22.03.2018 - 19:26 Uhr
Flossenbürg

KZ-Gedenkstätte Flossenbürg Ein Steinbruch, aber eben hier

Ein Steinbruch ist die normalste Sache der Welt. Aber eben nicht auf dem Gelände eines ehemaligen Konzentrationslagers, wie in Flossenbürg. Gleichwohl wird er bis heute genutzt, um Granit abzubauen.

In Teilen des Steinbruchs in Flossenbürg (Kreis Neustadt/WN) arbeiten bis heute die Bagger - unter Denkmalschutz steht bisher nur der Teil auf dem KZ-Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit (Dritter von rechts) mit seiner Besuchergruppe steht. Bild: paa
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Im Steinbruch, sagt der heute 88-jährige Überlebende des Konzentrationslagers Flossenbürg, Jack Terry, immer wieder in Interviews wäre er nach ein oder zwei Wochen gestorben. Er musste im Werk von Messerschmitt arbeiten - die Fundamente einer dieser Produktionshallen am Rande des Steinbruchs sind noch heute zu sehen. Im Hof eines Mehrfamilienhauses. Vielen anderen Häftlingen blieb die Hölle des Steinbruchs nicht erspart.

Denkmalschützer und Wissenschaftler, darunter Archäologen und Historiker, sowie Architekten spürten am Donnerstagvormittag den Überresten der Industrieanlagen im Steinbruch nach. Sie sollen einen Eindruck gewinnen von den verfallenden Hallen, den zurückgebliebenen Fundamenten, vom ehemaligen Gefolgschaftshaus, dem Verwaltungsgebäude Deutschen Erd- und Steinwerke (DESt) und vom Steinbruch des Konzentrationslagers, der bis zum heutigen Tag genutzt wird.

An der Abruchkante

So stehen die Männer und Frauen aus Deutschland, Österreich, Italien, Polen und der Ukraine an der früheren Abruchkante, der Häftlingsmauer. Deren einstige Tiefe erschließt sich heute kaum mehr. Sie sehen die Bagger und Radlader, die im gegenüberliegenden Teil des Steinbruchs tagtäglich Granit abbauen. Sie klettern die von Moos und Gras überwucherte Häftlingstreppe hinunter, von der KZ-Opfer als einen Ort der Demütigung und Folter berichten.

Der Rundgang durch das Steinbruchgelände ist Teil der dreitägigen Tagung "Granit und Konzentrationslager, Befunde, Positionen, Perspektiven" im Bildungszentrum der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Veranstalter der Konferenz, die am Mittwoch begann, ist neben der Gedenkstätte das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege und die Universität Wien.

Die Tagungsteilnehmer sehen die Wandgemälde im ersten Stock des DESt-Verwaltungsgebäudes, die im NS-Stil die Steinmetze als Helden verherrlichen. Die Gesichter sind weggekratzt - die Betreffenden dürften nach 1945 kein Interesse daran gehabt haben, weiter hier verewigt zu sein - auch manche Verwandte könnten noch in der Gegend leben.

Die Teilnehmer diskutieren über die Geschichte und Entwicklung der Konzentrationslager, über Fragen der Wahrnehmung der Lager und wie sich diese Rezeption im Laufe der Jahrzehnte gewandelt hat. Dabei werden immer wieder die Entwicklungen in Flossenbürg, in Gusen und in Mauthausen verglichen. Auch in diesem beiden Konzentrationslagern in der Nähe von Linz wurde Granit abgebaut - nicht die einzige Parallele zur Flossenbürg. In Gusen wurde in den Nachkriegsjahren, wie in Flossenbürg, ein Teil des Geländes weiter genutzt, auf einem anderen Teil entstanden Einfamilienhaussiedlungen.

Bezug zum Leben

Manche Themen, scheinen abstrakt und weit weg, sie haben aber einen engen Bezug zur Gedenkkultur und Lebenswirklichkeit, nicht nur der Überlebenden und deren Nachfahren, sondern auch für die Menschen in Flossenbürg. Wessen Geschichte soll erinnert werden? Es dürfte unstrittig sein, dass das Leid der KZ-Opfer gewürdigt werden soll. Aber was ist mit den Menschen, die in den vergangenen Jahrzehnten auf dem Gelände gelebt und gearbeitet haben? Werden sie ausgeschlossen oder einbezogen? Wenn ja, wie? In Flossenbürg wurden nach 1945 Vertriebene angesiedelt, sie fanden als Steinmetze Arbeit und eine neue Heimat.

Der inzwischen abgelöste Kultusminister Ludwig Spaenle hatte im Sommer 2017 verkündet, dass der bis zum Jahr 2024 laufende Pachtvertrag mit dem Betreiber des Steinbruchs nicht verlängert werden und die Gedenkstätte erweitert werden soll. Die Gebäude stehen inzwischen unter Denkmalschutz. Doch über allem schwebt die Frage, wozu was erhalten werden soll. Leere Häuser und Hallen als Kulisse oder gibt es ein Konzept, diese sinnvoll zu nutzen. Die Tagung wird keine abschließenden Antworten bringen. Aber sie ist Teil einer Diskussion, die jede Generation für sich neu führen muss. Denn der Blick verändert sich, die Aufgabe des Gedenkens bleibt.

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