06.04.2018 - 12:11 Uhr
GrafenwöhrOberpfalz

Erweiterung des Truppenübungsplatzes Grafenwöhr vor 80 Jahren Verlorene Heimat

Vor 80 Jahren wurde der einst königlich-bayerische Truppenübungsplatz in Grafenwöhr nach Westen erweitert – 780 Familien mit über 3500 Menschen aus 58 Orten und Weilern mussten ihre vertraute Heimat verlassen. Ein Überblick von Gerald Morgenstern.

von Autor MORProfil

Unsere Augen stehen voll Tränen, unser Herz, es schlägt so still, wenn wir an den Abschied denken, achtunddreißig im April“, schreibt der Heimatdichter Erhard Trummer in seinem Wanderlied. Der „Alte Dohler“, wie Trummer auch genannt wurde, stammt selbst aus dem Übungsplatzdorf Haag und verarbeitet in den Versen den Verlust der Heimat von 3500 Menschen.

Die eigens gegründete Reichsumsiedlungsgesellschaft (Ruges) nahm mit mehr oder weniger Druck des Dritten Reichs vor 80 Jahren die Absiedelung vor. Den Familien wurden in anderen Gemeinden in allen Teilen Bayerns Häuser und Grund zugewiesen, oder sie wurden finanziell entschädigt. Auch wenn für die Kommission der Grundsatz galt: „Niemand darf wirtschaftlich geschädigt werden“, der Verlust der eigenen Scholle und der vertrauten Heimat war für die Betroffenen überaus schmerzlich. Besonders alten Menschen fiel es schwer, sich von den über Jahrhunderte erarbeiteten und ererbten Höfen zu trennen. Die Dorfgemeinschaft mit gesellschaftlichem und kirchlichem Leben sowie der Verwandten- und Bekanntenkreis mussten aufgegeben werden. Erinnerungen und die toten Angehörigen auf den Friedhöfen blieben zurück.

Hopfenohe, Pappenberg und Haag waren die drei größten Orte und politischen Gemeinden bei der Erweiterung des Platzes, zu neuen Ehren kam der Weiler Netzaberg. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Dörfer zur Entnahme von Baumaterial freigegeben. Wind und Wetter tragen ebenfalls zum Verfall der Gebäude bei, oft wurden die Ruinen dann auch geschleift. Nur noch wenige Mauerreste, Kellergewölbe, Brunnenlöcher, Reste von Kirchen und Kapellen sowie alte Obstbaumkulturen zeugen heute von den einstigen Ortschaften. Das 230 Quadratkilometer große militärische Übungsareal entwickelte sich zu einer riesigen Naturschutzfläche. Das Sperrgebiet bevölkern nun Rotwildrudel, Adler, Kraniche und auch der Wolf.

Symbol für alte Heimat

Hopfenohe war eine der ältesten Siedlungen in der Gegend, hervorgegangen aus dem alten Rittergut „Hopfenache“. Zur Pfarrgemeinde gehörten 20 kleine Dörfer, Weiler und eine Mühle. Insgesamt zählte die Pfarrei etwa tausend Seelen. Die katholische Kirche Peter und Paul lag inmitten des Dorfes. Im Jahre 1935 wurde das Gotteshaus unter dem sehr aktiven Pfarrer Johann Ritter aufwendig renoviert und erweitert. Der Kirchenausbau konnte die Ablösung der Gemeinde durch die Ruges jedoch nicht abwenden, die Absiedelung wurde 1939 abgeschlossen.

Im Jahr 2005 wurde die Kirchenruine direkt auf der Höhe der Europäischen Hauptwasserscheide in ihrem Bestand gesichert, dazu stellte die US-Armee erhebliche finanzielle Mittel bereit. Der Turm und die Mauern der ehemaligen Pfarrkirche St. Peter und Paul von Hopfenohe sind heute Symbol für die aufgelassenen Ortschaften. Sie sollen Besucher und Soldaten daran erinnern, dass das Übungsareal nicht immer unbewohnt war, sondern dass in den ehemaligen Dörfern und Weilern mit ihren Kirchen und Kapellen geistliches, kirchliches und gesellschaftliches Leben pulsierte.

Erinnerung an Pappenberg

Viel kirchliches und gesellschaftliches Leben fand in Pappenberg statt. Neben den Festen und der Pappenberger „Kuckuckskirwa“ stand vor allem die vielbesuchte Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt im Mittelpunkt. Die Ruine dominiert auch heute noch in der alten Wüstung am Rande der „Impact Area“. Im August wird das Patrozinium Mariä Himmelfahrt gefeiert. Ein Besuch mit dem namensverwandten Weihbischof Reinhard Pappenberger aus Grafenwöhr soll dann an das Dorf erinnern. Für die Pappenberger Landwirtsfamilien war der 1. April 1938 der denkwürdige und schmerzvolle Tag der Umsiedlung. Die meisten von ihnen fanden in dem Thurn-und-Taxis-Gut Wolfskofen bei Regensburg ihre neue Heimat.

Friedhofsbesuche in Haag

„Haag war ein sehr schön gebautes Dorf, das beinahe kleinstädtischen Charakter hatte“, schreibt Eckehart Griesbach in seinem Buch „Truppenübungsplatz Grafenwöhr – Geschichte einer Landschaft“. Die alte Haupt-, Heer- und Handelsstraße, die Reichsstraße 85, führte mitten durch den Ort und war die Lebensader. Die politische Gemeinde hatte damals bereits über 500 Einwohner. Die „Hoocher“ waren durch diesen Status ein sehr stolzes Volk. Ein Schwarz-Weiß-Film des Lehrers Paul Huber zeigt das Leben und die Bräuche im Dorf sowie die Absiedelung im Jahr 1938. Gedichte des Heimatdichters Erhard Trummer, Bilder, umfangreiche Literatur, Chroniken und das Buch der 93-jährigen gebürtigen Haagerin Elfriede Krapf, „Haag einst ein blühendes Dorf in der Oberpfalz“, erinnern an den Ort.

Geblieben sind vom einst stolzen Haag noch der Straßenverlauf, Mauerreste, Kellergewölbe, ein Gedenkstein am Platz der Kirche St. Veit und der alte Friedhof. Die „Generalsanierung“ des historischen Gottesackers nahmen 1992 die Bundeswehr, der Bundesforst und die US-Armee vor. In mühevoller Kleinarbeit wurden in der Erde liegende Grabsteine wieder aufgerichtet. Auch der untere Teil der Gruft der Familie Grafenstein existiert noch. Die oft kunstvollen, reich verzierten Grabsteine stammen zum größten Teil aus der Zeit vor 1900 und sind überwiegend aus Sandstein. Der sanierte Gottesacker ist heute ein einmaliges Kulturdenkmal. Seit 1992 brechen die alten „Hoocher” und ihre Nachkommen alljährlich um den Allerseelentag im November zum Gräberbesuch nach Haag und auch nach Langenbruck auf.

Netzaberg: Vom Dorf zur Stadt

Zu neuen Ehren und neuem Leben kam der Weiler Netzaberg. Die Siedlung mit dem Gasthof „Zur Schönen Aussicht“ lag auf dem Höhenzug des gleichnamigen Netzabergs zwischen Grafenwöhr und Eschenbach. Netzaberg hatte vor der Ablösung 1937 fünf Hausnummern. Mit der Stationierung weiterer US-Truppen wurde zwischen 2006 und 2008 die US-Siedlung Netzaberg westlich der alten Dorfstelle gebaut. Die neue Stadt verfügt über ein Village-Center mit Schulen, Kindergarten und großer Kirche sowie über Häuser mit 830 Wohneinheiten. Rund 3500 US-Bürger haben dort eine neue Heimat auf Zeit gefunden.

Termine im Museum

Das Kultur- und Militärmuseum Grafenwöhr bietet in Erinnerung an die Erweiterung des Truppenübungsplatzes und die damit verbundene Absiedelung verschiedene Veranstaltungen an:

  • Mittwoch, 11. April (19 Uhr): Gerald Morgenstern, Autor des zweisprachigen Übungsplatzbuches, zeigt Bilder der Ortschaften von „Einst und Heute“.
  • Samstag, 21. und 28. April: Sonderfahrten ins Sperrgebiet und zu abgelösten Dörfern (bereits ausgebucht).
  • Samstag, 28. April (18 Uhr): Lesung mit Autorin Elfriede Krapf: „Haag – einst ein blühender Ort in der Oberpfalz“.
  • Freitag, 29. Juni: Dekanat Auerbach besucht Übungsplatz und Kirchenruine Hopfenohe.
  • Samstag, 25. August: Sonderfahrt mit Andacht mit Weihbischof Reinhard Pappenberger nach Pappenberg.
  • Die mehr als hundertjährige Geschichte des Truppenübungsplatzes Grafenwöhr ist Thema der Dauerausstellung im Museum.

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