Familie Damberger aus Ebnath sammelt Weihnachtsdekoration aus dem ersten Weltkrieg
Krieg im Kinderzimmer

Vermischtes
Ebnath
23.12.2016
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Selbst der berühmte "Struwwelpeter" war nicht vor politischem Missbrauch sicher. Die kaiserlich-kriegerische Version erschien im Jahre 1915. Und das Rote Kreuz warb in jener Zeit gerne mit rührseligen Kärtchen um "Liebesgaben" für die Frontsoldaten. Diese Merkwürdigkeiten müssen im historischen Zusammenhang gesehen werden. Vater und Sohn Damberger leisten hier wertvolle Archiv- und Aufklärungsarbeit.

Schon als Elfjähriger wollte Tobias Damberger nichts aus der gängigen Geschenke-Palette unterm Weihnachtsbaum haben. "Irgendwas Altes" musste es sein. Vater Arno erfüllte den Wunsch gerne. Den Papa und den Sohn verbindet eine besondere Sammlerleidenschaft.

Der junge Ebnather, der an der Universität Bayreuth "Europäische Geschichte" studiert - sein Hobby quasi zum Beruf machte - ließ sich von der Leidenschaft seines alten Herren anstecken, Historisches aus der Kaiserzeit und dem Ersten Weltkrieg zu sammeln. Manche Vorlesung hat der 24-Jährige schon mit dem außergewöhnlichem Anschauungsmaterial bereichert.

Arno Damberger wurde 1958 in der Sigmund-Wann-Straße in Wunsiedel geboren. Hier liegt auch das Fichtelgebirgs-Museum, das er in seiner Kindheit oft besuchte. Dadurch wuchs sein Interesse an Geschichte und historischen Gegenständen. Vor allem interessierte ihn filigraner Christbaumschmuck der "Wilhelminischen Zeit" und so begann er mit dem Sammeln von entsprechenden Objekten. Von Zeit zu Zeit allerdings fand er Dinge, die nicht ins Bild von Weihnachten passen und geradezu schockieren: Christbaumschmuck in Form von Kriegsschiffen, Zeppelinen, Kanonen, Pickelhauben und Bomben. Dambergers Neugier auf alles, was zum Thema "Weihnachten im letzten Deutschen Kaiserreich" wuchs und wuchs, und er erweiterte seine Sammlung um patriotische Weihnachtskarten, militärisches Spielzeug und nicht zuletzt um den Komplex "Weihnachten im Ersten Weltkrieg".

"Bombige" Babyrasseln

Sehr bald wurde Arno Damberger klar, dass es sich bei den kuriosen Funden nicht um Einzelfälle handelte, sondern um einen "gezielten Missbrauch von Weihnachten" für die politische Propaganda. Der Krieg begann bereits im Kinderzimmer. Auf das Sandeimerchen waren kämpfende Soldaten gemalt. Der Struwwelpeter wurde zum "Bombenpeter" umfunktioniert. Babyrasseln und Spieluhren hatten die Form einer Bombe.

Seit über 30 Jahren frönt Arno Damberger seiner Leidenschaft, die auch sein Sohn teilt. Die beiden Männer werden auf Floh- und Antikmärkten, im Internet und bei Bekannten fündig. Beide wollen mit ihren Exponaten ganz bewusst schockieren. "Wir wollen der heutigen Generation aufzeigen, wie der übertriebene Militarismus und Patriotismus dieser Epoche aussah, wie dadurch Völker manipuliert wurden", macht Tobias deutlich. Gerade im Ersten Weltkrieg sehnten sich deutsche Familien nach "Glanz und Gloria" in den eigenen vier Wänden. Und schon im Kaiserreich wurde der Wandel vom ursprünglich rein religiösen Weihnachtsfest hin zur profanen Veranstaltung deutlich. Politische Propaganda fiel auf fruchtbaren Boden. Nachdem der Erste Weltkrieg nicht wie erwartet vor Weihnachten 1914 vorüber war, verstand es die "Oberste Heeresleitung", das Fest für psychologische Kriegsführung zu nutzen und von der Realität abzulenken:

Soldaten hatten Bäumchen an der Front, und auch in der Heimat schmückte das vornehme Bürgertum den Baum in den Reichsfarben Schwarz, Weiß und Rot. Wilhelm II., der den großen Auftritt liebte, wurde zur Kultfigur. Sein Porträt fand sich auf Tellern, Karten oder Christbaumkugeln wieder. Und selbst Plätzchen hatten die Form eines Eisernen Kreuzes. Rührselige Postkarten animierten die Menschen, den Soldaten "Liebesgaben" wie Lebkuchen, Seife, Nähzeug, Taschenlampen zu schicken.

Geschichte und ihr Umfeld sind untrennbar mit dem Zeitgeist der jeweiligen Epoche verbunden.Arno Damberger

"Heutzutage ist man leicht geneigt, die Vergangenheit aus dem jetzigen Blickwinkel zu betrachten - doch die Geschichte und ihr Umfeld sind immer untrennbar mit dem Zeitgeist der jeweiligen Epoche verbunden", weiß Arno Damberger. "In einer Zeit, in der das Militär an erster Stelle stand, in der der Militärdienst die Voraussetzung für eine Staatslaufbahn war und jede Art von Uniform Achtung und Ansehen hervorrief, war der Stellenwert des Militärs ein anderer als in der heutigen Zeit. Es darf uns daher nicht wundern, dass damals auf den Gabentischen Kriegsspielzeug an erster Stelle stand", so Damberger. "Dabei waren dem Original nachgearbeitete Pickelhauben, Säbel und Bajonette für Kinder keineswegs nur aus Pappe, sondern auch aus Holz und Metall", wissen die beiden Sammler. Kriegsbilderbücher mit erschreckendem Inhalt pflanzten bedenkliches Gedankengut in die kleinen Köpfe. Kinder reicher Eltern durften mit detailgetreuen Steiff-Soldaten-Puppen spielen. Der Auszug aus einer zeitgenössischen Zeitschrift zeigt das damalige "pädagogische Konzept": "Der Knabe, der von Kind auf lebhaft und ausdauernd mit Soldaten gespielt hat, wird sich als Mann leichter in diesen Beruf hineinfinden. Das Grauen des Krieges wird für denjenigen gemildert, der ihn schon früh als etwas Selbstverständliches in seine Vorstellungswelt aufnimmt. Darum lasst uns die Soldatenspiele unserer Kinder nicht stören. Durch sie werden kriegerische Männer für die Zukunft erzogen." Die Zeiten haben sich zum Glück geändert. Friedlicher geworden sind sie nicht.
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