Spannende Mundart-Forschung: Woher kommt die Bezeichnung Tschitscherlboch?
Wahrscheinlich ist der Zoigl schuld

Wo der Zoigl für Grafenwöhr herkommt, verrät das Schild an der Eingangstür.
Kultur
Grafenwöhr
30.08.2013
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Woher kommt der Name Tschitscherlboch (auch Tschischerlbooch) für Windischeschenbach? Dieser Frage sollte Kreisheimatpflegerin Leonore Böhm zufolge einer Anfrage nachgehen. Die Nachforschungen entwickelten sich zu einer spannenden Aufgabe.

Der Anruf bei der Stadtverwaltung Windischeschenbach erbrachte keine Klarheit: "Da haben Sie mich auf dem falschen Fuß erwischt. Ich bin gebürtige Windischeschenbacherin, aber ich weiß es nicht".

Weiterreichung an den Stadtarchivar: "Das sagen vor allem die Neustädter [a. d. WN.]. Das ist ein Spottname. Man weiß nicht, woher!" Der Bürgermeister sage, dass die Windischeschenbacher das nicht gerne hören. Man gebrauche den Ausdruck auch nicht.

Mündlich ging also nichts. Deshalb schaute man in einschlägigen Wörterbüchern nach. Da wurde man fündig. Braun, Unser Wortschatz, Marktredwitz 1963, S. 175 besagt: Tschiischabooch = Urinpfütze, Kindersprache. An Tschiischabooch mach'n = Wasser lassen. Tschiischau-Wack'l = männliches Genital (Egerland).

Gleichzeitig wurde auf Braun, Nordbairisch, Marktredwitz 1962, Paragraph 54 und 80 verwiesen. Und da fand sich: "Viele Tätigkeiten werden auch gern durch Umschreibung, bestehend aus einem Substantivum und einem Verbum ausgedrückt: an Tschiischabooch machen = harnen, urinieren (Kindersprache)". Beim Paragraph 80 heißt es: Daneben weist unsere Mundart eine beachtliche Zahl von Wörtern auf, für die es weder in der Schriftsprache, noch in anderen Mundarten Entsprechungen gibt. Hierher gehört auch eine lange Kette onomato poetischer [Laut nachmalender] Bildungen wie: Tschiischabooch = Urinpfütze (Kindersprache).
Die Tschitscherl-Geschichte ging weiter. Es gab zumindest im westböhmischen Teil der Tschechoslowakei ein Lied, dessen Anfang lautete: "Wenn i aa a Tschitscherl hätt, hätt i aa a Freid af dera Welt". Das sagt ein Mann, der solo ist.

In Erklärungsnot

Ein Anruf bei der Wörterbuch-Kommission in München erbrachte: Dr. Josef Denz, gebürtiger Windischeschenbacher: "Ich kenn des Wort. Ich bin a Windischeschenbacher. Ich hob den Begriff auf der ersten Seitn meiner Dissertation, hob ihn aber niat erklärn kinna."

Die Anruferin: "Schauen Sie mal in "Braun" und "Singer" [Hermann Braun, Unser Wortschatz, Kleines Idiotikon des Sechsämter-, Stift- und Egerlandes, Marktredwitz 1963, S. 176 und Singer, Arzberger Wörterböichl, Arzberg 2/1994, S 241] nach". Die Anruferin legte auf. Nach fünf Minuten rührte sich der Apparat und die Stimme vom anderen Ende der Leitung besagte: "Frau Böhm, Sie haben recht. Aber wir haben nie in diesen Büchern nachgeschaut."

Druck auf der Blase


Die Verfasserin meldete sich wieder bei der Stadtverwaltung von Windischeschenbach. Sie berichtete über ihr Forschungsergebnis und sagte: "So ist das. Aber ich kann Ihnen nicht sagen, warum das so ist, was Wasserlassen und Windischeschenbach miteinander zu tun haben". Dann fiel bei der jungen Frau der Groschen: "Des hängt mitn Zoigl zamm. Wenn ma vül trinkt, mou ma vül af d Toilette. Des is ja kloar. Wos ubn einikommt, mou unt assi."

Die Geschichte erzählte die Verfasserin beim jährlichen Treffen der Heimatforscher des Landkreises. Die 80 Leute waren platt. Dr. Wolfgang Janka, ebenfalls Mitarbeiter bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften stellte platt fest: "Dem ist nichts hinzuzufügen."

Bei der nächsten Zusammenkunft ein Jahr später, wollte die Verfasserin diese Geschichte für die neuen Zuhörer im Publikum wieder erzählen. Da wurde ihr gleich erklärt, dass diese Episode schon längst die Runde gemacht und sich in dem einschlägigen Kreis längst verbreitet hatte. Jemand, der schon das erste Mal dabei gewesen war, betonte: "Des ho ich schou öfter vazählt. Des hom ma uns gout gmerkt. Döi Gschicht vagisst ma niat."
Und dann wurde die Tschitschalboch-Geschichte in einer Zoiglstubn in Falkenberg der Zuhörerschaft unterbreitet, angekündigt mit einem Tusch der Musikkapelle.

Kommission ist zufrieden

Und immer noch zufrieden ist die Kommission an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Man hatte eine Mundart-Sorge weniger.

Windischeschenbacher Zoigl - richtig Zeugel, von zeigen - gibt es nicht nur in Windischeschenbach, sondern seit einiger Zeit auch in Grafenwöhr in der Zoiglstubn "Zum Adler".
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