17.10.2017 - 14:18 Uhr
Oberpfalz

Wir schaffen das? Zweieinhalb Jahre Gemeinschaftsunterkunft in Eschenbach "Es sind eben Menschen"

Zweieinhalb Jahre gibt es die Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge in Eschenbach. Die freiwilligen Helfer ziehen eine gemischte Zwischenbilanz, sowohl für Einheimische und Ämter, als auch für Flüchtlinge.

Engagierte Helfer und ihre Schützlinge: Sabine Fricke, Eiad Kherit, Fritz Betzl, Maria Lorenz, Alexandra Adam von der Regierung der Oberpfalz und Abdu Ahmad. Bild: wüw
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Wir schaffen das? Eschenbachs Flüchtlingshelfer sind sich uneinig. Sabine Fricke ist von Angela Merkels Losung überzeugt. "Dieser Satz hat mir die Frau viel sympathischer gemacht." Maria Lorenz und Fritz Betzl haben Zweifel. "Die Frage ist, was das heißt, es zu schaffen", sagt Lorenz. Alle zu integrieren, die in den letzten zwei Jahren nach Deutschland kamen, werde schwer. Betzl stimmt zu. "Ich sehe da Probleme."

Die beiden können das sagen, ohne in irgendwelche Ecken gestellt zu werden. Hätte es Freiwillige wie sie nicht gegeben, Deutschland wäre im Frühjahr 2015 im Chaos versunken. Die Erinnerungen der drei lassen keine Zweifel. "Die Behörden waren nicht vorbereitet und überfordert", sagt Lorenz. Die Mitglieder des neuen Arbeitskreises Asyl arbeiteten in Vollzeit, pendelten auf eigene Kosten zwischen Landratsamt und Flüchtlingsunterkunft, um Papiere zu besorgen, Anmeldungen und Arztbesuche zu erledigen.

Der SPD-Stadtrat Betzl war im November 2014 der erste Helfer für Flüchtlinge in Eschenbach. "Ich hab zufällig gesehen, dass Flüchtlinge ankamen." Die Leute vom Balkan wirkten hilflos, zitterte in der Kälte. "Ich habe eine Jacke vorbeigebracht, gefragt, ob ich helfen kann." Für Betzl und den Arbeitskreis ist die Flüchtlingshilfe seither Daueraufgabe. Es sind gut zehn Mitglieder, die die Hilfe professionalisiert haben. Auf die Kleiderkammer in den drei Räumen sind sie stolz. Auch bedürftige Deutsche können sich versorgen.

Psychisch belastend

Die Helfer kümmern sich um Sprachkurse, helfen bei Behörden, Wohnungs- und Arbeitssuche. "Die Polizei lobt uns regelmäßig, weil wir viel Kleinarbeit abnehmen", sagt Betzl. Er sagt aber auch: "Ich weiß nicht, ob ich es wieder tun würde." Der Aufwand ist groß, genau wie die psychische Belastung. "Es gab Leute, bei denen ich froh war, als sie abgeschoben wurden." Bei anderen hätte er bei der Abschiebung weinen können. "Es sind eben Menschen", sagt Maria Lorenz dazu.

Sie und Fricke heben die Erfolge ihrer Arbeit, besonderes bei der Arbeitsvermittlung hervor. Betzl sieht gerade diesen Punkt kritisch. Erfolg sei eher die Ausnahme. "Viele sind Analphabeten", sagt Betzl. Auch ein Ingenieur aus dem Irak sei weit davon entfernt, in diesem Beruf zu arbeiten. Fricke bleibt zuversichtlich, die Firmen zeigen Interesse, wenn die Deutschkenntnisse besser werden, tun sich neue Chancen auf.

Keine Erfahrung haben die Helfer bisher mit Extremismus irgendwelcher Art, die Religionen kommen gut miteinander aus. Die Sorge sei da, gibt Betzl zu. Bislang war sie unbegründet. Er beschreibt, wie Muslime mit der Zeit lockerer wurden, einmal ein Bier probieren. Lorenz erzählt, dass sich muslimische Männer zunächst schwer taten, wenn Frauen Anweisungen gaben, Fricke kann diese Erfahrung nicht bestätigen. Inzwischen sind viele Muslime ausgezogen, Afrikaner aus Nigeria oder Eritrea nachgefolgt. Christen, aber trotzdem ist mit ihnen die Arbeit schwerer geworden, die Sprachbarriere ist höher. Seit Wochen bemüht sich der Arbeitskreis erfolglos um Dolmetscher. Austausch oder gar Integration macht das schwerer.

Hilfe und Ablehnung

Zwiespältig wie mit den Flüchtlingen sei die Erfahrung auch mit den Einheimischen. Die Helfer erinnern sich an die Hilfsbereitschaft aus dem gesamten Städtedreieck. "Als erstes sind die Amerikaner mit Spenden gekommen", sagt Lorenz. Auch Brigitte Netzner von der katholischen Kirche und Hans Karl aus Kirchenthumbach haben viel geholfen. Allerdings gebe es auch Anfeindungen, offene Ablehnung bei der Wohnungssuche.

Hilfe bekommen die Freiwilligen inzwischen von einer Integrationsberaterin. Allerdings gebe es noch Luft nach oben, Helfer seien immer willkommen. Der Arbeitskreis sei ein tolles Team, neue Freundschaften sind hier entstanden. "Der Kontakt mit neuen Kulturen bringt mir persönlich so viel", sagt Fricke. Mit Kritik am Landratsamt halten sich die drei aber zurück. Die Leute dort leisten tolle Arbeit. "Die tun für uns was sie können", sagt Betzl. Lorenz und Fricke würden sich manchmal mehr Flexibilität und Beweglichkeit wünschen. Beide kennen Beispiele übertriebener Bürokratie, von sinnlosen Touren von Pontius zu Pilatus. "Die Ämter müssen sich eben an Gesetze halten, auch wenn das in Einzelfällen unpassend wirkt", sagt der Lokalpolitiker Betzl.

Ihn stört, wenn Möglichkeiten nicht genutzt werden. Beim Landratsamt gebe es da keine Probleme, beim Bundesamt für Flüchtlinge eher. Er berichtet von einer Familie, die sich seit fünf Jahren von einer kurzfristigen Duldung zur nächsten hangelt, obwohl sie gut integriert ist, der Vater Chancen auf einen Job hätte. Stattdessen muss er alle zwei Wochen nach Regensburg, um die Duldung zu verlängern. "In fünf Jahren muss doch eine Entscheidung möglich sein", sagt Betzl. "Außerdem gäbe es die Möglichkeit, den Aufenthalt zu erlauben, solange die Kinder zur Schule gehen. Auf die Frage, wieso diese Möglichkeit nicht genutzt wird, fällt ihm ein Wort ein: "Schikane."

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