09.03.2018 - 13:48 Uhr
Ebnath

Brasilianisches Ju-Jutsu bei Stonewood Martial Arts in Ebnath Am Boden ganz oben

Das kleine Dorf Ebnath bietet seit 2010 eine echte brasilianische Spezialität. Es geht um Sport, aber ganz sicher nicht um Fußball.

Brasilianisches Ju-Jutsu spielt sich vor allem auf dem Boden ab.
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Die Auseinandersetzung dauert Sekunden, dann sitzt Sonja Fachtan im Rücken ihres Gegners. Der ist etwa doppelt so schwer, anderthalb Köpfe größer - und absolut hilflos. Die Bodenmatte im Gesicht, Beine und Arme blockiert. Langsam erhöht Fachtan die Spannung auf dem Schultergelenk. Gegen den wachsenden Schmerz helfen nur zwei Schläge mit der anderen Hand auf die Matte als Aufgabezeichen.

Neben der Szene steht Andreas Fachtan mit einem Lächeln im Gesicht - weil die überlegene Siegerin seine Ehefrau ist. Vor allem aber, weil der Ablauf die Idee des brasilianischen Ju-Jutsus belegt, die Fachtan dem Anfänger zuvor theoretisch erklärt hatte. Im Bodenkampf ist körperliche Überlegenheit eines Angreifers weniger entscheidend. Technik, Beweglichkeit und Fitness helfen, auch schwerere und stärkere Gegner zu kontrollieren und zu besiegen.

Der 37-jährige Fachtan ist Trainer und Organisator der Stonewood Martial Arts. Die Gruppe trainiert regelmäßig in der Ebnather Schulturnhalle neben dem deutschem vor allem brasilianisches Ju-Jutsu. Das Einzugsgebiet ist groß. Bis zu 100 Kilometer fahren die Sportler zum Training ins Dorf zwischen Steinwald und Fichtelgebirge. Viele von ihnen haben zuvor Erfahrung mit anderen Kampfsportarten gesammelt.

"90 Prozent aller Zweikämpfe enden für beide Kontrahenten am Boden", erklärt Fachtan. Andere Kampfsportarten haben für eben diese Situation aber keine Lösung. Hier setzt brasilianisches Ju-Jutsu an, es perfektioniert den Bodenkampf. Statt mit Schlägen und Tritten arbeiten die Sportler mit Griffen, Hebeln und Würgetechniken. Daran ist auch Philipp Maaß interessiert. Der Bischofsgrüner betreibt seit langem Kickboxen. Um sich bei Mixed-Martial-Art-Kämpfen behaupten zu können, muss er sich für den Bodenkampf wappnen. "Brasilianisches Ju-Jutsu ist dafür perfekt", sagt Maaß.

Gegner kontrollieren

Wer sich dem Sport mit der Hollywood-Vorstellung von fernöstlicher Kampfkunst nähert, wird erst mal enttäuscht. Niemand fliegt durch die Luft, niemand hämmert dem Gegner den Fuß an die Schläfe. Es gibt auch kaum Hüftwürfe wie im Judo. Man ringt den Gegner recht unelegant auf die Matte, wo sich die Kontrahenten scheinbar ineinander verheddert über den Boden wälzen. "Es geht nicht um Schönheitspreise", sagt Fachtan dazu. Ziel sei, den Gegner effektiv zu kontrollieren. Und die vor etwa hundert Jahren in Brasilien aus dem klassischem Ju-Jutsu entwickelte Variante erweise sich immer wieder als sehr effektiv.

Dies mache den Sport zur Grundlage für die Selbstverteidigung. Hinzu kommen Techniken aus dem deutschen Ju-Jutsu. Fachtan ist regelmäßig an Schulen, arbeitet bei Selbstbehauptungskursen mit Kindern. Auch beim Training in Ebnath sind etwa die Hälfte der 30 Teilnehmer Kinder. Sie erfahren Disziplin mit Spaß, Spiel und Abwechslung. "Sie sollen Selbstsicherheit erlangen", erklärt Fachtan. Am besten sei, gar nicht in Situationen zu geraten, in denen sie sich verteidigen müssten. "Schläger suchen keine Gegner, sondern Opfer. Wenn die Körpersprache zeigt, dass man kein Opfer ist, wird man nicht angegriffen."

Bunte Truppe

"Bei der Selbstverteidigung geht es darum, sich Luft zu verschaffen, sich in Sicherheit zu bringen", erklärt Fachtan den Unterschied zum Wettkampf, bei dem man die Auseinandersetzung sucht, um mit Techniken und Griffen Punkte zu sammeln. Viele der Techniken eigenen sich aber, um sich vor Schlägern zu schützen.

Die unterschiedliche Herangehensweise zeigt sich auch in der Trainingsgruppe, in der die Wettkämpfer eher die Minderheit sind. Lehrer trainieren neben Türstehern, 1,90 Meter große Stiernacken neben 30 Kilogramm schweren, achtjährigen Mädchen. Niemand macht den Eindruck, als wäre ihm die Vielfalt unangenehm. "Viele kommen, um sich auszupowern", sagt Fachtan. Das Training biete ein hervorragendes Fitnessprogramm.

Ganzkörpertraining

Tatsächlich läuft schon beim Aufwärmen der Schweiß, währen die Gelenke aufs Training vorbereitet, die Schulter- und Rumpfmuskulatur erwärmt und trainiert werden. Anschließend üben die Sportler Techniken und Kombinationen, bevor es zum Schluss in den freien Zweikampf geht. Auch dies ist eine Besonderheit. "In den meisten Kampfsportarten müssen die Partner in irgendeiner Form kooperieren. Vor allem um sich nicht zu verletzen.", erklärt Fachtan.

Beim brasilianischen Ju-Jutsu wird nicht geschlagen, es geht um Gegnerkontrolle, die echte Auseinandersetzung sei deshalb kein Problem. Dem Anfänger werden eben dabei die Grenzen aufgezeigt. Was im Trockentraining noch halbwegs funktionierte, wird unmöglich wenn die Gegnerin sich wehrt. So endet der nächste Anlauf wie der vorherige. Das Gesicht auf der Matte, Arme und Beine bewegungsunfähig, die Gegnerin im Rücken. Gott sei Dank wiegt sie nicht so viel.

Zur Geschichte

Die Wurzeln liegen im Japan. Zu Beginn des 20. Jahrhundert verbreitete sich die Kampfkunst in der Welt, erreichte um 1920 Deutschland und Brasilien. Geblieben ist überall die traditionelle Trainingskleiderung, der Kimono beziehungsweise Gi. In Europa bürgerte sich der Sport als Formenshow oder Leicht- bis Mittelkontakt-Kampf ein. Ab 1970 entstand daraus ein System von Sicherungstechniken für Justiz und Polizei oder Selbstverteidigung.

In Brasilien entwickelte sich die Kampfkunst anders. Der Schwerpunkt verlagerte sich auf den Bodenkampf mit Elementen anderer Ringer-Sportarten. Durch erste Mixed-Martial-Arts-Kämpfe in den 1990er Jahren wurde "Brazilian Jiu-Jitsu" (BJJ) in der Kampfsportwelt bekannt. Bei diesen Kämpfen zwischen Sportlern verschiedener Techniken erwies sich das BJJ als besonders effektiv. In Ebnath wird seit 1980 Kampfsport trainiert. Die Ju-Jutsu-Abteilung der DJK feiert 2018 20-Jähriges, der zweite Trägerverein, der ATSV Tirschenreuth, hat seit 30 Jahren eine Kampfsportabteilung. Ende 2010 gründeten sich die Stonewood Martial Arts. Deren Wettkämpfer feiern seither auf nationaler und internationaler Ebene Erfolge. Anfänger sind im Training willkommen.

Es geht nicht um Schönheitspreise.Andreas Fachtan, Trainer bei Stonewood Martial Arts

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.