26.10.2017 - 20:00 Uhr
ErbendorfOberpfalz

Evangelische Kirchengemeinde Erbendorf Dieses Buch ist ein Schatz

"Im Nahmen Gottes deß vatter's Sohns und Heyligen Geiste's." Mit diesen Worten beginnt das älteste Buch der evangelischen Kirchengemeinde, das Tauf-, Trau- und Sterbematrikel. 1676 wurde es nach dem großen Stadtbrand angelegt und wird gehütet wie ein Schatz. Doch die evangelische Gemeinde ist schon viel älter. 1539 kam der erste Geistliche der neuen Lehre in die Steinwaldstadt.

Pfarrer Christoph Zeh mit dem evangelischen Pfarrbuch, das sämtliche Tauf, Trauungs- und Sterbeeinträge von 1676 bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts enthält. Bilder: njn (2)
von Jochen NeumannProfil

"Ein Buch voll Geschichte", sagt Pfarrer Christoph Zeh. Vorsichtig hält er das gebundene Pfarrbuch, in dem sich seine Amtsvorgänger von 1676 bis Mitte des 19. Jahrhundert mit ihren Einträgen über freudige Ereignisse wie Taufen und Trauungen, aber auch mit viel Leid im Hinblick auf die Sterbefälle verewigten.

Nachdem das erste Matrikelbuch der evangelischen Pfarrei im großen Stadtbrand vom 9. Juli 1676, bei dem auch alle Pfarrhöfe ein Raub der Flammen wurden, zugrunde ging, legte im gleichen Jahr der protestantische Pfarrverweser Johann Adam Dümbler dieses Buch an. Insgesamt hat es knapp 500 Seiten.

"Der erste Eintrag ist die Taufe der Magdalena Margaretha, ein Töchterchen des Casper Roßenschon, Bürger und Gerber", konnte Pfarrer Zeh aus der altdeutschen Schrift herauslesen. "Getauft wurde sie am 21. September 1676." Vor allem für die Ahnenforschung ist dieses Buch sehr aufschlussreich.

Briefverkehr mit Luther

Die neue Lehre fand bereits wenige Jahre nach Luthers Thesenanschlag 1517 in Wittenberg Anhänger in Erbendorf. Der Verbreitung brachen vor allem Bergleute aus Sachsen Bahn und nicht zuletzt auch die Lage der Stadt am Handelsweg zwischen Nürnberg und Eger.

1525 hat sich der Pfarrvikar Johann Hanauer seinem Bischof gegenüber in vielen Sachen "ungehorsamblich erzeigt und groblich veracht". Auch der Kemnather Frühmesser Gilg Walturner, der sich bereits 1524 eine Frau genommen hatte, hielt sich in Erbendorf auf. Sie bereiteten der neuen Lehre den Boden, der auch bald die Bürger zugeneigt waren. Mit dem Prediger Lorenz Rüdel kam 1539 der erste Geistliche der neuen Lehre nach Erbendorf.

Es heißt, dass er mit Martin Luther in brieflichem Kontakt stand. Als 1542 Herzog Ottheinrich seinen Übertritt zum lutherischen Bekenntnis vollzog, mussten auch die Bürger den Glauben ihres Landesherrn annehmen. Mit der Einführung der neuen Kirchenordnung wurde auch die klösterliche Niederlassung in der Propstei in der Pfarrgasse 1543 aufgehoben und nicht wieder besetzt. An die Stelle der Benediktiner rückte der lutherische Prediger Huldrich Juhennedel, der die Propstei als lutherisches Pfarramt nutzte.

Gut 70 Jahre währte in Erbendorf das Luthertum, bis im Jahr 1627 der Katholizismus wieder Einzug hielt. Da das Amt Parkstein neben Herzog August von Sulzbach mit Herzog Wolfgang Wilhelm von Neuburg einen Mitgemeinschaftsherren hatte und dieser wegen der Heirat mit der Schwester des katholischen Kurfürsten Max von Bayern zum katholischen Glauben übertrat, setzte Herzog Wolfgang Wilhelm trotz heftigen Widerstands seines Bruders Herzog August von Sulzbach die Gegenreformation durch.

In Erbendorf wurden der lutherische Pfarrer Paul Häberlein und der Prediger Thomas Grüner gezwungen, ihre Ämter niederzulegen. 1628 wurden sie "außer Landes verwiesen", da sie sich nicht an einer katholischen Prozession beteiligten. Übrigens mussten alle Bürger katholisch werden oder das Land verlassen. Mit dem Westfälischen Frieden im Jahre 1648 loderte im Amt Parkstein der Streit der Konfessionen erneut auf. Herzog Christian August von Sulzbach verlangte mit Berufung auf den Friedensvertrag für sein Land den Religionszustand von 1624, also die protestantische Konfession.

Mit Gewalt

Die katholische Religion und der katholische Pfarrer mussten nun ungeachtet aller Einsprüche des Herzogs von Neuburg, der auf seine landesherrlichen Hoheitsrechte hinwies, mit Gewalt weichen. Im März 1649 zog der neue protestantische Pfarrer Ägydius Brandtner ein. Doch dauerte es noch einige Jahre, bis 1663 das Simultaneum eingeführt wurde. Der bisherige Pfarrhof am Kaiserberg, in dessen Gebäude sich heute der evangelische Kindergarten befindet, fiel durch Los dem protestantischen Geistlichen zu. Die Pfarrkirche Mariä-Himmelfahrt war jetzt "Simultankirche", genauso wie das Schulhaus in der Kirchgasse, das jetzt "Simultanschulhaus" war. Natürlich mit einem katholischen Lehrer und einem lutherischen Lehrer. Das Schulsimultaneum wurde übrigens bereits 1861 aufgelöst, als die evangelische Kirche ein eigenes Schulhaus am Unteren Markt einrichtete.

Zwischen der katholischen Pfarrei und der evangelischen Pfarrei war es so geregelt, dass vereinbart war, dass von den Protestanten die Pfarrkirche und die Veitskirche an Sonn- und Feiertagen von 7 bis 9 Uhr und am Montag, Mittwoch und Freitag von 7 bis 8 Uhr und außerdem täglich von 12 bis 2 Uhr nachmittags genutzt werden konnte. Abweichungen hiervon mussten die Geistlichen unter sich ausmachen. Ob evangelisch oder katholisch, in Bezug zu den Gotteshäusern hatte die Geistlichkeit mit den Stadtbränden zu kämpfen. In der Zeit des Simultaneums fiel die Simultankirche gleich dreimal, 1676, 1771 und 1796, einem Feuer zum Opfer. Nach dem Brand 1771 wurde die Kirche westwärts erweitert. 1796 brannte sie abermals ab. Weil die Finanzreserven beider Gemeinden aufgebraucht waren, nahmen der evangelische Pfarrer Georg Matthäus Paucker und der katholische Pfarrer Franz Joseph Krembs persönlich 300 Gulden Schulden auf sich.

Die noch heute vorhandene Ausstattung der Pfarrkirche Mariä-Himmelfahrt stammt größtenteils aus Kirchen, die Anfang des 19. Jahrhunderts säkularisiert wurden. So stammen der Hochaltar, das Orgelgehäuse unter anderem aus der bis 1802 bestandenen Franziskanerkirche in Kemnath. Die drei Rokokobeicht-stühle und die zwei Seitenaltäre waren bis 1804 in der Kirche zu Barbaraberg bei Speinshart. Nachdem 1833 der Seifensieder Jakob Kammerer für den Hochaltar ein neues Mariä-Himmelfahrt-Bild stiftete, erhoben die Protestanten Einspruch. Erst 1849 konnte der Streit beigelegt werden, als ein zweites Altarbild mit der Himmelfahrt Christi angeschafft wurde. Beim Einbau des Bildes verwendete man eine Technik, die das Drehen des Altarblattes ermöglichte. So konnte bei katholischen Gottesdiensten Maria und bei protestantischen Gottesdiensten Jesu Christi gezeigt werden. Das heutige Mariä-Himmelfahrt-Bild wurde 1851 von Kunstmaler Ulrich Halbreiter in München gefertigt.

Eine Menge Arbeit

Die Teilung des Simultaneums brachte dem protestantischen Pfarrer Thodor Zinck, der 1915 Erbendorf als "Ruheposten" suchte, sehr viel Arbeit ein. Um den katholischen Kult kennen zu lernen, besuchte er sehr eifrig den katholischen Gottesdienst. Dies erregte in seiner Kirchengemeinde großen Anstoß. 1919 trat er in den Ruhestand.

Auf Betreiben des katholischen Pfarrers Franz Xaver Fleischmann gelang es, dass das königlich bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus am 20. Mai 1918 das Simultaneum aufhob. Katholiken und Protestanten wurden aufgefordert, über die Art und Weise der Vermögensteilung zu verhandeln. Wegen der Unsicherheit der politischen und wirtschaftlichen Lage, das Ende des Ersten Weltkrieges war in Sicht, erkannten die Protestanten die Ministerialentschließung anfänglich nicht an, mussten sich ihr aber schließlich doch unterwerfen. Am Samstag, 12. Juli 1919, kam ein Vertrag zustande, der ein Jahr später, am 12. Juli 1920, notariell verbrieft wurde. Insgesamt war es nicht ein Vertrag, sondern vier Verträge, die notwendig waren, um eine Einigung zu erzielen.

Die Pfarrkirche Mariä-Himmelfahrt ging zum Preis von 65 000 Mark an die Katholiken, die Veitskirche für 10 000 Mark und einem Vorkaufsrecht der Katholiken für den Altar an die evangelische Kirche. Noch bis 1923, der Fertigstellung der Martin-Luther-Kirche, diente die Pfarrkirche Mariä-Himmelfahrt den Katholiken und Protestanten gleichermaßen als Gotteshaus. Am 22. Juli 1923 fand der letzte protestantische Gottesdienst in der Mariä-Himmelfahrtskirche statt.

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