27.02.2018 - 18:06 Uhr

Wetterexperte Wolfgang Reiß über die klirrenden Temperaturen Regenmesser aus Spaß an der Freud'

Minusgrade im zweistelligen Bereich lassen derzeit Deutschland frieren. Auch früher gab es schon eisige Winter. Keiner weiß das besser als Wolfgang Reiß. Er erfasst seit 1956 Temperaturen und Niederschlagsmengen.

Ab 1953 war Wolfgang Reiß 50 Jahre und einen Monat im Vermessungsamt beschäftigt. Seitdem sind Regenmengen und Temperaturmessungen ein Hobby, das er voller Hingabe betreibt, das ihm immer noch viel Spaß macht. In seinem Anwesen am Karlsplatz sowie auf seinen "Außenstationen" sind für Wolfgang Reiß monatliche "Regenmengen-Messungen" absolutes "Muss". Mit akribischer Genauigkeit nimmt er drei Mal am Tag die Temperatur-Messung vor, wie das Bild von Februar-Temperaturen in Eschenbach aus dem "Kältewinter" 195
von Georg PaulusProfil

Mitten in der Altstadt, am Karlsplatz zu Hause, erreichte Wolfgang Reiß innerhalb von Minuten seinen Arbeitsplatz - das Vermessungsamt. Mit 14 Jahren begann er als Lehrling seinen Dienst, nach 50 Jahren und einem Monat ging er, inzwischen Beamter, in Pension. Wenn er, bekleidet mit Anorak, Arbeitshose und einem alten Hut auf dem Kopf, mit einem Traktor herantuckert, möchte man nicht glauben, dass er einst Beamter war.

Der Freude an der Landwirtschaft, die dem "Kirschnerbiener", wie sein Hausname lautet, in die Wiege gelegt wurde, entspringt sein Freizeitvergnügen, über das er zunächst nicht reden wollte. Aber dann ist Wolfgang Reiß "in Fahrt" und nicht zu bremsen. Seine Augen leuchten, wenn er über die Messungen von Nieder- schlagsmengen spricht, die er in der Innenstadt, am Stadtrand, auf Wiesen und Äckern und am "Rußweiher" akribisch genau vornimmt. Temperaturmessungen, die er früher an seinem Arbeitsplatz und seit dem Ruhestand daheim tätigt, faszinieren ihn noch immer. "Ab 1956 habe ich regelmäßig sechsmal in der Woche um 7.30 Uhr, 12 Uhr und um 17.30 Uhr gemessen."

Gut erinnert sich Wolfgang Reiß an 1956: Da hat er die Lehre im Vermessungsamt beendet. "Es war der kälteste Winter seit fast 200 Jahren, hieß es damals." Der Februar im Schaltjahr 1956 war ein besonderer Monat. Seine Notizen beweisen, dass es vormittags an 18 Tagen zweistellige Minusgrade - zwischen 26 und 10 Grad, davon 5 mit über minus 20 Grad - gegeben hat. Am Donnerstag, 9. Februar, wurden einmal sogar am Abend noch minus 23 Grad gemessen. Erst am Schalttag, dem 29. Februar 1956, gab es erste Temperaturen "über Null": in der Früh 1 Grad, mittags 2, um 17.30 Uhr sogar 3 Grad plus.

Dass es am Wasser kälter ist als im Ort, zeigten Messungen am "Rußweiher": Der Unterschied betrug in der Regel 2 bis 4 Grad. "Einmal war es bei meinen Messungen am Weiher so kalt, dass ich, obwohl ich ziemlich winterfest gekleidet war, beinahe nicht mehr wusste, wie ich bei der Saukälte und einem beißenden Sturmwind über den Fledermühlberg wieder heim kommen sollte."

Interessant sind auch die Daten der Niederschlagsmengen, die Wolfgang Reiß seit 1974 in seiner Heimatstadt sammelt. Dank einer Messstation, die er auf seinem Anwesen am Karlsplatz eingerichtet hat, kann er sehr genau alle Regenmengen notieren. Gemessen wird die Literzahl des Niederschlags je Quadratmeter und Monat. Der "Eschenbacher Regenmesser aus Spaß an der Freud'" hat bei seinen Messungen manche Überraschungen erlebt. Mit einem Liter pro Quadratmeter ist der November 2011 absoluter Spitzenreiter bei den niedrigsten Regenmengen, mit je drei Litern folgen der Januar 1996 sowie der April 2007. Einstellige Zahlen von Regen auf den Quadratmeter gab es auch im Februar 1998, als Reiß sieben Liter gemessen hat. Im Februar 2015 waren es 8 Liter, im November 2011 9, im Februar 1982 14 und im September 1982 17 Liter. 1991 und 1992 betrug die Regenmenge auf den Quadratmeter im Februar je 20 Liter.

Mit 1039 Litern pro Quadratmeter war das Jahr 2002 Spitzenreiter auf der Skala der Aufzeichnungen, die Wolfgang Reiß seit 46 Jahren über die Wärme und Kältegrade sowie von Niederschlagsmengen in der ehemaligen Landkreishauptstadt vornimmt. Platz zwei hält mit 892 Litern das Jahr 1995, 826 Liter wurden 2010 gemessen. Zweistellig sind die Regenmengen, die Reiß von 1982 bis 2017 an 383 Monaten messen konnte, 100 bis 137 Liter je Quadratmeter wurden an 49 Monaten gemessen, zweimal sogar - im Dezember 2001 und im April 2008 - maß er genau 100 Liter.

Unterschiedlich sind auch die Regenmengen, die Reiß in den Monaten ab 1982 aufgenommen hat. Im April fielen 1422 Liter und der Februar (mit je 28 Tagen plus 8 Schalttagen) verzeichnete 1539 Liter, die zweitniedrigste Regenmenge. Die größte Regenmenge fiel mit 2566 Litern in den Dezembermonaten, 2498 Liter waren es in den Novembermonaten. Auf die Frage, wie lange er dieses interessante Hobby weitermachen will, meint er nur: "So lang mir der Herrgott Gesundheit dazu gibt und so lang es mir Spaß macht, mach ich weiter."

"Zapfige" Minusgrade

Eschenbachs Rekordtemperaturen des Kältewinters 1956 hat die Rußweiherstadt im Februar 2018 zwar nicht erreicht, "aber trotzdem war es ganz schön zapfig", meint Wolfgang Reiß. Am Sonntag zum Sonnenaufgang maß Reiß in der Stadt minus 10 Grad, am Montag waren es 12, am Dienstag sogar 14 Grad unter Null. Bei seinen mittäglichen Messungen hat es Anfang des Jahres kaum Minusgrade gegeben, wenn dann "um Null Grad, nicht viel darunter". Insgesamt sagt Reiß, sei es schon normal, dass es jetzt "gscheit kalt ist. Im Kinderlied heißt es ja auch 'Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt'. Manches Jahr war das allerdings auch im März noch nicht möglich." Beim Wetter lasse sich der Herrgott nicht reinpfuschen. "Gott sei Dank, sunst gabert`s ja Mord und Totschlag ums richtige Wetter." (gpa)

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