Erbendorferin Daniela Prechtl beim Einsatz zur Augsburger Fliegerbombe
Einsatz in der Geisterstadt

"Du wusstest, da unten liegt die Bombe." Zitat: Daniela Prechtl, BRK
Vermischtes
Erbendorf
27.12.2016
165
0
 
Das Kontingent Niederbayern-Oberpfalz sammelt sich, mit dabei BRKler aus Erbendorf, Mitterteich und Waldsassen. Sie helfen mit, 54 000 Menschen aus der Innenstadt von Augsburg zu evakuieren. Bilder: hfz (2)

Eine Fliegerbombe in Augsburg: 54 000 Menschen werden evakuiert, 4000 BRK-Helfer aus ganz Bayern sind im Einsatz. Mittendrin: Daniela Prechtl von der Bereitschaft Erbendorf.

/Augsburg. Heiligabend beginnt für Daniela Prechtl ganz normal. Gans gibt es bei der Mama, Raclette beim Kumpel. Eigentlich will sie nachmittags noch ein Nickerchen machen, doch sie ist zu aufgeregt. Wie auch, wenn die Erbendorferin bald bei der größten deutschen Evakuierungsaktion seit Ende des Zweiten Weltkrieges dabei sein wird.

Prechtl hat sich ohne zu zögern freiwillig gemeldet. "Als nach einem Fahrer gefragt wurde, habe ich gar nicht mehr überlegt." Obwohl ihr klar ist, dass sie keine geruhsamen Feiertage haben wird. "Weihnachten habe ich jedes Jahr. Und ich bin auch froh, wenn mir jemand hilft, wenn ich Hilfe brauche", ist ihre schlichte Erklärung für ihre Bereitschaft bei der Bombenentschärfung in Augsburg am ersten Weihnachtsfeiertag.

"Zweite Familie"

Mitten in der Nacht, der erste Weihnachtsfeiertag ist gerade angebrochen, trifft sie sich mit den anderen drei Freiwilligen vom Kreisverband Tirschenreuth des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) an der Autobahnauffahrt Falkenberg: Harald Pelz von der Wasserwacht Mitterteich, Christian Strobel von der Bereitschaft Waldsassen und Jörg Gerolstein von den Erbendorfern. Seit 2010 ist die 36-Jährige beim Roten Kreuz. "Meine zweite Familie" nennt sie die BRKler. Mit zwei Einsatzfahrzeugen vom Katastrophenschutz fahren die Oberpfälzer los, sie lassen sich Zeit, machen zwei Kaffeepausen. 5 Uhr, sie sind am Ziel. Auf einem großen Parkplatz in Dasing kurz vor Augsburg treffen sie auf die anderen Kollegen vom Kontingent Niederbayern/Oberpfalz.

8 Uhr, es heißt: "Aufsitzen und Abmarsch im Kontingent." Etwa 40 Fahrzeuge ziehen im Konvoi Richtung Augsburger Innenstadt. Die Stadt ist im Umkreis von 1,5 Kilometern abgesperrt. "Gefahrenzone" steht auf den Schranken der Polizisten, die aus ganz Bayern abgezogen wurden. "Betreten verboten." Prechtl und die anderen BRKler fahren ins Sperrgebiet. Um 14 Uhr soll die Bombe entschärft werden. Bis dahin müssen alle Bewohner den Gefahrenbereich verlassen: 54 000 Menschen. Das Oberpfälzer Team evakuiert ein ganzes Altenheim. "Die Pflegekräfte waren natürlich vorbereitet und super organisiert."

Neben der Bombe

12 Uhr, das BRK-Team ist fertig mit dem Altenheim. Noch zwei Stunden, bis laut Zeitplan die 1,8 Tonnen schwere Fliegerbombe entschärft wird. Prechtl fährt direkt an der Absperrung vorbei, hinter der sich bereits die Experten des Kampfmittelräumdienstes um den Blindgänger versammeln. "Du wusstest, da unten liegt die Bombe." Immer leerer und leerer wird die drittgrößte Stadt Bayerns. Kein Mensch mehr auf den Straßen, nur ein paar Blaulichter rauschen hin und wieder vorbei. "Das muss man sich vorstellen wie eine Geisterstadt", sagt Prechtl. "Alles verlassen und einsam." Mit ihren Kollegen geht sie kurz über den Weihnachtsmarkt. "Diese ganzen leeren Buden. Das war schon ein mulmiges Gefühl."

13.30 Uhr, eine halbe Stunde noch. Prechtl und ihre Kollegen werden noch einmal zum Einsatz gerufen. Eine alte Frau ist noch in der Gefahrenzone, sie muss so schnell wie möglich raus. Die Oberpfälzer eilen los. 13.55 Uhr, sie haben die Frau eingeladen und bringen sie schnell aus dem Sperrgebiet. Warum die alte Dame sich erst so spät meldete zu einer Evakuierung, auf die ganz Deutschland gespannt wartete, hat Prechtl nicht mehr interessiert. "Wir mussten uns beeilen. Ich dachte nur: In fünf Minuten geht es los. Wir wollten einfach nur raus."

Sperrgebiet-Weihnachten

Die Räumung des Gefahrenbereichs verzögert sich, weil viele gehbehinderte Menschen erst kurzfristig um Krankentransporte gebeten haben. Die Stadt setzt den Zeitpunkt der Entschärfung deshalb auf 15 Uhr an. Doch das wissen die BRKler da noch nicht. Nach dem spontanen Einsatz sammeln sich alle Helfer in einer Halle auf dem Messegelände. Dort warten sie, bis die Bombe entschärft ist. Eintopf gibt es, Feldbetten sind aufgebaut. Mehr als "ausruhen und dösen" kann Prechtl in der vollen Halle jedoch nicht. Fast 30 Stunden ist sie schon wach. Doch die Erbendorferin trifft viele alte Bekannte, die sie auf anderen Katastropheneinsätzen kennenlernte: Bei der Bombenentschärfung in Regensburg und beim G 7-Gipfel vergangenes Jahr, beim großen Hochwasser im Frühsommer 2013, bei der Flüchtlingskrise. Ihre "Katastrophen-Gang" nennt Prechtl diese Bekannten, die sich immer dort treffen, wo es brenzlig wird. "Schade, dass man sich immer nur auf Katastrophen sieht." In Augsburg geht alles gut aus und inmitten ihrer zweiten Familie ist es dann doch noch richtig weihnachtlich für Prechtl.

Um 19 Uhr geht es dann wieder weiter. Die Evakuierten müssen zurück in die Wohnungen gebracht werden. Gegen Mitternacht, als der zweite Weihnachtsfeiertag schon anbricht, nach 36 Stunden auf den Beinen, können Daniela Prechtl und ihre BRK-Kollegen endlich schlafen.

Du wusstest, da unten liegt die Bombe.Daniela Prechtl, BRK
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.