22.03.2017 - 20:10 Uhr
Oberpfalz

Wie Oberpfälzer Türken über Erdogan denken Zwischen den Stühlen

Es lief schon besser zwischen Türken und Deutschen. Die türkische Justiz sperrt deutsche Journalisten weg, türkische Spitzenpolitiker tun sich mit Nazi-Vorwürfen hervor. Zwischen den Stühlen sitzen türkischstämmige Bürger in der Region. Wie gehen sie um mit der Diplomaten-Krise?

Stürmische Zeiten im deutsch-türkischen Verhältnis. Bild: Schönberger
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Eschenbach/Kemnath. Wem kann man diese Frage zwischen Kirchenthumbach und Neusorg stellen? In den westlichen Landkreisen Neustadt und Tirschenreuth gibt es keine offiziellen türkischen Vertretungen, keine Vereine, keine Ditib-Moschee. Alternativ sollen Betreiber türkischer Imbissbuden und anderer Betriebe zwischen Erbendorf und Eschenbach Auskunft geben. Dieser "Plan B" funktioniert überraschend gut: Fünf Türken geben freundlich Auskunft.

Türke nicht gleich Türke

Soweit die Gemeinsamkeiten. Die nächste Erkenntnis ist dann aber, dass Türke nicht gleich Türke ist. Die Mehrheit bilden sunnitische Muslime, in der Oberpfalz leben aber auch aramäische Christen und Aleviten. Und die Gruppen-Zugehörigkeit spielt eine entscheidende Rolle bei der Beurteilung Erdogans und dessen Politik. In Pressath, Grafenwöhr und Eschenbach betreiben Aleviten und Christen Geschäfte. Ihnen ist Erdogan suspekt wie den Deutschen - eher noch mehr.

"Ich möchte mit Erdogan und seinen Leuten nichts zu tun haben", sagt ein christlicher Händler. Für ihn ist die Türkei nicht frei. Per Gesetz werde es Christen verboten, dort Beamter zu werden. Erdogans Vorwürfe an Deutschland seien deshalb besonders untragbar. "Ich möchte in einem freien Land leben. Deshalb bin ich in Deutschland sehr zufrieden", sagt der Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. In 40 Jahren hatte er noch keine Schwierigkeiten mit Muslimen. "Aber man weiß nicht, was kommt." Kontakt gibt es keinen, "türkische Muslime kaufen bei mir nicht ein". Das habe mit dem Kreuz im Laden zu tun.

Etwas weniger abseits stehen die Aleviten. Mit Erdogans AKP wollen sie aber ebenso nichts zu tun haben. "Wir gehören zur CHP", sagt eine Wirtin aus Grafenwöhr. Diese sozialdemokratische Partei ist der Gegenspieler der islamisch-konservativen AKP. An Diskussionen mit Erdogan-Anhängern habe sie kein Interesse. "Das bringt nichts, man kann sie nicht überzeugen." Die Frau glaubt, dass unter sunnitischen Türken in der Region die meisten der AKP anhängen. "In größeren Städten ist das vielleicht anders, aber hier ist die AKP stark." Ähnlich sieht es ein Eschenbacher Wirt. Auch er ist Alevit, auch er sieht die Geschehnisse in der Türkei kritisch.

Der Erbendorfer Wirt Yilmaz Erten ist Sunnit und tatsächlich bei weitem weniger Erdogan-kritisch. Weil er nur mehr einen deutschen Pass hat, darf er im April beim Referendum seine Stimme nicht abgeben. "Aber ich würde wohl für Erdogan stimmen", erklärt Erten, der nach seit etwa 20 Jahren SPD-Mitglied ist. Allerdings: Ein 100-Prozent-Erdogan-Anhänger ist auch er nicht. "Diese Nazi-Vergleiche gehen gar nicht", sagt er und: "Erdogan sollte seinen Wahlkampf in der Türkei machen und die Deutschen in Ruhe lassen."

Andererseits hält er "die deutschen Medien" für unverantwortlich. Die Türkei werde falsch dargestellt. "Erdogan ist kein Diktator", und er werde auch nach dem gewonnenen Referendum keiner, meint Erten. "Ich habe die geplante Gesetzesänderungen gelesen. Ich kann nichts Schlechtes erkennen." Erten ist überzeugt, dass Erdogan das Referendum gewinnt, deshalb sollte dieser sich die Attacken gegen die Deutschen sparen. "Damit macht er nur uns Türken hier das Leben schwer." Der Wirt muss sich immer wieder vor seinen Stammtisch-Gästen rechtfertigen. Wiederholt werde er angesprochen, meist in Freundschaft, aber auch vorwurfsvoll.

Falsches Bild beklagt

Ähnliches berichtet ein Pressather Unternehmer. Auch er Sunnit, auch er nicht völlig auf Erdogan-Linie. "Ich würde ihn nicht wählen", sagt der Mann mit deutschem Pass, um dann ebenfalls "die deutschen Medien" anzugreifen. Diese würden ein falsches Bild von der Türkei zeichnen. Die dortige Gesellschaft werde vom Konflikt zwischen islamischen Traditionalisten und moderneren Kemalisten geprägt. "Es geht um mehr als um Erdogan."

Beim Grund für dessen Erfolg sind sich dann wieder alle Befragten einig: Es ist die Wirtschaft. Erdogan habe dem Land Aufschwung und Ansehen gebracht. Das sei auch für das Selbstwertgefühl der Türken in Deutschland wichtig, sagt der Pressather. "Wenn ich vor 30 Jahren in meine Heimat gefahren bin, habe ich von der türkischen Grenze bis Antalya eineinhalb Tage gebraucht. Heute acht Stunden", sagt Erten. Hier widersprechen auch die Erdogan-Gegner nicht.

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