27.01.2016 - 02:00 Uhr
Oberpfalz

Erste Kommunalwahl nach dem Krieg vor 70 Jahren Die Demokratie kehrt zurück

Der 27. Januar 1946 war ein Festtag der freien kommunalen Selbstverwaltung. Frauen und Männer durften nach der Nazidiktatur wieder an die Urne zur ersten Kommunalwahl nach dem Zweiten Weltkrieg.

Josef Ficker (Eschenbach), Sebastian Eichermüller (Pressath) und Josef Hagenburger (Grafenwöhr): Nach der Nazidiktatur übernahmen sie als Bürgermeister im Städtedreieck Vernatwortung. Bilder: do (4)
von Robert DotzauerProfil

Vor 70 Jahren schien es keine Zukunft für unsere Heimat zu geben. Einige mutige Bürger wagten in ihren Heimatgemeinden dennoch erste Schritte des Neuanfangs. Verantwortungsgefühl gab ihnen die Kraft. Mit den ersten Stadt- und Gemeinderatswahlen nach dem Zweiten Weltkrieg gaben sie kurz nach dem Zusammenbruch vom Mai 1945 ein gutes Beispiel.

Kein Mantel

"Die Geschichte ist kein Mantel, den ein Volk ausziehen und in die Garderobe hängen kann", hat Golo Mann gesagt. Dieser Satz trifft auf den Tag vor 70 Jahren besonders zu. Wer ein Erbe antritt, übernimmt auch die Verbindlichkeiten. Dennoch gab es Bürger, die diese Herausforderung wagten. Ihre Zuversicht schöpften sie aus dem Bewusstsein, dass die Kraft eines Neubeginns nur aus der Gemeinsamkeit erwachsen könne. So entstand ein lebendiges Gefühl der Zusammengehörigkeit, gepaart mit dem Prinzip vom christlichen Menschenverständnis. Nimmt man die Weltgeschichte als Maßstab, sind 70 Jahre wenig. Bezieht man die Zeitspanne nur auf die unmittelbare Vergangenheit, dürfen wir vor allem auf die Personen blicken, die diese Periode begonnen haben. Unter diesen Gesichtspunkten gewinnen 70 Jahre kommunale Zeitgeschichte an Bestand.

Nach der Erlaubnis der amerikanischen Militärregierung wurden für die jungen Demokraten die ersten Bürgermeister-, Stadtrats- und Gemeinderatswahlen zur Bewährung. Neben Auerbach als größte Stadt im damaligen Landkreis Eschenbach zeigte die Bevölkerung vor allem Interesse am Stimmverhalten im Städtedreieck Eschenbach/Grafenwöhr/Pressath. Angeführt von Kaufmann Josef Ficker, dem letzten freigewählten Bürgermeister vor der Nazi-Diktatur, reichte in Eschenbach nur der wenige Monate zuvor gegründete Ortsverband der Christlich-Sozialen Union einen Wahlvorschlag ein.

Auf dem Stimmzettel standen 18 Kandidaten für die 11 Sitze. Im Wahlaufruf appellierte Josef Ficker an die Eschenbacher, ihr Recht zur Pflicht zu machen und die zu unterstützen, die sich bereit erklärt hatten, ein verantwortungsvolles Amt anzunehmen. Die ersten "Nachkriegsstadträte" hießen Franz Simon, Ludwig List, Lorenz Löw, Michael Kallmeier, Josef Prösl, Franz Scherm, Wolfgang Schloderer, Johann Steger, Baptist Lunz, Josef Gradl und Georg Reger. Josef Ficker wurde vom Stadtrat zum Bürgermeister und Franz Simon zum Stellvertreter gewählt. Der Rat amtierte bis zur Kommunalwahl 1948.

In Grafenwöhr ersetzte nach Kriegsende 1945 die amerikanische Besatzungsmacht die nationalsozialistischen Bürgermeister durch unbelastete Personen. Zunächst übernahm laut Chronik der Stadt aus dem Jahr 2011 Gustav Brunner im Juli 1945 das Bürgermeisteramt. Im August 1945 setzten die Befreier Josef Hagenburger als Bürgermeister ein. Dem neuen Rathauschef oblag nun auch die Organisation der Stadtratswahl am 27. Januar 1946. Zu Grafenwöhr gehörte nach der Auflösung der Gemeinde Thomasreuth auch Gössenreuth. In freier und geheimer Wahl hatten die Grafenwöhrer 15 Ratsmitglieder zu bestimmen. Gewählt wurden Josef Hagenburger, August Böhm, Michael und Wilhelm Bäumler, Christof und Josef Bauer, Adolf Bausenwein, Ambros Gick, Josef Koberger, Matthias Kraus, Georg Lang, Andreas Renner, Josef Rodler, Hans Sinzinger und Georg Specht.

Der letzte für fast 70 Jahre

Aus ihrer Mitte bestätigte das Gremium Hagenburger. Für Gemeinden über 3000 Einwohner wählte der Stadtrat den ehrenamtlichen Bürgermeister mit einfacher Mehrheit aus seiner Mitte. Zum zweiten Bürgermeister wählte der Rat August Böhm. Die Bayerische Gemeindeordnung vom 18. Dezember 1945 sah nur eine Amtszeit von zwei Jahren vor, die am 4. Februar 1946 begann. CSU-Bürgermeister Hagenburger "regierte" deshalb nur bis 30. April 1948. Erst 70 Jahre später gelang es mit Edgar Knobloch erneut einem CSU-Mann, nunmehr in direkter Wahl durch die Bürgerschaft das Rathaus zu erobern.

Auch in Pressath mit den 1946 zur Stadt gehörenden Ortschaften Feilersdorf, Riggau, Dießfurt, Troschelhammer und Weihersberg stieß der Weckruf auf fruchtbaren Boden. Aus einer Facharbeit von Markus Hammer und den Aufzeichnungen im Pressather Stadtarchiv ist zu entnehmen, dass der junge CSU-Ortsverband und die bereits weit vor der Gleichschaltung bestehende SPD Wahlvorschläge einreichten. Auf der CSU-Liste standen 15, die SPD ging mit 7 Kandidaten ins Rennen um die 15 Mandate. Bei einer Wahlbeteiligung von 92 Prozent in Pressath und von 80 Prozent im Wahlbezirk Pressath-Land gewann die CSU elf und die SPD vier Ratssitze. Alle gewählten Stadträte mussten, wie in Eschenbach und Grafenwöhr, durch die Militärregierung bestätigt werden.

Zunächst parteilos

Aus der Mitte des Gremiums wählte der Stadtrat Maler- und Vergolder-Meister Sebastian Eichermüller zum Rathauschef. Erst im Oktober 1946 trat der in die CSU ein. Der erste freie Stadtrat nach dem Krieg setzte sich aus folgenden Mitgliedern zusammen: Sebastian Eichermüller, parteilos. Josef Ficker, Schuhmachermeister und zweiter Bürgermeister; Josef Prüschenk, Maurermeister und dritter Bürgermeister; Josef Reiß, Mühlenbesitzer; Andreas Reindl, Bauer; Josef Schwärzer, Landwirt und Bäckermeister; Johann Hösl, Landwirt; Jakob Gleißner, Webermeister; Johann Thaller, Kaufmann; Josef Römisch, Landwirt, und Georg Wolfrum, Wagnermeister, alle CSU. Für die SPD waren im Rat vertreten Josef Höfer, Landwirt; Georg Wiesner, Maurer; Karl Gruber, Maurer, und Baptist Kneidl, ebenfalls Maurer.Wie sich die Zeiten ähneln. Im Juni 1946 sorgte ein Aufruf des staatlichen Flüchtlings-Kommissars für den Landkreis Eschenbach für Aufruhr. Heutzutage drohen manche Großstädte, der Not der Flüchtlinge mit Zwangseinweisungen in leerstehende Gebäude.

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