch- und Kunstverlag Oberpfalz der Battenberg-Gietl-Verlagsgruppe erschienen,

Das Werk umfasst 144 Seiten und ist mit vielen Fotos illustriert. Erhältlich ist das Buch (ISBN 978-3-95587-034-8) für 19,90 Euro in allen Buchhandlungen, direkt beim Autor Klaus Schriml, Telefon 09621/75577 sowie beim Verlag.


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