26.06.2017 - 20:00 Uhr
GrafenwöhrOberpfalz

Fünf getaufte Iraner in Grafenwöhr: "Jesus im Herzen"

André Fischer stört gleich zu Beginn den Versuch, einen besonders aufgeräumten Eindruck zu machen. "Ja, wie habt ihr denn hier geputzt?", entfährt es dem evangelischen Pfarrer, als er die kleine, blitzblank aufgeräumte Wohnung im Nordwesten der Stadt betritt. Des Pfarrers Reaktion lässt darauf schließen, dass die Zimmer etwas weniger aufgeräumt aussehen, wenn kein Interviewtermin ansteht. Wen wundert das: Es sind fünf junge Männer, die sich drei Schlafzimmer, Küche, Bad teilen.

Pfarrer André Fischer zeigt die zweisprachige Bibel, mit der die Iraner den christlichen Glauben und die deutsche Sprache genauer kennenlernten. Bild: wüw
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Alle kommen sie aus dem fundamentalistisch-schiitischen Iran, alle haben sie sich in den vergangenen Monaten von Pfarrer Fischer taufen lassen. Im Raum hängen ein Kruzifix und ein kleines Poster mit Krippenszene. Vier der fünf Bewohner sind anwesend, drei Perser und ein sunnitischer Kurde. Im Iran haben sie als Friseur, Designer, Kleinunternehmer gearbeitet; sie stammen aus unterschiedlichen Städten, haben sich erst in Grafenwöhr kennengelernt.

15 Jahre mindestens

Was sie eint, ist die Fluchtgeschichte. Auf unterschiedlichen Varianten der Balkanroute kamen sie 2015 und 2016 nach Deutschland. "Ich bin 21 Tage nur gelaufen", sagt einer von ihnen. "Besonders in Bulgarien war es schlimm", berichtet er weiter und bringt Beispiele für die schlechte Behandlung, die ihm dort widerfahren ist. Er und die anderen sprechen offen, Namen und Gesichter sollen aber nicht in die Zeitung. Die Angst ist zu groß, zurück zu müssen in den Iran. 15, vielleicht 20 Jahre Gefängnis warten dort, auch die Todesstrafe ist nicht ausgeschlossen. Ihr Verbrechen: die Taufe.

Unter strengen Auflagen

Alle Vier erzählen, dass sie bereits im Iran dem christlichen Glauben begegnet sind. Alteingesessenen und zugezogenen Christen ist es in dem Land unter strengen Auflagen erlaubt, ihren Glauben zu leben. Das darf aber nur im Verborgenen passieren. Dass keine Mission stattfindet, überwacht eine Religionspolizei der Mullahs.

Dennoch hatten die Vier Kontakt zu evangelischen Christen, der so beeindruckend gewesen sei, dass sie sich entschieden, das Land zu verlassen. Der mit 30 Jahren Älteste berichtet von einer Jesus-Erscheinung im Schlaf. "Seither habe ich Jesus im Herzen." Nach Deutschland sind sie gekommen, weil ihnen im Iran die Freiheit fehlte, sich für den Glauben ihrer Wahl zu entscheiden. Materielle Gründe habe es für die Flucht dagegen nicht gegeben. "Wir hatten alle unsere Arbeit und unser Auskommen." Auf die Frage, ob er diese Erklärungen so glaubt, zuckt Pfarrer Fischer die Schultern. "Ich habe keinen Grund, ihnen nicht zu glauben." Natürlich sei ihm bewusst, dass es Gründe für Flüchtlinge gebe, die Unwahrheit zu sagen. "Ich bin Pfarrer. Sie haben mich um die Taufe gebeten und ich sehe keine Gründe, diese Bitte abzulehnen." Letztlich könne er aber nicht in Herz und Hirn blicken. "Ich möchte kein Mitarbeiter beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sein."

Und es ist auch nicht so, dass Fischer fünf völlig Fremde getauft hat. Mehrere Monate Vorbereitungsunterricht liegen hinter Pfarrer und Flüchtlingen. "Wir haben das Lukas-Evangelium gelesen. Wir haben uns mit dem Konzept des dreifaltigen Gottes befasst, das Vaterunser gelernt und besprochen, was christliche Nächstenliebe bedeutet." Natürlich sei schon aus Zeitgründen nur ein Crashkurs möglich. Aber diesen haben die fünf jungen Männer engagiert und interessiert hinter sich gebracht.

Auch in der Gemeinde fügen sie sich ein, nach den Taufen gab es jeweils zur Feier einen Kirchenkaffee. "Es ist mir wichtig, die Männer in der Gemeinde willkommen zu heißen." Dabei helfen auch die Gemeindemitglieder. "Als ich im Urlaub war, haben einige ältere Damen die jungen Männer mit zur Kirche nach Eschenbach genommen", sagt Fischer.

Geholfen habe bei der Integration, dass es in Deutschland viele Flüchtlinge aus dem Iran gebe, die den Glauben wechseln. Deshalb sei auch eine Bibelübersetzung im Stile eines Vokabelhefts erschienen. Auf der linken Hälfte der Seite steht der Text auf Deutsch, auf der rechten in Farsi, der Sprache der Perser. Die jungen Männer berichten, dass sie so auch Deutsch lernen. Tatsächlich sind ihr Wortschatz und ihre Grammatik gut, die Aussprache weniger - so als haben sie die Sprache durchs Lesen und nicht durchs Sprechen gelernt.

Rassismus und Unsicherheit

Das liegt auch daran, dass sie immer wieder mit der überforderten Flüchtlings-Administration Bekanntschaft gemacht haben. Ein erster Asylantrag ist bei allen abgelehnt, Folgeanträge laufen; derzeit sind die Männer geduldet. Dies bedeutet, dass sie nur an Integrations- und Sprachkursen teilnehmen können, wenn ein Platz frei ist. Ein Recht besteht nur für anerkannte Asylbewerber. In den Kursen sei die Stimmung schwierig. "Nicht alle wollen lernen", informiert einer.

Auch sonst haben die Iraner die Schattenseiten des Flüchtlingsdaseins kennengelernt: Rassismus, Leben von einem 170-Gutschein-Euro im Monat - und Unsicherheit. Niemand wisse, wann es wie weitergeht. "Morgen kann der Bescheid zur Abschiebung kommen." Ihr Übertritt zum Christentum helfe wenig - trotz eines Empfehlungsschreibens des Pfarrers. Das Flüchtlingsamt gehe aus Prinzip davon aus, dass die Taufe ein Trick, der Glaubenswechsel nur auf dem Papier passiert sei. "Aber das Papier ist mir egal, ich habe Jesus im Herzen", sagt der 30-Jährige.

 

 

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