03.05.2018 - 20:00 Uhr
FriedenfelsOberpfalz

Naturpark Steinwald startet mit Jahresprogramm 2018 Das Summen darf nicht verstummen

Viele Insekten wie Bienen, Schmetterlinge und Käfer sind stark in ihrem Bestand bedroht. Geoökologe Dr. Andreas von Heßberg nennt Ursachen und Maßnahmen, wie die Menschen dies verhindern können.

Großes Besucherinteresse weckte der Naturpark Steinwald mit seiner Auftaktveranstaltung ins Veranstaltungsjahr 2018: Geoökologe Dr. Andreas von Heßberg (links) informierte über den „Rückgang der Artenvielfalt – Zuerst sterben die Bienen, dann der Mensch“. Der Geschäftsführer des Naturparks Steinwald, Ernst Tippmann und erster Vorsitzender Eberhard Freiherr von Gemmingen Hornberg (von rechts), dankten am Ende den Experten von der Uni Bayreuth für das fundierte Wissen und die umfassende Auskunft.
von Bernhard SchultesProfil

Rund 100 Besucher begrüßte Vorsitzender Eberhard Freiherr von Gemmingen Hornberg zum Auftakt in das Veranstaltungsjahr 2018 des Naturparks Steinwald. Im Saal der Schlossschänke referierte von Heßberg zum Thema "Rückgang der Artenvielfalt - Zuerst sterben die Bienen, dann der Mensch".

"Gestorben wird ständig und im ökologischen Kreislauf der Natur gehört das auch zum Notwendigen. Der Verlust von Arten gehört jedoch nicht zum notwendigen Kreislauf", führt der Experte von der Universität Bayreuth ein. Man geht davon aus, dass durch natürliche Selektionsprozesse und singuläre Ereignisse etwa alle 1000 Jahre eine Art verschwinde und in der gleichen Zeit zehn neue Arten entstehen würden.

Massiver Artenverlust

"Nichts in der Natur ist so stabil wie die Dynamik. Durch die Dynamik der ökologischen Rahmenbedingungen entstehen Nischen und für jede Nische findet sich eine neue Art", stellte der Redner fest. Durch den Einfluss des Menschen gebe es global einen Artenverlust von 100 Tier- und Pflanzenarten pro Jahr.

In den Vordergrund stellte der Geoökologe auch die Ursachen des Artensterbens. Er schilderte dabei zum einen die Ausbeutung der Natur, also die direkte Ausrottung einer Art durch Jagd, Fischfang und Sammeln. Zum anderen seien der Lebensraumverlust und Lebensraumdegeneration sowie die Einführung und Einschleppung von fremden Tier- und Pflanzenarten, die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln und die Aussterbekaskade (Der Verlust einer Art führt zum Verlust einer anderen Art) schuld an der Misere. "Der Verlust an Arten, besonders an Tierarten hat ein Ausmaß erreicht, das einzigartig in der geologischen Geschichte unseres Planeten ist." Als entscheidende Ursachen für den derzeitigen Verlust von Tier- und Pflanzenarten nannte der Sprecher den Bevölkerungszuwachs. Verantwortlich seien auch die Ausmaße der Landwirtschaft, der Industrie, des Tourismus und des internationalen Handels. Ein riesiges globales Problem sei auch die Tatsache, dass momentan nur etwa 20 Prozent aller terrestrischen Arten und nur etwa 11 Prozent aller marinen Arten bekannt seien.

Verlust von Pflanzenvielfalt

"Wir verlieren jährlich Arten, die wir nie kennenlernen werden", erklärte der Experte. Jede Art habe eine spezielle Funktion im ökologischen Netzwerk. Den Verlust von einigen Arten könne das Netzwerk verkraften. Andere Arten würden in die freigewordene Nische streben und die Funktionen übernehmen. "Aber ab welchem Verlust ist das nicht mehr schmerzfrei und führt zur Instabilität?", fragte Heßberg.

Der Geoökologe wies auf die Lebensraumveränderungen und die Land- und Forstwirtschaft hin. Viele Veränderungen würden durch Düngung, Agrochemie oder durch Vernichtung von Biotopen verursacht werden. Der Verlust an Pflanzenvielfalt sei die Hauptursache für den momentanen Kaskadeneffekt des Verlustes von Insekten-, Vogel-, Reptilien- und Amphibienarten. Der Klimawandel und die Einschleppung von gebietsfremden Arten würden diesen Prozess beschleunigen. "Wollen wir unsere Umwelt und die Artenvielfalt, die Bienengesundheit und letztendlich unsere Gesundheit und Lebensgrundlage erhalten und verbessern, dann müssen wir eine andere Landwirtschaftspolitik fahren", forderte von Heßberg. Dazu zählte er eine an ökologischen Kreisläufen orientierte Landbewirtschaftung sowie am Tierwohl und an den natürlichen Bedürfnissen orientierte Nutztierhaltung. Auch ein stärkeres Miteinander der einzelnen lokalen Interessensgruppen sei erforderlich. Des Weiteren forderte der Geoökologe ein Verbot von synthetischen Pflanzenschutzmitteln in Gärten, städtischen Grünflächen und Parks sowie eine Umstrukturierung der Subventionen in der Landwirtschaft hin zu ökologischen und gesellschaftlichen Dienstleistungen und Werten. Zudem sei eine Neustrukturierung bei der Zulassungsstelle für Pflanzenschutzmittel erforderlich.

Positive Signale

Auch regte der Experte eine stärkere Entbürokratisierung der Land-, Forst- und Teichwirtschaft an. Zu weiteren Meilensteinen zählte er das Verbot des Kaufs von landwirtschaftlichen Flächen durch überregionale Konzerne sowie ein verbraucherorientiertes Label für Lebensmittel, die ohne synthetische Pflanzenschutzmittel erstellt wurden.

Nicht verschweigen wollte der Geoökologe die momentanen positiven Signale für einen erfolgreichen Wandel. So wusste Dr. Andreas von Heßberg von immer mehr jungen und weiblichen Imkern. Von kreativen Landwirten, die die Giftspritze liegen lassen sowie von jungen Leuten, die an urbaner Landwirtschaft und an neuen Modellen der Landwirtschaft interessiert sind. "Die Sensibilisierung der Bevölkerung durch die Medien greift langsam", war sein Fazit.

Besondere Risiken für Bienen

"Alle Wildbienen-Arten sind entweder gefährdet oder werden in der Vorwarnliste geführt, weil sich die Qualität der von ihnen besiedelten Lebensräume deutlich verschlechtert hat", informierte Geoökologe Dr. Andreas von Heßberg. Sieben Arten würden mittlerweile als extrem selten in Deutschland gelten. In jüngster Zeit würden vor allem solche Arten stark abnehmen, die ein reiches Blütenangebot der Wiesen benötigen. Aufgrund der intensivierten Grünlandnutzung durch Paketsilierung und häufigerem Schnitt für Biogasanlagen würden viele Pflanzenarten und damit auch die Blütenbesucher verdrängt.

"Generell ist anzumerken, dass alle Bienenarten aufgrund ihrer Lebensweise besonderen Risiken ausgesetzt sind." Die wichtigsten Gründe hierfür seien: Alle Bienen benötigen einen räumlichen Verbund mehrerer Teil-Lebensräume (Nistplatz, Nahrungsraum, Materialentnahmestellen für den Nestbau). Der Verlust eines Teil-Lebensraums könne bereits zum Erlöschen der betroffenen Population führen. Zudem seien viele Arten von ausreichend großen Beständen ganz bestimmter und oftmals nur begrenzt verfügbarer Pollenquellen abhängig.

Außerdem würden in Mitteleuropa mittlerweile weitgehend die ursprünglichen Lebensräume der Bienen wie Wildflüsse, Urwälder und Rohböden fehlen. "Die Verbreitung und Häufigkeit der Wildbienenarten wird daher überwiegend durch das Wirken des Menschen bestimmt", stellte der Experte fest. (bsc)

Der Verlust von Arten gehört nicht zum notwendigen Kreislauf.Dr. Andreas von Heßberg
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