Das Pärchen, das einen Polizeieinsatz auslöste, forscht nach einem Zaubertrank
"Miraculix" im Steinwald

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Erbendorf
08.11.2017
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Beide verwenden Mistelzweige. Comicfigur "Miraculix" macht die Gallier mit Hilfe des Zaubertranks unbesiegbar. Der Alchemist im Steinwaldhaus in Erbendorf forschte an einem Mittel, das die Denkleistung beschleunigen und zum ewigen Leben führen sollte. Bild: Tobis/dpa

Bei dem Pärchen, das am Freitag, 27. Oktober, einen Polizeieinsatz im Steinwaldhaus ausgelöst hat, handelt es sich um Hobby-Alchemisten. Die beiden wollten nach eigener Auskunft aus Kräutern und Edelmetallen ein Elixier gewinnen, das die Denkleistung beschleunigt und zum ewigen Leben verhilft.

Von Christine Ascherl

Weiden/Erbendorf. Das Paar ist an sich schon schillernd genug. Er, 28 Jahre, Deutscher. Sie, 36, gebürtige Amerikanerin. Vielversprechende Karrierestarts liegen hinter ihnen. Beide haben studiert: Wirtschaftslehre und Psychologie. Er war Stipendiat der Universität. Für die Mitbegründung eines Sozialunternehmens wurde er seit 2014 international ausgezeichnet. Er stand auf einer Forbesliste für junge Entrepreneure. Sie hat promoviert. Ihre Dissertation, erschienen 2014, beschäftigt sich mit Ethik im Spitzensport. Die 36-Jährige hat im Sportmanagement gearbeitet, war zwölf Jahre mit einem deutschen Olympiateilnehmer verheiratet.

Dann der Bruch. 2015 verließ der Schwabe das Unternehmen mit Sitz in Erlangen und ging auf Weltreise: Karibik, Südamerika, USA. Darüber berichtet der "Adventurer und Philosopher" auf allen erdenklichen Social-Media-Kanälen. Status: "Exploring the beauties and mysteries of the world." Im Juni diesen Jahres reißt der Informationsfluss plötzlich ab. Der letzte Facebook-Eintrag stammt aus Las Vegas. Nach fünf Jahren Absenz sei er an den Spieltisch zurückkehrt: "Looking for a poker coach."

Zum Pokern im "King's"

Was spült dieses Paar ausgerechnet in die Oberpfalz? Zum einen die Leidenschaft fürs Pokern. Der 28-Jährige besucht mehrfach das "King's Casino" im tschechischen Rozvadov (Roßhaupt), das mit dem "größten Pokerroom Europas" wirbt. Am 11. Oktober ist er dort als Teilnehmer eines Turniers gelistet.

Zum anderen bietet die Oberpfalz günstige und abgelegene Unterkünfte. Schon vor seinem Aufenthalt im Steinwaldhaus ist das Paar in der Region einquartiert: Es bucht über die Plattform "Airbnb" eine Ferienwohnung in der Nähe von Windischeschenbach. Das Mietverhältnis endet abrupt schon nach einer Woche. Auch dort bauen die beiden ihr kleines Druiden-Laboratorium auf.

Das Paar zieht weiter ins Hotel "Steinwaldhaus", das in Nebengebäuden Apartments anbietet. Auch dort bleibt das ungewöhnliche Gebaren der Gäste nicht lange verborgen. Das Hotelpersonal wundert sich über die Anlieferung von etlichen Paketen mit Chemikalien. Die Polizei stellt später unter anderem 10-Liter-Kanister mit Aceton sicher. Auf dem Balkon stehen fünf Liter Essigsäure. Es finden sich Salpetersäure, Chlorwasserstoffsäure, eine schwache Lösung Wasserstoffperoxid. Dazu Metalle wie Kupfer und Platin. Und Kräuter, beispielsweise Mistelzweige.

Aceton und Metallpulver, dazu der markante Bart, der dem einstigen Jungunternehmer bis zur Brust reicht - bei einem Zeugen schrillen die Alarmglocken. Völlig zu Recht, wie Polizeidirektor Klaus Müller noch einmal ausdrücklich betont. "Es gab ausreichend Verdachtsmomente. Es war wichtig und absolut richtig, die Polizei zu alarmieren." Die gleichen Zutaten werden beim "Bombenbauen" verwendet. Aceton kann in Drogenküchen eine Rolle spielen. Die gab es in der Region schon einmal: 2007 bis 2011 hob die Weidener Kripo acht Crystallabore in ihrem relativ kleinen Zuständigkeitsbereich aus.

30 Beamte im Einsatz

Am Freitag, 27. Oktober, entschließt sich die Polizei zum Einsatz, den Müller als Höherer Beamter vom Dienst leitet. Von der Polizeiinspektion Kemnath führt Bernhard Gleißner die Regie. Vor Ort sind Beamte der Inspektion Weiden, des Operativen Ergänzungsdienstes Weiden, Einsatzkräfte aus Amberg und Regensburg sowie der Polizeiinspektion Fahndung Waidhaus. Aus München kommt die Technische Sondergruppe des Landeskriminalamtes.

Der Zugriff erfolgt bei einer Abpasskontrolle durch die Inspektion Kemnath. Als das Paar das Hotel verlässt, halten Beamte den Wagen bei Wetzldorf auf. Im Mietwagen mit italienischer Zulassung werden 20 Liter chemische Flüssigkeit sichergestellt. In der Ferienwohnung stößt die Polizei auf die genannten Chemikalien. Außer zwei ansteckbaren Herdplatten und diversen Glasgefäßen gibt es keine weiteren Apparaturen. Ein Poster verweist auf die "Power of Alchemie". Endprodukte finden sich nicht.

Die Stoffe sind inzwischen mehrfach überprüft worden, zuletzt vom Landratsamt Tirschenreuth und einem Experten für Gefahrgut der Weidener Kriminalpolizei. Fazit: Es handelt sich um Freimengen von frei beziehbaren, frei lagerbaren Chemikalien. Müller: "Es ist nicht verboten, mit Kräutern zu experimentieren. Es ist nicht verboten, mit Metallen zu experimentieren. Es ist nicht verboten, sich aus Wissen aus dem esoterischen Bereich zu bedienen. Und alles drei zusammen auch nicht." Es bestehe keinerlei Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung. "Wir können besten Gewissens sagen: Das ist alles legal."

Ziel: ein Zaubertrank

Was sie da eigentlich brauen wollten, hat zumindest die 36-Jährige bei der Kripo erklärt: eine Art Zaubertrank. Man wollte durch die Auflösung der Metalle ein konzentrationssteigerndes Mittel finden, das zugleich zur Unsterblichkeit verhilft. Man habe nachts geforscht (oder in Tschechien gepokert), daher sei tagsüber Verdunkelung angebracht worden. Nach der Befragung in Weiden durften der 28-Jährige und die 36-Jährige ins Hotel zurückkehren. Sie blieben bis Donnerstag, 2. November, dann reisten sie über Nacht ab. Laut Staatsanwaltschaft ist das Paar "völlig frei" in der Wahl seines Aufenthaltsortes.

"Es bleibt möglicherweise wenig Strafbares übrig", meint Leitender Oberstaatsanwalt Gerd Schäfer. Bei den Durchsuchungen fanden die Beamten geringe Menge Drogen. Es handelt sich dabei um Cannabis und ein undefinierbares Bröckchen chemischer Drogen, eventuell Amphetamine. Crystal ist es jedenfalls nicht. Der Stoff wurde an das Institut für Rechtsmedizin in Erlangen geschickt, erst in ein paar Monaten ist mit einem Ergebnis zu rechnen.

Es gab ausreichend Verdachtsmomente. Es war wichtig und absolut richtig, die Polizei zu alarmieren.Polizeidirektor Klaus Müller
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