Ein Leben auf Packpapier

Friederike Gollwitzer und Gerd Scherm lasen im Kulturspeicher des Rathauses aus der "Gollwitzer-Saga". Der Zitherclub umrahmte den geschichtsträchtigen Abend. Bild: njn
Kultur
Erbendorf
08.12.2016
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Lebensgeschichten auf gebrauchten Briefumschlägen und altem Packpapier. Was Friederike Gollwitzer im Nachlass ihres Vaters Wilhelm Gollwitzer entdeckte, führte sie auf eine spannende Zeitreise in die Vergangenheit.

Was in achtjähriger Arbeit gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Autor Gerd Scherm, entstand, war bei einer Lesung aus dem Buch "Die dunkle Mühle. Eine Gollwitzer-Saga" zu erfahren.

Eingeladen zu diesem Abend im Kulturspeicher des Rathauses hatte die Stadt. Dritte Bürgermeisterin Sonja Heindl freute sich über einen "ganz besonderer Abend". Friederike Gollwitzer sei in Erbendorf keine Unbekannte: "Ihr Vater Wilhelm war von 1928 bis 1956 Lehrer in der Steinwaldstadt. Schließlich folgte er dem Ruf, als Schulrat nach Regensburg zu gehen. Gollwitzer ist als Chronist in die Erbendorfer Geschichte eingegangen." In seiner Zeit in Erbendorfer legte er den Grundstein zu seiner wertvollen Chronistenarbeit, die er mit viel Eifer und Ausdauer fortführte. Gekrönt wurde diese Arbeit 1967 mit der Veröffentlichung der "Geschichte der Stadt Erbendorf. Höhepunkt war 1967 die Verleihung des Ehrenbürgerbriefs.

Friederike Gollwitzer informierte, dass ihr Vater ihr sehr viel von Erbendorf erzählte. "Es waren helle und dunkle Seiten." Mit ihrer Familie verließ sie 1956 die Steinwaldstadt Richtung Regensburg. An Erbendorf selbst hat sie noch gute Erinnerungen. "Mit dieser Autorenlesung möchte ich meinem Vater die Ehre erweisen", sagte sie. "Denn er hat viel für diese Stadt gemacht." Wie die Anfänge zu dem Buch waren, erzählte Friederike Gollwitzer aus dem Herzen heraus. "Nachdem mein Vater 1983 verstarb, fand ich in seinem Nachlass Lebensaufzeichnungen auf gebrauchten Briefumschlägen und altem Packpapier geschrieben, die mein Interesse weckten." Sie begab sich auf die Spuren ihrer Ahnen.

Floß und Flossenbürg

Die Reise führt in eine dunkle Mühle in der Oberpfalz, die sogenannte Mohrensteinmühle bei Floß, auf die kargen Höhen des Böhmerwaldes und nach Flossenbürg, St. Ötzen. Am Ufer des Eriesees in Cleveland wird ebenso Familiengeschichte geschrieben, wie in einem Pfarrhaus in Berlin-Dahlem. "Wir haben viel erfahren über das karge bäuerliche Leben im 19. Jahrhundert ", so der Autor. "Wir sind aber auch auf Auswandererschicksale im Zwischendeck und in der neuen Welt gestoßen."

Sie entdecken das Familien-Tabu: den Gollwitzer-Sohn und "verdrängten" Physik-Nobelpreisträger Johannes Stark und dessen Aufstieg und Fall. Sie finden Zeugnisse der Anbiederung der Evangelischen Kirche an den Nationalsozialismus ebenso wie Zeugnisse des Widerstands. Friederike folgt den Spuren ihres Onkels, des Querdenkers und Theologen Helmut Gollwitzer, von seinen Anfängen über seine kritische Haltung im Dritten Reich bis zu seinem Engagement für die Studentenproteste 1968.

Scherm hat die spannende Geschichte der Recherche ebenso in die einzelnen Episoden des Romans eingearbeitet, wie die geschichtlichen Daten und Fakten selbst. Für Friederike Gollwitzer war es an diesem Abend ein Muss, aus der Vita ihres Vaters zu erzählen. Im Dritten Reich kam Wilhelm Gollwitzer mehr und mehr unter Druck. "Schließlich nötigte man ihn zur Mitgliedschaft in der NSDAP."

Enttäuscht und deprimiert

Als es für ihn 1941 erneut gefährlich wurde, ließ er sich ins Lungensanatorium Hausstein im Bayerischen Wald einweisen. Doch nach dem Krieg machte man ihm die erzwungene Parteimitgliedschaft zum Vorwurf. "Das enttäuschte und deprimierte ihn zutiefst." Friederike erzählte auch von ihrem Vater, dem Organisten. "Er erhielt als Vergütung Holz aus dem Kirchenwald."

Erhältlich ist das Buch im Eichborn-Verlag und jeder Buchhandlung (ISBN 978-3 844 827 781) oder im Internet unter www.gollwitzer.net.
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