Weihnachtslesung mit der Altneihauser Feierwehrkapell'n in Erbendorf
Zynischer Zyklus

"Der Grund der Weihnacht ist nicht wichtig, Hauptsache es klingelt richtig", philosophierte Norbert Neugirg (links) über die "staade Zeit". Über das "Aribo"-Hotel machte er sich ebenso seine Gedanken wie über die vielen Schlaglöcher in den Straßen. Eine Kleinbesetzung der Altneihauser Feierwehrkapell'n lieferte dazu das musikalische Kontrastprogramm. Bild: wb
Kultur
Erbendorf
17.12.2016
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Wer bei dieser "Weihnachtslesung" besinnliche Worte erwartet hatte, wurde enttäuscht. Auch Fehlanzeige bei Glühweinduft und Plätzchengeruch. Vom Rednerpult prasselten hinterfotzige Anspielungen und gereimte Gemeinheiten hernieder. Trotzdem verließ keiner die Stadthalle. Im Gegenteil: Die Leute amüsierten sich köstlich.

Norbert Neugirg, Kommandant der "Altneihauser Feierwehrkapell'n", holte zum großen Rundumschlag aus. Im Schlepptau hatte er ein Quintett aus seinem normalerweise neunköpfigen "schrägen Haufen", der nicht zuletzt durch die Fernsehauftritte beim Frankenfasching in Veitshöchheim Kultstatus erlangt hat. Neugirg überraschte die Besucher mit der Offenbarung, ein gebürtiger Erbendorfer zu sein (Er erblickte im früheren Krankenhaus das Licht der Welt. Viele hielten diese wahre Aussage für einen Witz). Nicht nur deswegen erwies sich der Komödiant in seinem gut zweistündigen Auftritt - dem ersten öffentlichen in seiner Geburtsstadt - als profunder Kenner der lokalen Verhältnisse und schonte nichts und niemanden - am wenigsten natürlich die Verantwortlichen im Rathaus.

Von Schadenreuth ("Bauschuttmekka"), bis zum neu eröffneten "Aribo"-Hotel ("Donko-Hans-Titanic"), von den Schlaglöchern in den Ortsstraßen ("Erich-Honecker-Gedächtniswege") bis zum Christbaum auf dem Hochhaus holte er bei seiner weihnachtlichen "Brandrodung" bereits im Prolog zum großen Rundumschlag aus (siehe Kasten unten) .

Die vielen Einheimischen in der mit rund 500 Besuchern ausverkauften Halle kamen ebenfalls nicht ungeschoren davon: "Denkt man sich die Menschen weg, wär Erbendorf ein schöner Fleck", reimte Neugirg unter dem schallenden Gelächter der Zuhörer.

Budenzauber allerorten

Die Lichterorgien in deutschen Gärten (Da sei es kein Wunder, wenn eine Boeing aus Versehen statt auf der Landebahn in der Bäckereieinfahrt aufsetze) und Betriebsfeiern in Firmen (Stühle am Büfett sind aufgrund der letztjährigen Vorkommnisse diesmal verboten) nahm er ebenso aufs Korn wie den weihnachtlichen Budenzauber, der sich mittlerweile schon in Orten ab drei Einwohnern breit mache.

Bei dieser "Christkindl-Mobilmachung" gebe es ein Angebot, das von weihnachtlich duftenden Klosettsteinen bis zur flambierten Bratwurst reiche, wusste der Windischeschenbacher. Einfach köstlich auch Neugirgs Streifzug durch das adventliche Fernsehprogramm mit Sendungen wie dem Tatort "Bescherung im Leichensack", "Im Märzen der Bauer die Christbäum' anpflanzt" und dem Kinderkrimi "Drei Schüsse für Aschenbrödel" . Und dann waren da noch seine umgetexteten Weihnachtslieder. "Vom Himmel hoch, da komm ich her, trotz Weltraumschrott und Flugverkehr", witzelte der Kabarettist.

Auch den Zyklus seiner tragischen Weihnachtspoesie, darunter die Gedichte "Mettenhauch", "Christbaumkauf" und "Weihnachtsgans" quittierten die Besucher mit donnerndem Applaus.

Ein wunderschönes Kontrastprogramm zu den Ungereimtheiten und Widersprüchlichkeiten der "staaden Zeit" lieferten Rupert "Rupsi" Beer (Tuba), Peter Fuhrmann (Tenorhorn und Posaune), Ludwig "Luggi" Schieder (Steirischer "Faltenbalg"), Thomas Kießling (Saxofon und Klarinette) und Stephan Drexler (Trompete) in der bekannten Montur. Sie spannten den Bogen von "Ihr Kinderlein kommet" bis zu "Stop the Cavalry", vom deutschen Weihnachtslied bis zum X-mas-Startstürmer.

Noch eine Schippe

Für das allgemein gewünschte Wiedersehen hatte Neugirg nach einer Zugabe bereits einen Termin parat: am 17. Februar 2017. Dann ist Neugirg mit der gesamten Kapelle wieder beim Frankenfasching in Veitshöchheim zu Gast: "Die waren so dumm, uns wieder einzuladen. Diesmal legen wir noch eine Schippe drauf."

Denkt man sich die Menschen weg, wär Erbendorf ein schöner Fleck.Norbert Neugirg


Was sich der Kommandant zu Erbendorf so alles zusammenreimt ...Das Stadtbild macht seit Jahren Lust darauf, vorbeizufahren. Erbendorf ist arm an Charme, der Zoigl importiert und warm, ein Hochhaus, das ein Christbaum ziert, und das dadurch nicht schöner wird, grüßt wie ein altes Stasihaus als Plattenbau ins Land hinaus.

Auch die Straßen erinnern sehr an die Straßen in der DDR: es mangelt deutlich an der Pflege, Erich-Honecker-Gedächtniswege, Schlaglöcher, die offen bleiben und Kunden in die Werkstatt treiben, kurbeln hier die Wirtschaft an, auch für Kliniken wird was getan: an abgebroch'nen Bordsteinkanten gefall'ne Jungfern und Passanten, die mit kaputten Knochen und Gebissen zum Doktor oder Zahnarzt müssen.

In Erbendorf regiert die CSU und genauso geht's auch zu: Der Bürgermeister ist ein Spezialist, der ein Aufguss von Napoleon ist, und weil er Erbendorf so führt, wird er mit Steinwald-Putin tituliert.

Die Stadt steckt voller Projekte, die der Bürgermeister schon vollstreckte. Hans Donko heißt der Mann mit Namen, er glaubt an Wunder und Schamanen und bleibt dem Risikio stets treu, sein Hotel "Aribo" ist nagelneu und verbreitet eine Atmosphäre wie eine auf Grund gelauf'ne Fähre.

Kommt irgendwo ein Zuschuss her, sind Schulden bei ihm sekundär. Ums Hotel "Aribo" am Ortseingang ist ihm drum nicht bang und er verfällt auch nicht in Panik, wenn sich die Donko-Hans-Titanic wie die Titanic verhalten könnte, bis dahin ist er längst in Rente.
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