04.01.2018 - 19:14 Uhr
Sport

Einblick in die Welt des Groundhopping Adrenalin und Leidenschaft

Im wirklichen Leben sind sie Versicherungskaufmann, Lehrer oder Student. In ihrer Freizeit fahren sie durch ganz Europa und besuchen Fußballspiele. Markus, Georg, Patrick und Stefan sind Groundhopper.

von Matthias Schecklmann Kontakt Profil

Die lautstarken Heimfans lassen die Tribüne des Stadions „Ljudski vrt“ erzittern. Von der Gegenseite erwidern die Gäste die Sprechchöre mit Häme. Mittendrin stehen ein paar deutsche Fans, die sich das Fußballspiel zwischen dem NK Maribor und Zrinjski Mostar aus Bosnien nicht entgehen lassen wollen. „Dieses Gefühl, wenn du zum ersten Mal ein Stadion betrittst, den Rasen siehst und die Fans hörst, ist schwer zu beschreiben. Das macht Groundhopping für mich aus“, schwärmt Markus (28). Er ist Groundhopper mit Leib und Seele – seit inzwischen 12 Jahren aktiv.

So viele Stadien und Fußballplätze wie möglich

Beim Groundhopping wird versucht so viele Stadien und Fußballplätze wie möglich zu besuchen. Jeder Bolzplatz ist gut genug. „Es geht dabei um ein Gefühl und das Erlebnis, außerdem lernt man viele Menschen kennen. Wer kann schon von sich behaupten ein Spiel der fünften lettischen Liga besucht zu haben?“, sagt Georg (31), der das Spektakel der großen Ligen nicht mag. „Die netten Gespräche mit dem Platzwart, der Dame am Einlass oder den Sportheim-Legenden machen den wirklichen Fußball doch aus“, erklärt er.

Patrick (21) erzählt wie er zum Groundhopping kam: „Fußball war schon immer ein großer Teil meines Lebens und ich bin oft mit Freunden ins Stadion. Wer schon mal mit seinem Verein zu einem Auswärtsspiel gefahren ist, weiß, dass diese Fahrten für tolle Erinnerungen sorgen. Mich hat es dann immer mehr in andere Stadien gezogen. Es hat sich eine Art Sucht entwickelt immer mehr Orte zu besuchen und mehr Stadien zu sehen, auch ohne Bezug zum eigenen Verein.“ Seine freien Tage und Wochenenden nutzt er seitdem zu Reisen nach Großbritannien, Dänemark oder in die Niederlande.

Sechs Spiele in fünf Tagen

Markus verbindet jeden Urlaub mit seinem Hobby: „In fünf Tagen Österreich habe ich sechs Spiele besucht. Von der Regionalliga bis zur Bundesliga war alles dabei und ein paar tolle Städte habe ich auch gesehen.“ So macht es auch Stefan (38): „Da ich inzwischen Familie habe, ist es nicht mehr so einfach Termine zu finden. Aber dieses Jahr waren wir auf Kuba und ich habe drei Spiele besucht. Die Stadien waren wie aus einer anderen Zeit, als wäre dort seit den 1980er Jahren nicht mehr gespielt worden. Der Eintritt war immerhin frei.“

Georg, leidenschaftlicher Motorradfahrer, fährt auf seiner Maschine durch Europa, immer auf der Suche nach Fußballplätzen oder Stadien. Auf dem Weg nach Zagreb hält er in Maribor, um sich das Champions-League-Qualifikationsspiel zwischen dem slowenischen und dem bosnischen Meister anzusehen. „Wir sind alle leidenschaftliche Fußballfans, aber ein Verein reicht uns nicht aus“, erklärt er. Er sei enttäuscht von der aktuellen Entwicklung im Sport, zu viel Geld, zu viel Kommerz und zu wenig ehrlicher Fußball. Inzwischen schaue er lieber ein Kreisliga- statt eines Bundesligaspiels.

Groundhopping kostet Zeit und Geld

Groundhopping bringt aber auch Nachteile mit sich. Es ist nicht billig, zeitintensiv und nicht immer ungefährlich. „Groundhopper sind bei vielen Ultra-Gruppen nicht gerne gesehen. Für sie sind wir Fußball-Touristen und keine Fans. Normalerweise stelle ich mich aber nicht direkt in die Kurve. Allerdings geht die Stimmung ja von ihnen aus und da will man dabei sein“, sagt Markus. In einigen Stadien werden Groundhopper durch Graffitis davor gewarnt sich in die Kurve zu stellen. „In Osteuropa zum Beispiel musst du darauf achten, welche Farben deine Klamotten haben und dich vorher informieren mit welchen Vereinen die Ultras befreundet oder verfeindet sind, sonst kann eine Begegnung mit den Fans übel ausgehen. Denn oft ist Alkohol im Spiel und die Situation kann eskalieren“, erklärt Georg.

„Es ist für mich fast eine Sucht geworden. Eine Mischung aus Adrenalinkick und Leidenschaft“, versucht Stefan seine Faszination zu erklären. Am Ende ist es ihm und anderen Groundhoppern nicht so wichtig, ob sie ein Spiel in der baltischen Pampa fast alleine oder zwischen 80 000 Zuschauern im Signal-Iduna-Park in Dortmund verfolgen.

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