06.02.2018 - 19:08 Uhr
Flossenbürg

Schüler unternehmen Rundgang durch das KZ-Flossenbürg Zwischen Qual und Tod

Es gibt schönere Ziele für einen Schulausflug. Dennoch besuchen viele Klassen das ehemalige KZ in Flossenbürg. Sie denken über unschuldige Häftlinge nach und stellen viele Fragen. Ein Rundgang.

Rundgangsleiterin Monika Grötsch (vorne) zeigt den Neuntklässlern im ehemaligen KZ Flossenbürg das Krematorium (links, im Hintergrund). 69 Schüler und ihre Lehrer aus Oberasbach (Mittelfranken) besuchen an diesem Tag die Gedenkstätte. Bilder: Gabi Schönberger (3)
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

"Bonhoeffer wurde erhängt. Wo genau war das?", fragt Julia (14 Jahre). "Welche Stelle genau, das kann ich euch nicht sagen. Aber es war hier, an dieser Wand", antwortet Monika Grötsch. Sie führt an diesem Tag 16 Schüler des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums Oberasbach (Kreis Fürth) durch die Gedenkstätte. Die Fahrt nach Flossenbürg findet im Rahmen des Geschichtsunterrichts statt. Nationalsozialismus ist Thema im Gymnasiallehrplan der 9. Klassen.

Der Rundgang mit Grötsch beginnt vor der ehemaligen SS-Kommandantur. Dort zeigt sie eine Karte des Lagers: Baracken, Appellplatz, Steinbruch. Eine Schülerin will wissen, warum heute nur noch wenige Gebäude stehen. "Es wollte niemand daran denken", sagt Grötsch und erinnert daran, dass in vielen Städten Zeichen der NS-Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg verschwanden. "Was war dieser Bereich hier?", fragt ein Jugendlicher und deutet auf niedrige Mauern im Gras. Sie zeigen den Grundriss der Baracken an. Für 300 Männer war eine ausgelegt, im letzten Kriegsjahr waren bis zu 1000 darin eingepfercht, erläutert Grötsch.

Alle Fragen beantworten

Auf dem Appellplatz pfeift der Wind. Nebel hängt über dem Ort. Einige Schüler haben die Kapuzen tief in die Stirn gezogen. Ein Besuch in dem ehemaligen KZ sei im Winter noch eindrücklicher, findet Geschichtslehrer Michael Mühleck. Vier Monate beschäftigt sich seine Klasse mit dem Nationalsozialismus. "Wir werden bis zu den Osterferien die NS-Zeit machen, bis Pfingsten die Aufarbeitung." Der Besuch sei auch wichtig, weil die Großeltern der Schüler den Zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebt hätten. Die NS-Verbrechen "sind zu Hause kaum ein Thema".

In der ehemaligen Wäscherei führt Grötsch die 16 Jugendlichen durch die Ausstellung. Sie zeigt ihnen eine Landkarte mit Konzentrationslagern, Außenlagern und Vernichtungslagern in Europa. Flossenbürg und seine Außenlager sind gelb markiert. "Was ist denn das, ganz oben", fragt Jakob (14). Auf Usedom klebt ein gelber Punkt. Die Rundgangsleiterin muss zugeben: "Das ist ein Fehler." Die Gedenkstätte habe die Karte von einer anderen Einrichtung übernommen - und damit auch den Fehler.

"Diese Gruppe ist ein Ausnahmefall. Ich freue mich", sagt Grötsch über die wissbegierige Klasse. Sie habe sonst die Erfahrung gemacht, dass Gymnasiasten "verkopfter sind und sich nicht so schnell trauen, Fragen zu stellen". Monika Grötsch hält keine Vorträge. Immer wieder fragt sie die Jugendlichen, was sie sehen und wie sie dies deuten. Sie beantwortet jede ihrer Frage und lässt ihnen Zeit, sich selbst umzusehen.

Vier Jugendliche drängen sich um die Rundgangsleiterin. Eva interessiert sich für die Frauen im KZ. Da Flossenbürg ein Männerlager war, berichtet Grötsch von den Zuständen in den Außenlagern, in denen Frauen Zwangsarbeit leisten mussten. "Jungs und Mädchen interessieren sich für unterschiedliche Themen, wenn sie selbst durch die Ausstellung gehen", hat Grötsch beobachtet. Zum Schluss sehen sich die Schüler einen Film an, in dem Zeitzeugen von ihren Erlebnissen berichten.

"Besser verstehen"

Was bleibt bei den Jugendlichen von Flossenbürg hängen? "Ich denke, wir nehmen mit, unter welchen unmenschlichen Bedingungen diese Leute leben und arbeiten mussten", schreibt Franz (14) auf ein Blatt Papier. "Bei mir bleibt hängen, dass die Häftlinge im KZ meistens nur unschuldige Menschen waren", notiert ein Klassenkamerad. "Man kann die Sachen, die man im Unterricht besprochen hat, besser verstehen", findet Eva (14). Jakob ergänzt: "Man sollte keine Witze darüber machen."

Hintergrund

Mehr Besucher in Gedenkstätten

Flossenbürg. In vielen KZ-Gedenkstätten steigen die Besucherzahlen. So auch in den vergangenen Jahren in Flossenbürg. Das ehemalige Konzentrationslager bewegt sich auf eine Gesamtzahl von jährlich 100 000 Besuchern hin. Davon wurden rund 36 000 in pädagogischen Programmen betreut. Am meisten Besucher zählt die Gedenkstätte Dachau: zwischen 800 000 und 900 000 pro Jahr. (KNA)

Besseres Programm für Mittelschüler Regensburg. Wie kann der Besuch einer KZ-Gedenkstätte für Mittelschüler verbessert werden? Die Universität Regensburg hat dazu eine Studie der Landeszentrale für politische Bildung und des Kultusministeriums begleitet. Rund 40 bayerische Mittelschulen und ihre Lehrer haben an der Befragung teilgenommen. "Der Besuch wird von Lehrern und Schülern als sehr wesentliches Moment eingeschätzt", sagt Dr. Heike Wolter, die eine fachdidaktische Expertise zur Studie angefertigt hat. Im Schulbuch werde oft das KZ Auschwitz thematisiert. Doch damit können viele Schüler wenig anfangen. Ein Besuch in einer bayerischen Gedenkstätte habe eine andere Wirkung und biete lokalen Bezug. Die Mittelschüler hätten bei einem Besuch andere Bedürfnisse als Gymnasiasten oder Realschüler. Die NS-Zeit an Mittelschulen steht bereits in der 8. Klasse im Lehrplan. Ihre Lehrer unterrichten Geschichte im Verbund mit Geografie und Politik, das bedeutet weniger Zeit für den Stoff. Außerdem seien die Klassen heterogener im Bezug auf das Leistungsniveau und die kulturelle Herkunft der Jugendlichen, erläutert Wolter. Wichtig sei, "dass der Besuch im Unterricht eingebettet ist. Man kann nicht mal eben in eine Gedenkstätte", sagt die Lehrerin und promovierte Historikerin.

Nun soll eine Arbeitsgruppe gegründet werden. Sie wird auf Basis der Befragung das Programm, das bayerische Gedenkstätten anbieten, prüfen und Vorschläge unterbreiten, was verbessert werden kann. "Das Angebot in Flossenbürg ist jedoch schon gut auf Mittelschüler abgestimmt." (esa)

Interview mit Dr. Christa Schikorra: "Ein Besuch hat eine andere Wirkung"

Der Zentralrat der Juden hat vor kurzem gefordert, dass der Besuch eines ehemaligen Konzentrationslagers für Schüler verpflichtend sein soll. Dr. Christa Schikorra arbeitet seit 2006 in der Gedenkstätte Flossenbürg und leitet dort die pädagogische Abteilung. Die promovierte Geschichts- und Erziehungswissenschaftlerin schließt sich der Forderung jedoch nicht an.

Soll es eine Pflicht für einen Besuch einer KZ-Gedenkstätte geben, oder soll er weiterhin auf Freiwilligkeit basieren?

Dr. Christa Schikorra: Die NS-Zeit ist ja in Bayern im Lehrplan vorgesehen, und ich finde es auch richtig, dass ein Besuch eines ehemaligen KZ vorgesehen ist. Pflicht ist aber ein schwieriger Begriff. Ich finde, dass ein Lernen, das Aufklärung zum Ziel hat, ein Grundinteresse braucht.

Wozu dient der Besuch?

In Deutschland gibt es eine berechtigte Sorge über Antisemitismus. Bei einem Besuch in einem ehemaligen KZ geht es darum, dass sich jeder Schüler mit der Frage beschäftigt: Was heißt das für mich? Dafür sind solche Orte da, sie bieten andere Möglichkeiten als das Geschichtsbuch. Ein Besuch hat auch eine andere Wirkung.

Es gibt auch Schüler, die sich nicht mit dem nationalsozialistischen Deutschland beschäftigen wollen. Was ist mit denen?

Es ist immer so, dass es welche interessiert, andere nicht. Manche lehnen es offen ab. Unser Ziel ist: die Schüler zu überzeugen, dass es interessant sein kann. Aber so ein Lernen kann nicht unter Zwang entstehen. Beim Wort Pflicht schwingt auch der Begriff Zwang mit.

Woher kommen die Klassen, die sich Flossenbürg ansehen?

Der Großteil kommt aus Nordbayern, der Oberpfalz, Oberfranken, Mittelfranken, zum Teil auch aus Niederbayern. Das Kultusministerium unterstützt die Besuche mit einer Fahrtkostenbeteiligung.

Kommen nur Gymnasien?

Nein, alle Schularten kommen: Gymnasien, Realschulen, Mittelschulen und auch Förderschulen. Am Samstag und Sonntag kommen auch Konfirmanden. Dafür bieten wir ein extra Programm, ebenso für Auszubildende, zum Beispiel für Polizeianwärter.

In der letzten Sendung "Anne Will" hat Wenzel Michalski, Leiter der Human Rights Watch, gesagt: "Es wird viel über Erinnerungskultur geredet, aber es wird dafür wenig getan." Wie sehen Sie das?

Ich würde ihm nicht zustimmen. Ich denke, dass sehr viel für die Erinnerung und Reflexion getan wird. Unsere Herausforderung ist, dass dies lebendig sein muss. Das versuchen wir hier. Wir stellen die Jugendlichen in den Mittelpunkt. Wir halten keine Vorträge, denn es geht darum, miteinander ins Gespräch zu kommen. Wir nehmen sie ernst, auch mit ihrem Überdruss.

Versagt

Angemerkt von Elisabeth Saller

Der Besuch in einem ehemaligen Konzentrationslager bleibt lange in Erinnerung. Zwei Schulausflüge führten mich nach Dachau und Buchenwald. Es mag sein, dass Gymnasiasten eher eine Gedenkstätte besuchen als andere Schüler. Schade aber, wenn es Leute gibt, die mehrmals die Schulart gewechselt haben, aber weder mit der Haupt- noch der Realschule und auch nicht mit der Fachoberschule in ein ehemaliges KZ gefahren sind. Als Erwachsene holen das die wenigsten nach. In diesem Fall haben alle Schulen versagt.

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