08.09.2017 - 04:00 Uhr
FreudenbergOberpfalz

Reportagen-Serie „Mein Tag als...“ – Einzelhandelskauffrau: Von fiesen Stöckelschuhen, anstrengenden Teenies und versteckten Hosen Verkauf ist nichts für Weicheier

(Von Michaela Süß)

Pünktlich Feierabend machen, wenn drei Tage später die Kirwa-Saison startet oder ganze Horden von Mädchen sich zur Firmung ein neues Dirndl wünschen? Keine Chance, wenn’s blöd läuft! Dabei schmerzen die Füße auch noch höllisch? Pech gehabt! Gar nicht so leicht, der Arbeitsalltag als Verkäuferin.

In der Herrenabteilung muss neu dekoriert werden - und die "Auszubildende" darf mit Hand anlegen.
von Azubi 2018Profil

Immenstetten. Was wäre ich wohl geworden, hätte ich nicht nach der Schule ein Volontariat begonnen und damit den Berufsweg Journalismus gewählt? Wäre Einzelhandelskauffrau etwas für mich gewesen? Einfach mal ausprobieren.

Und so stehe ich an einem kühlen Vormittag in der Personalumkleide des Trachtenhofs Nübler in Immenstetten – fesch in meinem neuen Dirndl und mit den bequemsten Highheels an den Füßen, die ich im Schuhschrank finden konnte. Schließlich will ich an meinem Probe-Tag als Verkäuferin einen guten Eindruck machen.

Erst einmal steht der Morgen-Check zusammen mit den Kolleginnen an. Sind Toiletten, Böden und die Umkleidekabinen sauber? Ist alle zurückgelegte Ware abgeholt worden? Gibt’s noch Reklamationen, die bearbeitet werden müssen? Und dann sollte zügig im Herrenbereich auch noch neu dekoriert werden – „Wenn dann die Kunden kommen, ist es dafür zu spät“, sagt Filialleiterin Claudia Wawarta.

OK, also nichts wie ran an den Mann. Laura Hirschmann, die ihre Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau schon seit einigen Jahren abgeschlossen hat, zeigt mir, wie’s geht. Ich lerne, dass die durchschnittliche Herren-Schaufensterpuppe Kleidergröße 48 bis 50 trägt, keinen Bierbauch hat, aber ihre neuen Kleidungsstücke in einer Zwischengröße wie 25 zugeteilt bekommt.
Warum denn das, dann sitzt es ja nicht richtig? „Wenn wir gängigere Größen nehmen, müssten wir möglicherweise öfters umdekorieren, weil diese Größen ja auch öfters gebraucht und nachgefragt werden“, erklärt Laura. Alles klar, das macht Sinn. Und eventuelle körperliche Unzulänglichkeiten der Puppen sind ja mit einer Handvoll kleiner Stecknadeln und Tesafilm auch leicht kaschiert.

Einen schönen Janker gesucht, dazu ein passendes Hemd, ein Gilet und noch einige Accessoires wie Hut, Socken oder Gürtel dazu kombiniert... Nicht lange, und ich habe die zwei (beinlosen) Herren mit neuer, trendiger Mode versorgt und kann mich an die nächste Aufgabe machen.

Dabei erweist es sich als sehr sinnvoll, Lauras Rat zu befolgen: „Es ist eine gute Idee, immer ein Paar Nadeln dabei zu haben.“ Warum das so ist, zeigt sich sehr schnell: Wenn die Kundinnen ein Dirndl probiert haben, das bei ihnen doch nicht in die engere Auswahl kommt – weil es nicht passt, es eine andere Farbe werden soll oder es doch nicht so gut gefällt wie zunächst gedacht – dann müssen die Modelle erst wieder kontrolliert und hübsch gemacht werden, bevor sie zurück können an die Kleiderständer.

Und das heißt für mich und die Kolleginnen unter anderem: schöne Schleifen binden und die Dirndlschürzen dann am Kleid feststecken. Immer und immer wieder – den ganzen Tag lang...
Zwischenzeitlich gibt’s mal wieder eine Abwechslung: Einige Artikel sollen reduziert werden. Und für mich startet, ausgestattet mit einer Liste voll verschiedenster Artikelnummern, die „Schnitzeljagd“ quer durch den Trachtenhof. Wo hängt denn nun dieses beerenfarbene Midi-Dirndl, welche Bluse ist das gesuchte blau-braun karierte Modell und was zum Teufel bedeutet die Farbangabe „Cloud“?

Letztendlich lassen sich alle Artikel auftreiben und ich bin um die Erfahrung reicher, dass mit „Cloud“ ein recht dunkles Himmelblau gemeint ist. Zeit für Zufriedenheit? Keineswegs... denn schließlich gibt es da ja noch „Gerda Glitzer“! Gerda ist eine Hotpants aus Leder. Sie soll in verschiedensten Größen und Farben einer bestimmten Produktions-Linie einen neuen Preis bekommen... und macht sich einen Spaß daraus, sich vor mir zu verstecken.

Das ewige Suchen auf den verschiedenen Kleiderstangen auch über Kopf erinnert meinen Rücken daran, dass er ja eigentlich mal wieder zwicken und schmerzen könnte. Die Füße machen sofort auch noch mit, obwohl sie doch die extra-bequemen Highheels bekommen hatten. Es wird eindeutig Zeit für eine Pause…

Und weiter geht’s dann: Reduzierungen auszeichnen, Schürzen feststecken und dann Kleider, Hosen und Blusen aus dem Lager holen, die neu einsortiert werden müssen. Langsam geht es auf den späteren Nachmittag zu, jeder Schritt in den hochhackigen Schuhen schmerzt und ich ahne, warum sich viele der Kolleginnen auch Stiefelchen, Ballerinas oder Turnschuhe zum Wechseln mitgebracht haben.

Ich beginne, mich zunehmend heftig nach meinem Schreibtisch im Büro zu sehnen... Da läuft im Hintergrund auch nicht unbedingt ständig Helene Fischer, DJ Ötzi oder Andreas Gabalier in Dauerschleife. Ich bezweifle stark, ob ich das jeden Tag aushalten würde. Aber weiter geht’s – und es gibt keine Gnade für den Verkauf: Denn da ist dieses Mädel, das zusammen mit Mama und Schwester auf der Suche nach einem neuen Dirndl ist. Genaue Vorstellungen? Fehlanzeige. Hauptsache Mini.

Die Kolleginnen und ich bringen im Akkord die „Fehlversuche“ wieder in Form: zu blass (die junge Dame hat helle Haut und blonde Haare), zu groß, zu eng, zu braun, zu lang... 15, 18, 20 verschiedene Modelle. Es will und will einfach kein Ende nehmen...

Zum Schluss entscheidet das Mädchen sich zum Glück für das Mini-Dirndl mit dem heuer trendigen Blümchenmuster und der dunkelroten Schürze, das ich ihr schon vor über einer halben Stunde gebracht und ans Herz gelegt hatte. Seufz! Aber zumindest steht es ihr ausgezeichnet.
Und dann ist es endlich geschafft und ich bin auf dem Nachhauseweg. Dass es draußen nur drei Grad plus hat, ist mir und meinen schmerzenden Füßen gerade sch...egal. Barfuß mache ich mich auf den Weg zum Auto, denn daheim wartet ein entspannendes Fußbad. Nein, Verkauf ist kein Job für Weicheier.

Ausbildung und Verdienst

Wer sich für den Beruf des Verkäufers oder der Verkäuferin entscheidet, hat eine zweijährige duale Ausbildung mit Berufsschule vor sich – im ersten Lehrjahr an eineinhalb Tagen pro Woche, im zweiten Jahr dann an einem Tag.

Wer bereits nach zwei Jahren die Lehre abschließen möchte, verdient zunächst zwischen 550 und 590 Euro, im zweiten Lehrjahr dann 710 bis 820 Euro. Als Einstiegsgehalt winken später zwischen 1470 und 1800 Euro.

Nach einem angehängten dritten Ausbildungsjahr gibt es den Abschluss als Einzelhandelskauffrau (-kaufmann). Dann schaut es auch mit dem Verdienst besser aus. Azubis bekommen zwischen 550 und 590 Euro im ersten Jahr, bis zu 1050 Euro im zweiten Jahr und bis zu 1200 Euro im dritten Lehrjahr. Als Einstiegsgehalt sind danach 1500 bis 2200 Euro drin.

Vertretung der Filialleitung, Filialleitung oder eine Zusatzausbildung zum Handelsfachwirt können in diesem Bereich weitere Karriereschritte sein. Im letzteren Fall sind dann auch zwischen 2000 und 3000 Euro Monatsgehalt möglich. (mia)

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