15.03.2005 - 00:00 Uhr
FlossenbürgOberpfalz

Eines der letzten Opfer im KZ Flossenbürg war der Bruder des italienischen Präsidenten Sandro ... Der Tod nach der Befreiung

Wenn ein Tod ungeklärt ist, kann es schon passieren, dass Irrtümer sogar in Bronze gegossen werden. So erinnert in der KZ-Gedenkstätte noch heute eine Tafel an Eugenio Pertini: "Italienischer Patriot, hingerichtet am 25. April 1945". Da war das Lager schon seit zwei Tagen befreit. Aber selbst dann forderte der Terror der SS noch Opfer.

von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Eines davon war der Bruder des späteren italienischen Staatspräsidenten Sandro Pertini. "Er ist bis heute der hochrangigste Gast, der die Gedenkstätte besucht hat", sagt Leiter Jörg Skriebeleit. Als 83-Jähriger legte Pertini am 22. September 1979 vor jener Bronzetafel einen Kranz nieder. "Dem Bruder" lautete die unprätentiöse Aufschrift der Schleife, die gar nicht zu dem viel beachteten Besuch passen wollte.

Die Gedenkstätte war die letzte Etappe von Pertinis dreitägigem Staatsbesuch in Deutschland - seinem allerersten, seit er 1978 an die Spitze der Republik Italien gewählt worden war. Dutzende Journalisten und Offizielle begleiteten den ehemaligen Partisanenführer. Arm in Arm mit Franz Josef Strauß schritt er ins "Tal des Todes". Als Vertreter der Bundesregierung war der damalige Staatsminister im Auswärtigen Amt, Klaus von Dohnanyi, dabei.

250 zum Teil schwer bewaffnete Polizisten sollten an jenem nasskalten Tag für Sicherheit sorgen. Es war die "bleierne Zeit" in Italien, als die Roten Brigaden und neofaschistische Banden um die Wette mordeten. Hier zu Lande war Strauß im Visier der RAF.

Makabre Begleitumstände für ein stilles Gedenken, für das Pertini als Privatmann nach Flossenbürg gekommen war, wie er in Interviews immer wieder betont hatte. Doch trotz Sauwetter und Sicherheitsvorkehrungen verharrte er allein einige Minuten in stiller Zwiesprache mit seinem mit 49 Jahren ums Leben gekommenen Bruder vor der Bronzeplatte im KZ-Krematorium.

Triumph am Todestag

Die Gefühlswelt des Staatsmanns dürfte dabei mächtig in Wallung gewesen sein. Denn Sandro war der Auslöser für Eugenios Aktivitäten, die ihn schließlich ins Konzentrationslager brachten. Im Gespräch mit der berühmten italienischen Journalistin Oriana Fallaci, die damals noch keine hasserfüllten Bücher gegen den Islam schrieb, erinnerte er sich 1973 an den zwei Jahre Älteren. Eugenio starb an jenem Tag, an dem Sandro einen der größten Triumphe seines Lebens feierte. Am 25. April eroberte er an der Spitze von Aufständischen die Stadt Mailand von der deutschen Italienarmee zurück. Eugenio fehlte dieses Draufgängertum. Er hinkte leicht und war eigentlich kein politischer Mensch.

Ganz im Gegensatz zu Sandro, der als Antifaschist in seinem Leben sechs Mal verurteilt worden war, darunter zu lebenslanger Haft und sogar zum Tod. Unter anderem hatten die Nazis im Sommer 1944 seine Erschießung angeordnet. Zusammen mit anderen gelang ihm aber die Flucht aus der Gefangenschaft.

Eugenio, der zu jener Zeit im heimatlichen Ligurien lebte, hatte davon nichts mitbekommen. Ein Feldwebel überbrachte ihm die Nachricht, dass Sandro exekutiert worden sei. Das veranlasste Eugenio zum Eintritt in die kommunistische Partei, für die er Plakate gegen die Nazis klebte.

Mit fatalen Folgen. Eugenio wurde fürchterlich zusammengeschlagen und im September '44 in ein Internierungslager nach Bozen transportiert. Von dort ging es nach Deutschland. Vorher soll Eugenio aber vor Freude geweint haben. Mitgefangene hatten ihm berichtet, dass Sandro noch am Leben und weiter ein Anführer des Widerstands sei. "Dann haben sie ihn nach Flossenbürg gebracht", sagte der spätere Präsident der Fallaci.

Offensichtlich ist es nicht ganz so gewesen. Bis heute gelten die Recherchen des ehemaligen NT-Redaktionsmitglieds Toni Siegert als aktuell. Demnach ist anzunehmen, dass Eugenio Pertini Mitte April 1945 aus einem anderen, einem evakuierten Lager nach Flossenbürg eingeliefert wurde. Möglicherweise war er einer von 6000 Inhaftierten aus dem KZ Buchenwald, die in Flossenbürg ihr Leiden fortsetzen sollten.

Krankheiten grassieren

"Mit großer Wahrscheinlichkeit ist Eugenio Pertini in einem der Elendszüge dieser namenlosen Häftlinge mitmarschiert und kurz vor der Auflösung des Lagers Flossenbürg angekommen", schrieb Siegert 1979. Da sein Tod am Tag zwei nach der Befreiung durch die Amerikaner verbrieft ist, ist eine Hinrichtung, wie es auf der Gedenktafel heißt, ausgeschlossen. Eher dürfte der frühere Häftling Nummer 21 732 zu jenem Zeitpunkt schon todkrank gewesen sein.

In einem amerikanischen Inspektionsbericht vom 24. April 1945 heißt es: "Der Gesundheitszustand der Häftlinge ist schlecht. 186 Fälle von aktivem Typhus, 98 Tbc, 2 Diphterie, 2 Malaria und andere Krankheiten. Das gesamte Gelände ist verlaust. In einem Krematorium werden die Toten verbrannt." Das dürfte auch Eugenios Schicksal gewesen sein. 1526 Schwerkranke hatte die SS in den letzten Kriegstagen nicht mit auf Todesmärsche geschickt, sondern unter erbärmlichen Bedingungen im KZ zurückgelassen.

Die hohe Sterblichkeitsrate unter ihnen hatte die von den Amerikanern geplante Schließung des Krematoriums verhindert. Die örtlichen Schreiner konnten nicht genügend Särge produzieren. Folglich wurden bis 30. April weiter Leichen verbrannt.

Vielen dieser lange Zeit unbekannten Opfer haben die Mitarbeiter der Gedenkstätte in akribischer Arbeit bis heute ihre Namen zurückgeben können. Die Bronzeplatte für Eugenio Pertini könnte stellvertretend für sie alle stehen.

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