16.02.2018 - 13:04 Uhr
Edelsfeld

Feldpost aus dem Ersten Weltkrieg auf Dachboden gefunden Euphorie und Tod

Auf den ersten Blick erscheint es recht belanglos: Da wurde in Schönlind bei Edelsfeld ein altes, schon seit langem nicht mehr bewohntes Bauernhaus abgerissen. Beim "Ramadama" zuvor wanderte das meiste in den Container. Nur ein paar Dinge, die eventuell noch brauchbar erschienen oder Neugier erweckten, wurden zur Seite gelegt, um sie später genauer anzuschauen.

von Andreas Royer Kontakt Profil

Amberg-Sulzbach. Dass damit beinahe so etwas wie ein Jahrhundertfund vor dem endgültigen Verlust bewahrt wurde und das Zeitfenster in eine überaus bewegte, von Tod und Zerstörung geprägte Vergangenheit geöffnet blieb, stellte sich erst jetzt heraus. Eine Art Jahrhundertfund ist es sogar im doppelten Sinne. Es geht um Postkarten, die vor über 100 Jahren Johann Georg Luber, damals Gastwirt in Röckenricht, erhalten und zum Glück aufbewahrt hat. Und es sind "Lebens-Zeichen" in des Wortes ursprünglicher Bedeutung, nämlich Feldpostkarten, geschrieben von seinem Bruders Johann als Frontsoldat im Ersten Weltkrieg.

Das Schönlinder Bauernhaus hat sehr viel später Ingrid Luber geerbt - und damit auch den verborgenen Schatz. "Hunderte von Bildern lagen da lose zwischen den abgegriffenen Deckeln eines uralten Albums", erinnert sie sich. "Ich hatte wahrhaftig keine Zeit, mich damit zu beschäftigen." Deshalb gab sie das Album an ihren Vater Hans ("Luze") Pirner weiter, der die ganze Sammlung in mühsamer Kleinarbeit ordnete und mit seiner Erfahrung als langjähriger SRZ-Fotograf dabei ihren Wert erkannte.

Wertvolle Zeitzeugen

Schon vereinzelt hin und wieder auftauchende Feldpostkarten aus jener "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" gelten heute als wertvolle Zeitzeugen. Um wieviel größer war Hans Pirners Staunen, hier auf eine ganze Serie zu stoßen, vollständig vom ersten bis zum letzten Kriegsjahr. Jede einzelne der von Hand beschriebenen Karten berichtet in ihrer Art vom Leben und Überleben an der Westfront. Das Glück zu überleben hatte Johann Luber - im Gegensatz zu 600 000 Deutschen und Franzosen, die allein in der Schlacht bei Verdun ihr Leben verloren.

Inhaltlich bieten die Karten auf den ersten Blick allerdings eine eher kärgliche Ausbeute, denn die Soldaten durften keine Einzelheiten über ihren Einsatz oder auch nur die Stimmung an der Front mitteilen. Die Feldpostkarten hatten den Zweck, den Angehörigen daheim zu zeigen, dass der Sohn, der Ehemann, der Bruder oder wer auch immer am Leben ist. Auf den zweiten Blick lassen sich jedoch durchaus Erkenntnisse gewinnen, aus den Bildmotiven ebenso wie aus den Zeilen auf der Rückseite. "Meine Lieben", heißt es da zum Beispiel noch recht zuversichtlich "Für das Paket vom 26. und die beiden Karten von Geschwistern sage ich heute besten Dank. Sonst immer noch gesund und wohlauf und das Übrige beim Alten."

Deutlich anders klingen Bemerkungen in einem Pfingstgruß: "Aus Obigem könnt Ihr erkennen, dass wir von allen Pfingsttagen abgesondert sind und bloß Schanzen und Kämpfen müssen. Gott im Himmel wird wissen, wann wir von all diesem befreit werden." Zeitgemäße und zumindest anfangs nicht wirkungslose Propaganda waren dagegen die bereits auf manchen Karten aufgedruckten Texte.

Typische Meldung

Typisch diese Erfolgsmeldung zum Bild eines deutschen Flugzeugs über Paris: "Ein am 3. September (1914) über Paris schwebender, bombenstreuender großer deutscher Aeroplan wurde wirkungslos von französischem und englischem Militär, von den Kanonen des Eiffelturmes und den Kugelspritzen zweier französischer Luftzeuge beschossen. Dagegen schlugen seine Bomben in der Nähe des Lyoner Bahnhofs auf, überall Schaden und panischen Schrecken verursachend."

Geradezu triefend vor Pathos das Gedicht auf der Rückseite eines Kaiserbildnisses, das endet: "Und eines ganzen Volkes Los fühlst du auf deinen Schultern ruhn. Und kannst die Bürde, riesengroß, und willst sie auch nicht von dir tun. Doch wieviel Leides dir geschah, heut schmückt dich mehr als Kronenzier: Nie warst du deinem Volk so nah, nie war dein Volk so nah bei dir!" Ob die schwer geprüften jungen Menschen, denen an der Front wirklich "Leid geschah", das auch mit dem unerbittlichen Fortschreiten des sinnlosen Gemetzels noch so sahen? Die Karten wurden von einem Beauftragten zusammengetragen, zu einer Sammelstelle hinter der Front befördert und dort auf ihren unverfänglichen Inhalt überprüft. Mit dem Stempel "Feldpostexped." versehen, gingen sie danach "en gros" in Richtung Heimat. Portokosten entstanden den Soldaten also nicht. Die übernahm die Heeresverwaltung nur zu gern, waren die Feldpostkarten doch nicht nur das Bindeglied zu den Familien, sondern sollten auch als Motivationshilfe für die Mannschaften in ihrer oft verzweifelten Lage wirken.

Archiv verloren

Das System der kostenlos verschickten Feldpostkarten sprach sich auch bei findigen Fotografen in der Heimat herum. So tauchen auf manchen Karten nicht nur die Namen von Fotoateliers im damals deutschen Metz auf, sondern auch der von Ewald Jäger im Sulzbacher Hofgarten. Sein Werk setzte als Nachfahre Rainer Jäger in der Unteren Gartenstraße erfolgreich fort, der eines zutiefst bedauert: Das von ihm übernommene reichhaltige Archiv mit unschätzbaren Zeugnissen vergangener Zeiten ging nach dem Zweiten Weltkrieg verloren. Amerikanische Soldaten "erbeuteten" zahllose Negative und brachten sie nie zurück.

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.