16.02.2018 - 16:18 Uhr
Falkenberg

Ergreifender Abend mit Professor Dr. Alexander Fried Die Hölle des KZ überlebt

Was für ein bewegtes Leben, was für ein Schicksal: Wenn Professor Dr. Alexander Fried von den Gräueln des Naziregimes erzählt und vom Überlebenskampf im KZ Sachsenhausen, kämpfen die Zuhörer mit den Tränen. Vielen von ihnen stockt der Atem vor Entsetzen.

Johannes Bauer (rechts) vom Forum Falkenberg bedankt sich am Ende herzlich bei Dorothea Woiczechowski und Alexander Fried für den eindrucksvollen Vortrag.
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Von Ulla Britta Baumer

Wer Alexander Fried zuhört, leidet mit. Der Holocaust-Zeitzeuge hat unfassbar Grausames erlebt. Seinen Vortrag im Tagungszentrum der Burg Falkenberg verfolgen über 100 Besucher. Der gebürtige Tscheche hat in sieben Ländern gelebt und spricht zehn Sprachen. Die späte Liebe zur Kinderärztin Dr. Dorothea Woiczechowski holte ihn vor 15 Jahren nach Tirschenreuth. Der gläubige Jude überstand als Jugendlicher das Grauen in mehreren Konzentrationslagern.

Die bewegte Geschichte des Historikers führt vom Geburtsort Korolevo nach Silina, wo sein Vater ein Restaurant betreibt. Streng orthodox-jüdisch erzogen, kommt der Zwölfjährige in die jüdische Religionsakademie. "Wir haben nicht gespürt, dass sich etwas Gefährliches entwickelt", erzählt er. 1940 verändert sich die Tschechoslowakei politisch, die Schule wird geschlossen. Fried beginnt eine Tischlerlehre, arbeitet in der Landwirtschaft. Dann muss er nach Silina in eine Kaserne, sein bester Freund Kurt Alt kommt mit. Fried wird den Freund bald für immer verlieren. Und nicht nur ihn. "Ich werde mir das nie verzeihen", sagt der Mann, den seine eigene Mutter wenig später wegschickt, als die Gestapo sie abholt. Er bereut, dass er die kranke Mutter alleine lässt in den Händen der Mörder. Frieds Mutter stirbt in Auschwitz. Er hätte sie nicht retten können. Er und sein Bruder fliehen und haben Glück. Sie begegnen guten Menschen, die sie bis Dezember 1944 im Heu verstecken.

Das Grauen hat kein Ende

"Ich weiß nicht, wie uns diese Menschen mit durchfüttern konnten. Sie waren selbst arm", ist Fried unendlich dankbar. Als die Partisanen gegen die Nazis kämpfen, fliegt das Versteck auf. Fried wird an die Mauer gestellt, soll erschossen werden. Er entkommt knapp dem Tod. Im KZ Sered verliert Fried seinen Freund Kurt. Im Dezember 1944 wird er eingepfercht in einem Zugwaggon mit 86 anderen ins KZ Sachsenhausen deportiert: Sechs Tage ohne Essen, ohne Toilette, in Eiseskälte. Einmal, so Fried, habe er mit einigen anderen aus dem Waggon fliehen wollen. Er lässt es, die Kameraden werden erschossen. Sachsenhausen ist die Hölle: Die Häftlinge bekommen Kartoffelschalen hingeworfen - "wie die Schweine". Alexander Fried erlebt Vergewaltigungen, Mord, Folter. Wird selbst gequält. Am Heiligen Abend muss er nackt draußen stehen, während die Nazis "Stille Nacht, Heilige Nacht" über Lautsprecher abspielen.

Todesmarsch

Todesangst hat er, als immer mehr Kameraden für immer verschwinden. Es kommt grausamer: Beim Todesmarsch von Crivitz nach Schwerin säumen die Toten die Straßen, die Häftlinge sterben vor Schwäche und Verzweiflung, werden brutal erschossen. Der damals 19-jährige Alexander wiegt 35 Kilogramm, erliegt beinahe seiner Schwäche. Am 3. Mai 1945 befreien ihn die Amerikaner.

Immer wieder hält Alexander Fried beim Vortrag in Falkenberg inne. Die Stimme bricht beim Erzählen, er wischt sich die Tränen weg, als könne er damit die heraufbeschworenen Bilder wegwischen. Manchmal habe er Schlafstörungen, sagt er. "Aber es wird besser. Meine Frau schaut auf mich", blickt er zärtlich zu seiner Dorothea. Auch das ist überwältigend, diese wunderbare Liebe im hohen Alter. Fried bedankt sich bei seinen Zuhörern. "Das macht mich glücklich, dass ihr hier seid."

Dorothea Woiczechowski liest ein Gedicht vor von ihrem Mann, für seine Mutter. "Ich leide Tag und Nacht/kann nicht schlafen/ich suche die Verlorenen/bis mein letztes Quäntchen Blut in meinen Adern zirkuliert/vielleicht ist es noch nicht zu spät..." Es ist Alexander Frieds Botschaft gegen das Vergessen. Nie mehr dürfe so etwas geschehen, appelliert er an die Zuhörer. Sein Publikum in Falkenberg zollt ihm dafür allerhöchsten Respekt.

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