Kolumne: OTon
Diagnose: Uncool

So klein, und schon so schlau: Manche Kinder kennen sich mit Handy und Co besser aus als ich. Zumindest glauben sie das. Bild: dpa
Vermischtes
Gebenbach
29.06.2017
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Morgens, halb zehn in Deutschland: Seit einer gefühlten Ewigkeit sitze ich beim Arzt im Wartezimmer und langweile mich. Eigentlich bin ich wegen etwas - meiner Meinung nach - Harmlosem hier. Umso größer ist der Schock über die Diagnose: hochgradige Uncoolness. Attestiert von einem Experten.

Der ungefähr zehnjährige Junge neben mir hat nicht lange für diese Erkenntnis gebraucht. Als ich auf meinem Handy herumtippe, rutscht er auf seinem Stuhl immer tiefer, sein Kopf wandert immer näher zu mir. Oder besser gesagt: zu meinem Handy. Zuerst hat er verstohlen auf das Display geschielt, jetzt glotzt er offensichtlich drauf. „In welchem Level bist du denn?“, will er wissen. In keinem, weil ich nichts spiele, sondern Nachrichten schreibe, erkläre ich ihm. Ich bin höchstens im Warte-Level und hoffe, dass endlich alle antworten, denen ich aus Langeweile geschrieben habe. „Und was spielst du so, wenn du keine Nachrichten schreibst?“, fragt er nach. Auf meine Antwort „Nichts, das verbraucht zu viel Akku“ dreht er sich weg, schüttelt den Kopf und murmelt irgendwas vor sich hin. Ich glaube ein „sowas von uncool“ gehört zu haben.

Trotzdem findet er mich mich immer noch interessanter als die Micky-Maus-Hefte auf dem Tisch. Ob ich denn wenigstens WhatsApp hätte? Ja, hab ich! „Na, wenigstens was“, kommentiert er. Und verpasst mir sofort einen Dämpfer. „Geht das bei deinem Handy überhaupt? Ist ja schon ziemlich alt. ICH hab schon das vierte Nachfolgemodell.“ Hat er ziemlich sicher nicht. Das sage ich ihm auch. „Woher willst du das denn wissen? Du kennst dich ja eh nicht aus“, kontert er. Fast hat es der Zwerg geschafft, dass ich es selbst glaube.

Seine Vermutung bestätige ich endgültig, als ich Stift und Kalender aus der Tasche ziehe. "Du bist ja altmodischer als mein Opa." Sogar der speichere Termine in seinem Smartphone ab. Oder ob ich denn nicht wüsste, dass alle Handys inzwischen einen Kalender hätten? „Klar weiß ich das“, sage ich lahm. Langsam nervt er mich. Wann werde ich endlich aufgerufen? Und wo ist überhaupt seine Mutter? Am Ende traue ich mich nicht mal, mein Buch herauszuholen - wer hat so etwas zu Zeiten von eBooks schließlich noch? Der selbsternannte Technik-Experte setzt gerade zum nächsten Schlag an, als mich eine Arzthelferin endlich erlöst. Wobei ich ja inzwischen weiß, was mit mir nicht in Ordnung ist. Ich bin einfach „sowas von uncool“.

OTon Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. Im „OTon“ werden wir in losen Abständen über das berichten, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.
Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.
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