Überlebende des KZ Flossenbürg berichten
Marsch in den Tod

Sargträger in Schwarzenfeld: Der Todesmarsch von Flossenbürg forderte viele Opfer. Bilder: United-States-Holocaust-Memorial-Museum, Washington D.C. (2)
Kultur
Flossenbürg
22.09.2017
1905
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Zivilisten in Schwarzenfeld mussten im Jahr 1945 Leichen ausgraben und für eine anständige Beerdigung sorgen.
 
Martin Hecht nach der Befreiung durch die Amerikaner 1945.

Der Zweite Weltkrieg liegt über 70 Jahre zurück. Die Filmproduktionsfirma "Snapshot" nutzte eine der letzten Gelegenheiten, um mit Zeitzeugen zu sprechen. Herausgekommen ist nicht nur eine hochwertige Dokumentation mit dem Titel "Der Todesmarsch von Flossenbürg", sondern auch ein wichtiges Zeitdokument.

Die Bilder und Berichte bleiben beim Zuschauer haften. Die Gewalt und Unmenschlichkeit, die vor über sieben Jahrzehnten herrschte, ist heute kaum mehr nachvollziehbar. Umso wichtiger ist es, dass die rund 80-minütige Dokumentation "Der Todesmarsch von Flossenbürg" es schafft, die Erfahrungen der Betroffenen auf beeindruckende und teils bedrückende Art und Weise einzufangen. Gerade in Zeiten, in denen die AfD einen ungeahnten Aufschwung erlangt und es einen erheblichen Rechtsruck in Deutschland gibt, hält der von "Snapshot" produzierte Film mit bewegenden und erschütternden Zeitzeugen-Berichten dagegen.

Langer Leidensweg

In der Doku geht es in großen Teilen - aber nicht nur - um den Todesmarsch von 1945. Auch die generellen Ereignisse im ehemaligen Konzentrationslager Flossenbürg werden thematisiert. Jörg Skriebeleit, Leiter der Gedenkstätte Flossenbürg, kommt zu Wort. Unter anderem sagt er: "Vernichtung durch Arbeit war nicht das ideologische Programm. Es entsprach aber den Realitäten. KZ-Häftlinge waren tatsächlich Sklaven, die mit primitivster Handarbeit die gefährlichsten und schwersten Arbeiten im Steinbruch verrichten sollten. Arbeit war ein Mittel zur Schikane, es war ein Mittel zur Kontrolle, es war ein Mittel zur Folter und es war auch ein Mittel, um Menschen, KZ-Häftlinge, zu ermorden."

Viele der Juden, die vor der Kamera reden, haben jahrzehntelang geschwiegen. So wie Martin Hecht. Er und sein Neffe Amir waren bereits vor ein paar Wochen zur Vorpremiere des Films in Schwarzenfeld zu Gast. Sie bekamen die erste Rohfassung zu sehen. Hecht kam 1931 in Transsilvanien zur Welt. Mit 13 Jahren musste er sein Heimatdorf verlassen und wurde zusammen mit drei seiner Brüder in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Es folgte ein Leidensweg durch verschiedene Lager - zwei seiner Brüder kamen dabei ums Leben. 1945 landete Hecht schließlich im KZ Flossenbürg. Im Interview für die Dokumentation sagt Hecht: "Die Bedingungen in Flossenbürg waren schrecklich. Ich war nur noch Haut und Knochen." Von seiner Baracke aus musste Hecht fürchterliche Beobachtungen machen: "Wenn sie jemanden nicht leiden konnten, wurde er einfach gehängt."

Als die Alliierten immer näher rückten, sollten die Häftlinge in Viehwaggons nach Dachau transportiert werden. Dramatisch: Amerikanische Flieger beschossen den Zug versehentlich. Vermutlich gingen die Amerikaner davon aus, dass es sich um einen deutschen Militärtransport handelte. Die Häftlinge wurden zu Fuß weitergetrieben. SS-Männer erschossen die Verwundeten und jene, die flüchten wollten. Der Marsch von Schwarzenfeld über Neunburg v. Wald und Neukirchen-Balbini endete erst in Stamsried. Am 23. April 1945 befreiten Amerikaner die Häftlinge. Skriebeleit sagt in der Doku: "In dieser dramatischen Endphase soll aber vor allem - und dafür ist der Todesmarsch der Juden aus Flossenbürg ein Beispiel - der Mord, die Vernichtung der europäischen Juden durchexerziert werden." Hecht erinnert sich an den Todesmarsch: "Alle 100 oder 200 Meter brach einer zusammen und wurde dann sofort erschossen. Sie erschossen die Häftlinge und ließen sie liegen."

Ergreifende Bilder

Regisseur und Kameramann Michael Geyer gelang es, Hecht und viele andere Zeitzeugen für Interviews zu gewinnen - sowohl ehemalige Häftlinge, als auch Schwarzenfelder, die den Todesmarsch vor über 70 Jahren miterlebten. Geyer und sein Team haben einen ergreifenden Film geschaffen. Er erinnert stark an Geschichts-Dokumentationen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Die Zeitzeugen sitzen vor einem tiefschwarzem Hintergrund. Zwischen die Interviews sind historische Bilder und Videos geschnitten. Das Material stammt unter anderem aus einem von Regisseur-Legende Steven Spielberg ("Schindlers Liste") ins Leben gerufenem Archiv. Für Ereignisse, zu denen es keine Aufnahmen gibt, haben die Mitarbeiter von "Snapshot" Animationen kreiert - etwa, als die Zugwaggons bombardiert worden sind. Michael Süß, der seit 2001 Unterrichtsfilme produziert, zeichnete für die zeitintensive Recherche für den Film verantwortlich.

Die Dokumentation hat ihre Anfänge im Jahr 2012. Damals bekam Geyer eine Anfrage, ob er die Zeitzeugen begleiten könne. Seit 2005 treffen sich die Überlebenden regelmäßig. "Die Mittelschule Schwarzenfeld ist auf uns zugekommen, ob wir etwas drehen." Fünf Jahre arbeiteten Geyer und sein Team an der Dokumentation. Die Interviews wurden in einem Hotel in Weiden geführt. Geyer erklärt: "Man hat diese Art Erbschuld. Damit soll es nie genug sein. Weil man es der heutigen Generation zeigen muss, was passiert ist." Martin Hecht äußert sich ähnlich. Über die Dokumentation sagt er: "In 50, 100 oder 150 Jahren ist das Geschichte."

"Zwickl"-PremiereRegisseur Michael Geyer drehte die Dokumentation nach eigener Aussage "ohne kommerzielles Ziel". Dafür sei die Produktion bewegend und spannend gewesen. Der "Snapshot"-Inhaber hofft, dass der Film auf Fernsehsendern und bei Festivals ausgestrahlt wird. Die Premiere feiert der Streifen "Der Todesmarsch von Flossenbürg" in Schwandorf. Die Dokumentation läuft am Freitag, 29. September (16 Uhr), sowie am Samstag, 30. September (18 Uhr), im "Lichtwerk"-Kino bei den Dokumentarfilmtagen "Zwickl".

Karten gibt es im Vorverkauf bis Donnerstag, 28. September, im Tourismusbüro Schwandorf, Kirchengasse 1, Telefon 09431/45-550, E-Mail-Adresse tourismusbüro@schwandorf.de. Die Karten müssen bis 28. September um 18 Uhr im Tourismusbüro abgeholt werden. Tickets gibt es während des Festivals jeweils von 12 bis 22 Uhr im "Lichtwerk"-Kino, Telefon 09431/9997919. Eine Kartenreservierung ist während des Festivals nicht möglich.

Weitere Informationen:
www.snapshot-film.de www.2wickl.de


Alle 100 oder 200 Meter brach einer zusammen und wurde dann sofort erschossen. Sie erschossen die Häftlinge und ließen sie liegen.Ehemaliger KZ-Häftling Martin Hecht
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