Serie Integration: Die Brüder Kazzaz
Odyssee endet glücklich in Friedenfels

Seit März 2016 leben Khuder (rechts im linken Bild) und Diaa Kazzaz (vorne Dritter von links) bei der Familie Steinkohl. Mit auf dem Bild die Pflegeltern Dr. Siegfried (links) und Rita Steinkohl (Mitte) mit ihren Söhnen Maximilian, Peter und Christian (hinten von links) sowie Tochter Annalena (vorne, Zweite von rechts). Vielen Amphibien rettete Diaa (rechtes Bild) das Leben. Zwischen Friedenfels und Poppenreuth betreute er den 150 Meter langen Amphibienschutzzaun mit.
Vermischtes
Friedenfels
02.12.2016
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Keine Angst beim Blick in den Himmel. Im Heimatland Syrien fielen daraus Bomben und zerstörten die Städte. Im Erholungsort Friedenfels erfreuen sich die beiden Brüder an den Flugkünsten des ferngesteuerten Helikopters am Himmel.

Die Entfernung vom Yarmouk Camp in Damaskus nach Friedenfels beträgt über 4000 Kilometer. Für die syrischen Brüder, Khuder und Diaa Kazzaz, dauerte diese Reise mehrere Wochen. Heute sind sie froh, unter lebensgefährlichen Bedingungen, Deutschland erreicht zu haben.

Bei Rita und Dr. Siegfried Steinkohl haben sie Pflegeeltern gefunden, die sie in allen Belangen unterstützten und die schrecklichen Ereignisse von Krieg und Entbehrungen halbwegs vergessen lassen. Als der Bombenhagel immer näher kam und die Armee von Syriens Präsident Baschar al-Assad junge Männer für das Militär verpflichtete, forderte die Mutter von Khuder und Diaa Kazzaz ihre Söhne auf, zu fliehen.

Geld reichte nicht für alle

Für eine Flucht für alle reichte das Geld nicht. Mit den letzten Geldreserven, 2500 Euro, machten sich schließlich der 21-jährige Khuder und sein 12-jähriger Bruder im August 2015 auf den Weg nach Deutschland. "Anfänglich ging das sehr zügig, mit dem Bus fuhren wir in den Libanon und weiter mit einem großen Schiff in die Türkei, erzählt der ältere der beiden. Dort begannen dann die Probleme. Nach tagelangem Warten bekamen die Brüder das Angebot, in einem kleinen Schlauchboot auf eine Insel nach Griechenland überzusetzen. Prall gefüllt, mit 36 Personen an Bord, begann eine lebensgefährliche Odyssee.

Warten, Durst und Hunger

Mangels Geld hatte Khuder nur eine Schwimmweste für seinen jüngeren Bruder gekauft. "60 Euro musste ich dafür berappen. Bei dem hohen Wellengang hatte ich ständig Angst, dass wir kentern würden und ich war heilfroh nach der Ankunft wieder festen Boden unter den Füßen zu haben", erzählt Khuder. Danach wieder endloses Warten. Mit einem weiteren Schiff konnte schließlich die Reise nach Mytilini auf die griechische Insel Lesbos fortgesetzt werden. Danach ging es abwechselnd zu Fuß, mit Zug und Bus über Mazedonien und Serbien weiter bis an die ungarisch-serbische Grenze. "Ständiges Warten, Schlafen im Freien sowie Durst und Hunger waren bei uns an der Tagesordnung", erzählen Khuder und Diaa in gutem Deutsch.

Auch von Schlägen mit Gummiknüppeln durch die ungarische Polizei berichten die Brüder. Erste Hoffnung keimte bei ihnen erst wieder auf, als sie im Zug von Budapest nach Österreich unterwegs waren und über Passau schließlich Wiesau erreichten.

Hier lernten sie in der Turnhalle, wo sie mehrere Tage untergebracht waren, das Ehepaar Steinkohl und dessen Kinder kennen. Obwohl sich Rita und Dr. Siegfried Steinkohl gleich um eine Vormundschaft bemühten, wurde dieser vorerst aber nicht stattgegeben.

Endlose Verhandlungen

Es folgten endlose Verhandlungen mit Jugendamt und anderen Behörden. In der Zwischenzeit wurden Khuder und Diaa Kazzaz in andere Auffanglager nach Trier, Diez in Rheinland-Pfalz und Germersheim gebracht.

Von dort durfte, nach der Genehmigung durch die Regierung, die Familie Steinkohl, die Brüder abholen und bei sich zu Hause aufnehmen. Riesengroß war die Freude als das Amtsgericht Tirschenreuth den Steinkohls schließlich auch noch die Vormundschaft für Diaa Kazzaz übertrug. "Das war am 29. April", weiß Rita Steinkohl noch ganz genau. Mittlerweile haben sich Khuder und Diaa Kazzaz im Erholungsort sehr gut eingelebt und sprechen recht gut Deutsch. Nach der Schule verbringen sie viel Freizeit mit ihren Pflegeeltern, treiben Sport in den Vereinen und sind gerngesehene Helfer bei Veranstaltungen im Ort. Mit seinen Freunden vom TSV Friedenfels spielt Diaa begeistert Fußball. Regelmäßig ist er auch bei den Übungsabenden und den Veranstaltungen des Jugendrotkreuzes anzutreffen.

Mit seinem Pflegevater ist er viel in der freien Natur unterwegs. Große Freude bereiteten ihm dabei die Arbeitseinsätze im Frühjahr am 150 Meter langen Schutzzaun an der Staatsstraße 2121 zwischen Friedenfels und Poppenreuth.

Hier unterstützte Diaa die Mitglieder des Vereins "Kulturlandschaft Südlicher Steinwald" beim Straßenseitenwechsel zahlreicher Amphibien. Khuder ist ebenfalls im BRK integriert und übernimmt gerne unterschiedliche Aufgaben und auch Verantwortung. Dazu gehört die Mitarbeit beim Behindertentreff in der Steinwaldhalle oder der Suppenausschank beim jüngsten Herbstfest. Auch im Ausschank beim Traditionsfest des Arbeitskreises Fremdenverkehr stand Khuder seinen Mann und half tatkräftig beim Tag der offenen Gartentür im Erholungsort mit.

Für Lebensunterhalt gejobbt

Eine Leidenschaft von ihm ist das Kochen. Mit Rita Steinkohl ist er deshalb öfters in der Küche anzutreffen. "Viele syrische Gerichte schmecken ähnlich wie das deutsche Essen", meint Khuder. Das Einzige, was der Moslem beim Kochen und Braten aus religiösen Gründen nicht verwendet, ist Schweinefleisch.

Khuder studierte vor seiner Flucht aus Syrien drei Jahre Wirtschaft und jobbte nebenbei in Straßencafés und Cafébars in Damaskus. "Damit trug ich zum Lebensunterhalt unserer Familie bei.

Telefonieren mit der Mutter

Auf unsere Frage ob die Brüder nach Kriegsende, wenn sich die Lage in Syrien entspannen sollte, wieder in ihre alte Heimat zurückkehren wollen, konnten sie nicht gleich antworten. Zu schrecklich seien noch die Erinnerungen und das große Leid in ihrer Heimat.

Täglich am Abend telefonieren sie deshalb mit ihrer Mutter und hoffen, sie bald auch in Deutschland in ihre Arme schließen zu können.

Bei dem hohen Wellengang hatte ich ständig Angst, dass wir kentern würden.Kuhder Kazzaz
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