11.05.2017 - 17:14 Uhr
FlossenbürgOberpfalz

Ein KZ-Häftling, der keiner war Der falsche Überlebende

Dreißig Jahre lang hat sich der Katalane Enric Marco als Überlebender des Konzentrationslagers Flossenbürg ausgegeben. In zahlreichen öffentlichen Auftritten, in bedeutenden Ämtern vervollständigte er sein Selbstbildnis als Widerstandskämpfer. 2005 war es damit zu Ende.

Auf die Spurensuche nach einem falschen Überlebenden des Konzentrationslagers Flossenbürg begeben sich (von links) Dr. Jörg Skriebeleit, Leiter der Gedenkstätte, Professor Karl Braun aus Marburg, der spanische Autor Javier Cercas und Dolmetscher Pedro Alvarez Olaneta, bei einer interessanten Buchvorstellung im Bildungszentrum. Bild: Gedenkstätte
von Rudolf BarroisProfil

Der Historiker Benito Bermejo ließ ihn 2005 auffliegen zu einem Zeitpunkt, als Marco in seiner Eigenschaft als Präsident der sogenannten "Amical de Mauthausen", der ehemaligen Häftlinge des oberösterreichischen Lagers, zusammen mit dem damaligen spanischen Ministerpräsidenten anlässlich der Befreiung des Lagers vor 60 Jahren auftreten sollte.

Das Ereignis schlug wie eine Bombe ein. Der mehrfach preisgekrönte spanische Autor Javier Cercas fasste den Plan, das in wahrsten Sinne des Wortes unglaubliche Leben Marcos zu beschreiben. Er ging den Motiven des Mannes nach, dem es offensichtlich gelungen war, sein als wenig bedeutungsvoll empfundenes Dasein mit Fiktionen eines Heldentums aufzubessern, das ihn tatsächlich in den Augen der spanischen Öffentlichkeit zu einer herausragenden Persönlichkeit des Widerstandes gegen Franco und dann auch gegen die SS in Flossenbürg machte.

Warum hat er das getan?

Cercas hatte nun am Mittwochabend im Bildungszentrum der Gedenkstätte Gelegenheit, sein Buch vorzustellen und die Zuhörer mit den Schwierigkeiten vertraut zu machen, die die Recherchen und die Beschäftigung mit dem Konflikt zwischen Wahrheit und Lüge in diesem Fall mit sich brachten. Drei Fragen wollte Cercas beantworten: Warum hat Marco das getan? Warum hat man ihm so blind geglaubt? Warum war die Beschäftigung mit Marco für den Autor mit solchen Schwierigkeiten verbunden?

Aus der ausführlichen Vita des Katalanen ergibt sich, dass dieser als klassischer Narziss alles tat, um sein eigenes Bild in der Öffentlichkeit zu schmücken. Er scheute nicht zurück, ein kompliziertes, gewaltiges Lügengebäude zu errichten und sich dorthin auch zurückzuziehen, als er längst aufgeflogen war. Die Spanier haben ihm seine Geschichten, die er in den Medien, in Vorträgen in den Schulen erzählte, geglaubt, weil das Wissen über die fragliche Zeit in Spanien nicht sehr groß war. Marco wusste, dass er mehr darüber wusste als die meisten seiner Landsleute.

Das Publikum hörte es gewiss gern, als Carcas in diesem Zusammenhang meinte, dass es die Deutschen hier sehr viel besser machten. Die anfängliche Scheu, über Marco dieses Buch zu schreiben, resultiert aus der Erkenntnis des Autors, dass diese Kombination aus Wahrheit und Lüge, die als Lüge erkannt wird, viele Menschen betrifft. Zudem erkannte Cercas richtig, dass die Beschäftigung mit Marco eine Auseinandersetzung mit dem Spanien nach Franco zur Folge hat.

Heftiges Erschrecken

Fest steht, dass Marcos Verhalten und der Umstand, dass sich hier ein Mensch mit Inhalten nationalsozialistischer Verbrechen sein Image aufbessert, heftiges Erschrecken hervorgerufen hat, nicht nur bei den unmittelbar Betroffenen. Es ist auf der anderen Seite aber tröstlich, dass konsequente Gedenkstättenarbeit und saubere Archivpflege das Lügengebäude doch noch einstürzen ließen. Johannes Ibel, einer der Mitarbeiter in der Flossenbürger Gedenkstätte, hatte seinerzeit Marco die Bestätigung verweigert, dass er Häftling in Flossenbürg gewesen sei, weil der entsprechende Name auf einer Liste der Gedenkstätte nicht mit dem Marcos übereinstimmte. Daraufhin hatte Marco eine Kopie, die er erhielt, gefälscht. Diese Kopie fand Javier Carcas im Mauthausener Archiv.

Anderes Leben erfunden

Die entsprechende Passage in Cercas' Buch macht deutlich, mit welchen Ausschmückungen, mit wie viel Fantasie auf der einen und Vereinfachungen auf der anderen Seite Marco in seinen Berichten der Wahrhaftigkeit den Rücken gekehrt hat. Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit bestätigte in der anschließenden Diskussion, dass ehemalige Häftlinge sich niemals so outen.

Als Resumee des Abends bleibt, dass sich Enric Marco ein anderes Leben erfunden hat, obwohl laut Cercas, sein wirkliches Leben interessanter war. Der Autor schrieb das Buch, weil er diesen Mann verstehen wollte. Der offensichtliche Missbrauch der Entwürdigung von Menschen und der wirklichen Geschichte bleiben auch nach diesem Abend unbegreifbar.

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