22.08.2017 - 20:00 Uhr
FlossenbürgOberpfalz

Erstes Sommerlager der Aktion Sühnezeichen in der KZ-Gedenkstätte Datenbank statt Disco

Sie hätten auch Party auf Mallorca, Lagerfeuer am Baggerweiher oder Theater unter freiem Himmel haben können. 15 junge Leute verbringen ihre Ferien stattdessen zwei Wochen lang in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Sie wollen lernen, etwas Sinnvolles tun - und dabei aber bitte auch Spaß haben.

Wo heute Bagger rumpeln, mussten in den 1940er Jahren KZ-Häftlinge mit bloßen Händen Schwerstarbeit leisten. Teamerin Ami Gackowska (Zweite von rechts) erklärt Teilnehmern des Sommerlagers der Aktion Sühnezeichen Hintergründe zum Granitabbau. Bild: phs
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Zum Beispiel Greta aus Berlin. Die 18-Jährige hat am Gymnasium nach eigener Aussage eine "Überdosis" NS-Zeit im Unterricht abbekommen. Statt sich von der Thematik abzuwenden, packt sie das Ganze anders an. Sie will sich Geschichte selber erarbeiten, nicht eingetrichtert bekommen. Deshalb ist sie eine der Teilnehmerinnen am ersten Sommerlager der "Aktion Sühnezeichen Friedensdienste", kurz ASF.

Die jungen Frauen und Männer kommen aus Deutschland, der Ukraine, Weißrussland, Russland, den Niederlanden und Großbritannien. Sie unterstützen das Archiv der Gedenkstätte und lernen durch die Arbeit mit der Datenbank Lebensgeschichten und Schicksale von Häftlingen kennen. "Wir sortieren Scans für das Internet-Archiv und ordnen sie Personen zu", erklärt Greta. Eine Arbeit, die die historische Abteilung der Gedenkstätte um Johannes Ibel neben dem Tagesgeschäft allein kaum stemmen kann.

Für die jungen Leute ist dieses Engagement zum Teil auch eine Fahrkarte für weitere Aktivitäten nach der Schulzeit. Greta würde gerne mit ASF ein Jahr ins Ausland gehen und liebäugelt mit der Arbeit in einem Kindergarten in der Ukraine. Ähnliche Pläne hat Samuel (17), ebenfalls aus Berlin. Das Sommercamp in Flossenbürg wird ihm bei der Bewerbung als Sozialpraktikum angerechnet. Dimar (18) aus der Ukraine holt sich das Rüstzeug für seine spätere Diplomarbeit. Er studiert internationale Beziehungen und ist zum ersten Mal in Deutschland. Überrascht ist er davon, dass ihm vieles nicht fremd vorkommt. "Flossenbürg erinnert mich sehr an mein Dorf zu Hause."

Evgeniia aus Russland ist mit 32 die älteste Teilnehmerin. Die studierte Geologie-Ingenieurin liebt die deutsche Sprache und die deutsche Kultur. Das Interesse an der deutschen Geschichte liegt deshalb nahe. So unterschiedlich die Motive der Einzelnen sind, so spannend ist deswegen das Sommerlager. Der Gesprächsstoff geht nicht aus. Zum Programm gehören Grillen, Baden und Kino ebenso wie Exkursionen zum Reichsparteitagsgelände nach Nürnberg, zur Flosser Synagoge oder zu verschwundenen Dörfern im Sudetenland. Das Sommerlager betreuen zwei Teamerinnen, die selbst als Freiwillige von ASF ein Jahr in der KZ-Gedenkstätte gearbeitet haben: Amelia Gackowska aus Schweden, die heute in Solnice in Tschechien lebt und arbeitet, sowie Valentina Bobrovskaya aus Moskau, die Ende August ihr freiwilliges Jahr in Flossenbürg beendet und einen Medien-Masterstudiengang in Ansbach draufsetzt.

Interessante Lebensläufe treffen auf Schulabgänger, die noch unentschlossen sind: Das Sommerlager ist auch Ideen-Pool für die Berufsorientierung. So bunt und international es dabei zugeht, die Teilnehmer entdecken dabei immer wieder Verbindendes. Greta ging es schon am ersten Abend so: "Da haben wir uns die Geschichten unserer Großeltern erzählt und dabei festgestellt, dass sie doch ziemlich ähnlich waren, egal auf welcher Seite sie während des Krieges oder danach gestanden haben."

Aktion Sühnezeichen

Die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) wurde 1958 auf der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland gegründet. Die Organisation ist durch ein internationales Freiwilligenprogramm und die Organisation von Workcamps bekannt. Der christlich geprägte Grundgedanke sind Völkerverständigung und Versöhnung vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Verbrechen. Zurzeit sind etwa 180 Freiwillige in 13 Ländern unterwegs. Die meisten kommen aus Deutschland und sind zwischen 18 und 30 Jahre alt. Ein Friedensdienst dauert in der Regel zwölf Monate. Er reicht von der Betreuung von Kindern, Behinderten und Obdachlosen bis zur wissenschaftlichen Arbeit in Museen und Gedenkstätten. (phs)

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