08.08.2017 - 18:42 Uhr
FloßOberpfalz

Gerlinde Engel wird 80 Gutes tun und Laos stiften

"Man muss für eine Sache brennen, sonst wird das nichts." In einem Management-Seminar schwimmt so eine Floskel im ganz seichten Zitatenwasser. Setzt eine 80-Jährige hinter diesen Satz ein Ausrufezeichen, klingt er schon überzeugender. Wenn ihn Gerlinde Engel mit Beispielen auspolstert umso mehr.

Gerlinde Engel mit ihren Schülern: Zähneputzen und anschließend Frühsport gehören zum täglichen Ritual in der Schule im Dorf Sikeud (Laos). Bild: Christiane Oelrich/dpa
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Zurzeit hält sich die elegante Mutter eines Münchener Chefarztes wieder im Elternhaus in Floß auf, wo sie in der Regel vier Monate im Frühjahr und Sommer verbringt. Dann, wenn in Laos Regenzeit herrscht und wenig vorwärts geht. Doch eigentlich ist ihr der südostasiatische Staat inzwischen fast zur Heimat geworden.

Die resolute Seniorin ist dort Statthalterin der Stiftung "Engel für Kinder", besser bekannt als "Angels for Children" (AfC). Die gibt es seit 2003. Gegründet hat sie Ingrid Engel, die verstorbene Mutter der BHS-Corrugated-Inhaber Christian und Lars Engel. AfC will Kindern in einem der ärmsten Länder der Erde zu Schulbesuch und Ausbildung verhelfen.

Das brachte Gerlinde Engel inzwischen die Bundesverdienstmedaille und den höchsten laotischen Orden für Ausländer ein. Nicht schlecht für eine gelernte Näherin. In diesem Beruf fing sie als 14-Jährige bei der Textilfirma Riebl in Floß an. In 36 Jahren brachte sie es bis zur Technischen Leiterin mit reichlich Auslandserfahrung. "Die Produktion verlagerte sich immer dem billigen Geld hinterher: nach Jugoslawien, Italien, Griechenland, Polen." Und schließlich nach Hongkong.

Dorthin ist die Flosserin 1989 gezogen. "Wir haben für Schöffel, Bogner und Adidas geschnitten und genäht." Von ihrem Chef, einem Österreicher, erhielt sie 1995 den Auftrag, eine Produktionsstätte in Laos zu erkunden. "Das Land ist so arm, da fällt kein Geld für Ausfuhren an", erklärt sie den betriebswirtschaftlichen Ansporn dahinter. Engel fand in der Nähe der Hauptstadt Vientiane einen geeigneten Standort, der schnell von 500 auf 2000 Mitarbeiter wuchs. Was ihr immer aufgestoßen ist: "Die jungen Menschen können mit 16,17 weder lesen noch schreiben." Auf diese Tatsache wies sie ihre Schwägerin Ingrid Engel bei einem Besuch in Laos hin. Und die Berufsschullehrerin fing Feuer für die Problematik, sie brannte. Die beiden Frauen stellten fest, dass es in Dörfern kaum Lehrer gibt und nur Hausfrauen die Kinder leidlich unterrichten. "Überall Analphabetismus, das macht mich irre."

Aus eins mach drei

"Ingrid hat mir ein Angebot gemacht: Wenn ich bis zur Pensionierung in Laos bleibe, setzt sie sich bei der Familie zu Hause dafür ein, dass sie dort eine Schule baut." Seit 2004 sind daraus drei geworden, in der 1500 Mädchen und Jungen Unterricht bekommen. Deren Eltern vom Sinn des Schulbesuchs zu überzeugen, war nicht einfach. Gerlinde Engel fand aber bald heraus, wie es klappt. "Die Bauern können ihre Kinder zwar ernähren, aber sie haben nichts für sie zum Anziehen." Also hat die Flosserin mit Kolleginnen genäht oder nähen lassen. "Dann haben wir den Eltern Polo-Shirts gezeigt und gesagt: Wenn du dein Kind zu uns schickst, darf es das behalten." Das funktionierte erst zögerlich, nach und nach aber immer besser.

Doch Engel weiß, dass sie in einem Land, dass keine Lesekultur kennt, keine Bildungspionierin à la Maria Montessori werden kann. Aber sie kennt die Hebel, die es zu bewegen gilt. Sie hat mit Hilfe eines einheimischen Berufsschullehrers durchgesetzt, dass von ihr betreute Jugendliche nicht erst mit 18, sondern schon mit 14 oder 15 eine Ausbildung machen dürfen. "In Laos finden sie ja kaum Handwerker. Da kommen für alles Vietnamesen." Das soll sich ändern. Nicht zuletzt, damit die Jugendlichen nicht im Drogensumpf versinken, der in Laos an vielen Ecken blubbert.

Schon Erstklässler pauken in AfC-Schulen Englisch. "Sonst lernen die die Aussprache niemals." Dabei hilft der Flosserin ein Netzwerk, das weit nach Deutschland reicht. Die Pädagogische Hochschule Karlsruhe liefert auf ihre Initiative hin laotischen Lehrern das geistige Rüstzeug. Gleiches tun ihre Neffen Lars und Christian, die immer wieder Laoten für zwei Monate nach Weiherhammer zur BHS holen, damit sie dort sehen, wie eine ordentliche Berufsausbildung aufgebaut ist.

Lehrer arme Schlucker

Dafür sind in die Stiftung Millionen Euros geflossen. AfC zahlt 11 Lehrer aus eigener Tasche - besser als der Staat. "Zum Einstieg gibt es 150 Dollar im Monat, mit Kindern dann 190 bis 200. Wir legen 25 Dollar Bonus drauf, dann kann sich der Lehrer wenigstens ein Moped leisten." Gesellschaftliche Anerkennung ist für einen Pädagogen deswegen noch lange nicht drin. 200 Dollar kriegt auch eine Näherin.

Gerlinde Engel geht also die Arbeit in den nächsten drei Jahren nicht aus. So lange will sie noch in Laos bleiben. Ihre Nachfolge hat sie schon eingeleitet. Zurzeit ist sie aber erst einmal damit beschäftigt, ihren 80. Geburtstag am Donnerstag, 10. August, zu organisieren. Den feiert sie vormittags im "Goldenen Löwen" in Floß, und am Abend geht es in die Stadthalle Neustadt.

Ein paar Wünsche hat sie auch. "Dass man hier das Alter genauso respektiert wie in Laos." Außerdem wäre ein Rasenroboter für den gepflegten Hanggarten im Elternhaus nicht schlecht. "Ach, noch viel wichtiger: Wer hat Tipps, wie man einen Maulwurf verjagt? Der macht mich noch verrückt, ich krieg' ihn einfach nicht los."

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Weitere Informationen:

http://engel-fuer-kinder.de/

Überall Analphabetismus, das macht mich irre.Gerlinde Engel

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