20.09.2017 - 11:34 Uhr
FreudenbergOberpfalz

Das Tagebuch der Anna Fehlner Vom Stauberhof in den Urwald

Vom Oberpfälzer Bauernhof in den tiefsten Urwald Brasiliens: Das Reise-Tagebuch der Anna Fehlner könnte Drehbuch für einen spannenden Spielfilm sein. Mit 27 Jahren packte die junge Frau aus Trichenricht bei Kemnath am Buchberg ihre sieben Sachen und reiste ihrem Verlobten in die neue Welt hinterher

Mit der Monte Sarmiento fuhr Anna Fehlner 1934 über den Atlantik. Bild: Bundesarchiv
von Autor (gri)Profil

Wutschdorf. Drei Wochen dauerte die Fahrt über den Atlantik. Anna Fehlner kam nie mehr zurück. Als sie im August 1934 in Rio Grande ankam, wartete dort schon ihr Verlobter: Josef Schönberger, damals 30 Jahre alt, Sohn des Stauberhof-Bauern aus Wutschdorf. Er war ein Jahr zuvor vorausgefahren. Das Paar hatte den festen Willen, sich in Südamerika eine neue Existenz aufzubauen. Mit viel Gottvertrauen und unterstützt vom katholischen Raphaelswerk kauften beide Grund und bauten einen landwirtschaftlichen Betrieb auf. Fünf Kinder kamen in der neuen Heimat zur Welt.

Zurück zu den Wurzeln

Eines davon, Silvano Schönberger, kehrte jetzt noch einmal zu den Wurzeln seiner Eltern zurück. Der 76-Jährige besuchte seine Verwandten in Wutschdorf und hatte ein Geschenk für den Heimat- und Kulturverein Freudenberg: eine Abschrift des Reise-Tagebuches seiner Mutter. Feinsäuberlich hatte Anna Fehlner in altdeutscher Schrift alle Eindrücke von dem Abenteuer in ein gebundenes Notizbuch geschrieben - angefangen von der Zugfahrt nach Hamburg bis zur Ankunft in Brasilien.

"Noch hören wir Radiomeldungen", schrieb Anna, als sich das Schiff, die Monte Sarmiento, schon weit vor Afrika auf dem Atlantik befand. So erfuhr sie am 6. August 1934 vom Tod des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. "Am 19. August soll, wie ich gehört habe, wieder Wahl sein. Nun sind wir da noch auf dem deutschen Schiff und müssen auch noch wählen."

Beeindruckender Äquator

Die junge Frau aus der Oberpfalz wurde furchtbar seekrank. "Das Schiff schwankt gewaltig. Man weiß nicht, wo man hingehen soll, wo es ruhig ist", schrieb sie in das Tagebuch. Tief beeindruckt war Anna, als sie den Äquator überquerte. "Eine Dämmerung gibt es überhaupt nicht. Es ist auf einen Schlag Tag und ebenso Nacht." Am 22. August ging die junge Frau in Rio Grande do Sul von Bord.

Der Heimat- und Kulturverein fügt das Schriftstück seinem Archiv hinzu. Bei Gelegenheit könnte es einem größerem Publikum vorgestellt werden - zum Beispiel bei einem Abend zum Thema Auswanderung. Denn aus Freudenberg und Umgebung sind im 20. Jahrhundert viele junge Leute nach Süd- und Nordamerika aufgebrochen, um ein neues Leben zu beginnen: Stoff für viele spannende Geschichten.

Die Monte Sarmiento

Die Monte Sarmiento war ein mit einem 1500 PS starken Dieselmotor betriebenes Passagierschiff der Südamerikanischen Dampfschifffahrtsgesellschaft mit Sitz in Hamburg. Es wurde 1924 in Dienst gestellt und bot bis zu 2500 Reisenden Platz. In den 1930er-Jahren verkehrte es regelmäßig zwischen Hamburg und den großen Häfen Brasiliens. Ab Ende 1939 diente es der deutschen Kriegsmarine als Wohnschiff in Kiel. Bei einem Bombenangriff 1942 wurde die Monte Sarmiento getroffen, stark beschädigt und sank: 38 Besatzungsmitglieder kamen dabei ums Leben. 1943 wurde das Wrack gehoben, nach Hamburg geschleppt und verschrottet. (gri)

Das Schiff schwankt gewaltig. Man weiß nicht, wo man hingehen soll, wo es ruhig ist.Anna Fehlner wird seekrank
Eine Dämmerung gibt es überhaupt nicht. Es ist auf einen Schlag Tag und ebenso Nacht.Anna Fehlner ist beeindruckt vom Äquator

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