26.01.2018 - 16:34 Uhr
Oberpfalz

Zwischen Amazon und Händler um die Ecke Stadtberg kontra Internet

Ein ungleicher Kampf: Der Händler um die Ecke kontra Amazon. Die Einzelhändler zwischen Eschenbach und Kemnath spüren, dass sich die Geschäftswelt verändert. Kapitulieren müssen sie deshalb aber nicht.

Noch werben die Schilder der Händler am Eschenbacher Stadtberg um Kunden. Apotheker Hubert Schug glaubt, dass sich dies wegen der Konkurrenz im Internet zumindest nicht in allen Branchen ändern muss. Allerdings müssen sich die Händler auf die neue Situation einstellen. Bild: do
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Kemnath/Eschenbach. Hubert Schug ist ein typischer Kleinstadt-Gewerbetreibender, seine Apotheke gehört in Eschenbach zum Stadtberg. Schug ist aber auch Geschäftsführer der Lippert GmbH, einem Spezialisten für Versand- und Logistikanlagen. Derzeit macht sich Schug deutlich mehr Sorgen ums Geschäft am Stadtberg als um den Absatz seiner Spezialmaschinen an Logistikbetriebe in der ganzen Welt. "Der Versandhandel boomt, die Entwicklung wird sich eher beschleunigen", sagt er. Er könne sich derzeit kaum vorstellen, dass es in zehn Jahren in Eschenbach noch Bekleidungs- oder Schuhgeschäfte gibt. Auch wenn sein Pressather Unternehmen profitiert, es ist nicht so, dass ihn die Entwicklung nur Freude bereitet. Seine Herz hänge an Eschenbachs Innenstadt. Als Vermieter sei er manchem Händler bei der Miete entgegengekommen, um Leerstände zu verhindern.

Sorgen macht sich auch Holger Märkl. Der Vorsitzende der im Kem-Verband zusammengeschlossenen Händler kann den Versand-Boom fast greifen. In seinem Reisebüro betreibt er auch eine Postagentur. "Es ist Wahnsinn, was die Menschen heute alles bestellen", sagt Märkl. Ihn ärgere, wenn die Leute im Netz bestellen, ohne zu vergleichen - nicht selten seien die Händler vor Ort sehr wohl konkurrenzfähig. "Es gibt praktisch keinen Reise im Netz, bei dem wir den Preis nicht halten könnten."

Dazu biete sein Unternehmen Erfahrung und Beratung - während im Online-Handel Unsicherheit mitschwingt. Die Erfahrung zeige, dass Kunden dies schätzen, wenn sie denn kommen. "Man muss die Menschen neu dazu erziehen", sagt Märkl. Candlelight-Shopping oder Bauernmarkt bieten sich dafür an. Man komme ins Gespräch - und sieht die Leute später tatsächlich im Reisebüro wieder. "Beim Bauernmarkt hatten wir einen Infostand zum Thema Urlaub auf dem Bauernhof." Die Anfrage sei in den Tagen danach bemerkenswert gewesen.

Auf Nähe und Kontakt setzen auch die Pressather Gewerbetreibenden. Ein Renner seien etwa die Pressather Einkaufsgutscheine. "Ein ideales Geschenk", findet Gewerbevereinsvorsitzender Martin Pepiuk. Man verschenkt einen Gutschein, der nicht in einem, sondern in 40 Geschäften in Pressath gültig ist. "Die Menschen in der Region nehmen das Angebot gerne an." Allerdings weiß Pepiuk auch, dass Einkaufsgutscheine die Entwicklung nicht aufhalten können. "Am Internet führt kein Weg vorbei", sagt der Betreiber eines Sportfachgeschäfts. Deshalb arbeitet Pepiuk mit seinen Mitstreitern daran, die Möglichkeiten des Netzes zu Chancen für lokale Anbieter zu machen. In den nächsten Monaten soll eine Internetplattform anlaufen, auf der Händler ihr Sortiment vorstellen und anbieten können. "Viele wissen doch gar nicht, was genau die Geschäfte in Pressath anbieten." Wenn sich Kunden im Internet auf die Suche machen, sollen sie auch prüfen können, ob sie das Produkt nicht ohne Lieferzeit bekommen können. Das Angebot soll Einzelhändlern oberpfalzweit zur Verfügung stehen.

Auch Hubert Schug sieht Möglichkeiten. Weltweiter Handel schaffe auch den Wunsch nach Regionalität, Lebensmittelhändler oder Gastronomie könnten profitieren. Als Apotheker konzentriert er sich im stationären Handel auf Produkte für ältere Menschen, denen persönlicher Kontakt wichtig ist. Im Internet vertreibt er alles und erreicht Zuwächse, die das Minus in der klassischen Apotheke auffangen helfen. Manchem Händler fehle die Bereitschaft, das Internet als Chancen zu sehen. Schug glaubt, dass das Internet mittelfristig zum Wettbewerbsvorteil für die Region werden kann. Spätestens wenn es um Kosten für Lagermiete geht, sticht das Städtedreieck jeden Münchener Konkurrenten aus.

Viele wissen doch gar nicht, was genau die Geschäfte in Pressath anbieten.Martin Pepiuk, Vorsitzender beim Gewerbeverein Pressath

Zahlen zum Handel

Auch in der Region gibt es Online-Händler: In den Landkreisen Neustadt, Tirschenreuth und der Stadt Weiden führt die IHK 200 Betriebe in diesem Bereich. Dem stehen 4500 klassische Handelsbetriebe gegenüber. "Allerdings werden deutlich mehr Firmen online vertreiben, da viele stationäre Händler wegen der Historie nicht als Onlinebetriebe geführt werden", erklärt Matthias Segerer von der Regensburger IHK.

In Deutschland wachse der Online-Handel um knapp zehn Prozent pro Jahr - der stationäre Handel stagniere bei deutlich unter einem Prozent. "Insgesamt wurden im Einzelhandel 2016 438,2 Milliarden Euro umgesetzt, 44 Milliarden im Versandhandel", erklärt Segerer. Die Prognose für das Jahr 2017 liegt bei 442,3 Milliarden Euro, der Zuwachs soll praktisch alleine beim Versand entstehen. Die Verkaufsfläche der Händler stagniert inzwischen bei 1,45 Quadratmeter pro Einwohner. Bis vor zwei Jahren wuchsen die Verkaufsflächen. (wüw)

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