30.01.2018 - 17:45 Uhr
FlossenbürgOberpfalz

Flossenbürg: Ausstellung über Todeszug 1945 eröffnet Selbstlose Hilfe für Häftlinge

Die Menschlichkeit bricht sich Bahn. 1945 helfen tschechische Bürger den Häftlingen eines Todeszugs - und riskieren selbst ihr Leben. Eine Ausstellung bezeugt jetzt ihren Einsatz.

Den Todestransport von Leitmeritz nach Velesín zeichnet eine Ausstellung im Bildungszentrum der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg nach. Bild: Meister
von Rudolf BarroisProfil

Als die Soldaten der 90. US-Infanteriedivision am 23. April 1945 das Konzentrationslager Flossenbürg befreiten, war es noch nicht vorbei. Dort, wo die Nationalsozialisten immer noch ihre Macht ausübten, erlebten Häftlinge weiterhin Terror und Tod. Tausende wurden von der SS auf Todesmärsche geschickt. Die Opfer säumten die Routen der Kolonnen, die vom Osten in Richtung Reich und dann nach Süden in Marsch gesetzt wurden. In den letzten Apriltagen wurde auch das Flossenbürger Nebenlager Leitmeritz nördlich von Prag geräumt, 4000 Männer und Frauen wurden in 77 offenen Kohlewaggons auf den Weg nach Mauthausen geschickt.

Diese Menschen erlebten jedoch an den Stationen, wo ihr Zug Nr. 94803 anhielt, die spontane Hilfe der tschechischen Bevölkerung. Viele riskierten gar ihr Leben, um den Häftlingen zu helfen. Dieser humanitäre Einsatz wurde auf Fotos und im Film festgehalten. Pavla Placha, die mit der Erinnerung an diese Geschichte groß geworden ist, hat später mit Jiri Plachy das gerettete Material gesammelt und zu einer chronologischen Ausstellung zusammengefügt. Diese wird nun in der Gedenkstätte Flossenbürg gezeigt. Am Montag eröffnete sie Jörg Skribeleit, der Leiter der Gedenkstätte, im Bildungszentrum.

300 Gefangene fliehen

Skriebeleit, der seinerzeit mit seinem Team auch die Ereignisse rund um die Nebenlager Flossenbürgs in Böhmen recherchiert hatte, wurde von vielen Augenzeugen, vor allem auch von Payla Placha, unterstützt. Ein Teil der Geschichte hat sich in Roztoky, Plachas Heimat, abgespielt. Hier konnten 300 Gefangene fliehen. Schwerkranke wurden in einer Behelfsklinik versorgt. Und immer wieder waren es auch die Stationsvorsteher, die der Wachmannschaft Zugeständnisse abhandelten.

So wie hier war es auch in Kralupy nad Vltavou, wo über 100 tschechische Bewohner schon warteten, um den Leuten zu helfen. Die SS erlaubte, dass aus jedem Waggon einer Lebensmittel holen durfte. Einige Gefangene wagten die Flucht. 13 wurden von den Wachen getötet. In Praha Bubny konnten 1000 Tschechen den Transport verlassen. Schwestern der tschechischen Caritas behandelten Verwundete und Kranke. Weitere Waggons mit Häftlingen aus den Nebenlagern Janowitz und Hradischko wurden an den Zug angehängt, der nun mit 96 Waggons weiterfuhr. Eisenbahner zerstörten die Bremsen, um den Zug zu blockieren. In Prag zeigte sich, dass die Wachen den Überblick verloren hatten. Dies galt auch für Olbramovice, das am Rand eines SS-Truppenübungsplatzes lag. Die Häftlinge durften sich Essen besorgen und sich im Teich waschen. Aus Votice kam ein Hauptsturmführer Graun, der auf dem Dorfplatz von Kredesice 27 Gefangene erschießen ließ. Die Verteilung von Lebensmitteln musste nach drei Tagen eingestellt werden. Graun ließ auf den Zug schießen. 80 Tote blieben zurück.

In Velesín koppelten Soldaten der Wlassow-Armee mit Hilfe der Eisenbahner die Waggons ab. Ein Teil der Häftlinge floh. Arzte und Frauen aus der Stadt kümmerten sich um Kranke und Verletzte. In einem Fabrikgebäude wurde ein provisorisches Krankenhaus eingerichtet. Am 9. Mai, einen Tag nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht, trafen US-Einheiten in dem Ort ein. Einige Stunden später folgte die Rote Armee. Was in den 14 Tagen zwischen der Abfahrt aus Leitmeritz und der Ankunft in Velesin geschah, ist ohne Beispiel. Erstaunlich ist der Mut, mit dem die tschechische Bevölkerung half, - und wie konsequent dies alles für die Nachwelt erhalten worden ist. In der Erinnerung verharren auch die schrecklichen Dinge, die Todesangst, die Unberechenbarkeiten. Nicht vergessen ist das Schicksal von Ruzena Ruzickova. Die Witwe eines im Lager getöteten Schuldirektors pflegte kranke Häftlinge, steckte sich mit dem berüchtigten Fleckfieber an und starb.

130 Massengräber

Allein in Böhmen, Mähren und im tschechoslowakischen Teil Schlesiens wurden 130 Massengräber mit 4630 Opfern ermittelt. Obwohl durch Augenzeugen und Exhumierungen vielfach dokumentiert, hatten die Verbrechen jener Tage für die Täter nur geringe Konsequenzen. Hauptsturmführer Graun beispielsweise, dem 1971 in Braunschweig der Prozess gemacht wurde, konnte sich mit der Behauptung herausreden, nicht am Schauplatz gewesen zu sein.

Skriebeleit, der am Abend auch in einem Fernsehbeitrag zum Thema zu Wort kam, betonte, dass es auch in schlimmen Zeiten und unter diesen Umständen Spielräume für humanitäres Eingreifen gab.

Öffnungszeiten

Die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg zeigt die Wanderausstellung "Der Todestransport Leitmeritz - Velesín" im Bildungszentrum der Gedenkstätte noch bis zum 28. Februar. Die Schau ist täglich von 9 bis 16 Uhr geöffnet.

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