Aussstellung "in Memoriam" in KZ-Gedenkstätte Flossenbürg
Ermordeten einen Namen geben

Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit, Landtagsabgeordneter Martin Güll (SPD), Kurator Prof. Dr. Michael von Cranach, Bezirkstagsvizepräsident Lothar Höher und Irmgard Badura, Bayerische Behindertenbeauftragte (von links) unterhielten sich nach der Eröffnung in der KZ-Gedenkstätte intensiv über die Ausstellung. Bild: Schönberger
Kultur
Flossenbürg
07.07.2017
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240 000 Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen wurden von 1939 bis 1945 von den Nationalsozialisten umgebracht. Die Anordnung dieses tausendfachen Mordes kam von ganz oben, war notiert auf persönlichem Briefpapier Adolf Hitlers auf dem Obersalzberg. An die Opfer und auch an die, die ihnen das angetan haben, erinnert eine Wanderausstellung in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg.

Die Ausstellung trägt den Titel "In Memoriam" und ist mehr als nur Erinnerung. Da sind Abdrucke von Originaldokumenten den Namen der Opfer zugeordnet. Flossenbürg, das sich dem Gedenken aller Opfer des Nationalsozialismus verpflichtet fühlt, ist der richtige Platz für ein solches Erinnern. Denn auch hier sind im Jahr 1942 die T-4-Todesboten der Aktion "14/f13" angereist, um Häftlinge der "Sonderbehandlung" zuzuführen.

Dem Erbe gestellt

Zusammengestellt wurde die Ausstellung im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde von Professor Dr. Michael von Cranach. Er ist nach seiner Berufung zum Leiter des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren mit der Vergangenheit seines Hauses konfrontiert worden. Kaufbeuren war einer der Orte, wo behinderte und psychisch kranke Menschen hingebracht wurden, um zu sterben. Von Cranach hat keinen Augenblick gezögert, sich diesem schrecklichen Erbe zu stellen, wobei er offensichtlich feststellte, dass sich auch in den beginnenden 80er Jahren niemand so recht mit dem Thema "Euthanasie" beschäftigen wollte.

Von Cranach berichtet bei der Eröffnung der Ausstellung, die inzwischen in 30 Städten gezeigt wurde, davon, was und wen er vorfand, erzählt von obskuren Auseinandersetzungen im Vorfeld der Ausstellung, deren eigentlicher Anlass der XI. Weltkongress für Psychiatrie in Hamburg gewesen ist. Cranach weiß von - im wahrsten Sinn des Wortes - schweren Gutachten, den mühsamen Bewegungen rund um das Thema auch nach den Ärzteprozessen, die doch Sachverhalte und Schuld eindeutig erbracht hatten. Befremdlich wirkt auf die Zuhörer, als er die Begegnung mit einem Kollegen in Kaufbeuren beschreibt, dessen Zimmer eine Karte des großdeutschen Reiches schmückte, der sich brüstete, mit der Legion Kondor in Spanien dabei gewesen zu sein.

Nur 14 Jahre alt

Geschichten wie die eines Buben, der nur 14 Jahre alt werden durfte, weil er als schwierig galt, treffen den Zuhörer in der Gegenwart. Denn das Thema Euthanasie ist auch heute keineswegs erledigt. Von Cranach betont, dass die Tötung von Behinderten eine lange Geschichte hat, die bis in das 19. Jahrhunderts reicht.

Der Behinderten-Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung, Irmgard Badura, war es wichtig, der Eröffnung der Ausstellung beizuwohnen. Die engagierte Frau, die einen fragwürdigen Begriff von Humanismus und Kosten-Nutzen-Rechnungen da und dort ortet, mahnt, dass "wir alle - Menschen mit und ohne Behinderungen, heute und in Zukunft den Auftrag haben, die Chance unseres gesellschaftlichen Miteinanders offen füreinander, gleichberechtigt und gemeinsam Schritt für Schritt" zu gestalten.

Angebote entwickeln

Dr. Jörg Skriebeleit, Leiter der Gedenkstätte, versichert: "Uns war es wichtig, nicht nur Veranstaltungen über behinderte Menschen zu machen, ,,sondern auch Angebote für sie zu entwickeln und dabei eng mit ihnen zusammenzuarbeiten" In die Planung und Durchführung der Ausstellung war das Heilpädagogische Zentrum Irchenrieth eingebunden. Diese Institution betreibt auch das Museumscafe der Gedenkstätte, in dem Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam arbeiten.

Die Ausstellung im ehemaligen Küchengebäude des Lagers führt in Nüchternheit und Deutlichkeit vor, was Menschen einander antun können. Alle wesentlichen Bereiche der "Euthanasie" sind ausführlich dokumentiert. Darunter ist auch das Geschehen am 12. Mai 1942, als der damalige Flossenbürger KZ-Kommandant Karl Künstler seinen Vorgesetzten nach Oranienburg meldet, dass aus Flossenbürg 209 Häftlinge mittels Sammeltransport nach Bernburg/Saale verlegt wurden. Unmittelbar nach der Ankunft ließ die SS die Gefangenen töten. Einer von ihnen war Eugen Plappert, vielfach ausgezeichneter Sportler. Er wurde wegen seines Alters und eines Nervenleidens in den Tod geschickt.

Julius Schranetzky, wissenschaftlicher Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte, wird am 22. Februar (19 Uhr) im Bildungszentrum der Gedenkstätte diesen Vorgang in einem eignen Vortrag beschreiben. Gedenkstätte und Ausstellungen sind bis November täglich von 9 bis 17 Uhr geöffnet. Von Dezember bis Februar ist täglich von 9 bis 16 Uhr geöffnet.
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