Bombenfund: Leo Suttner erlebt Angriff auf Grafenwöhr hautnah
"Vielleicht hab ich die Bombe fallen sehen"

Aufräumarbeiten im April 1945 hinter dem Anwesen Gebhardt, wo mannshohe Bombentrichter lagen. Links das völlig ausgebrannte Haus der Familie Suttner. Bilder: mor (3)
Vermischtes
Grafenwöhr
19.10.2017
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Ein B-17-Bomber direkt beim Angriff am 8. April 1945. Unten Rechts sind die Klärteiche am Geismannskeller zu sehen, der Fundort des Bombenblindgängers liegt rechts vom hinteren Rumpf.

Und wieder muss Leo Suttner sein Haus wegen Bomben verlassen. 1945 erlebt er als Zwölfjähriger den Luftangriff auf Grafenwöhr. Am Mittwoch zählen er und seine Familie zu denjenigen, deren Gebäude wegen eines Bombenblindgängers evakuiert werden müssen.

(mor/spi) Entspannt lehnt Leo Suttner am Balkon seines Hauses in der Neuen Amberger Straße. Er kann bis zu dem Bagger schauen, auf dessen Schaufel am Mittwoch eine 75-Kilo-Fliegerbombe auftauchte. Der 85-Jährige und seine Frau Elfriede haben sich gerade Weißwürste warmgemacht. Da stehen Polizeibeamte vor der Tür und bitten die Eheleute, das Haus zu verlassen. Die Gebäude in einem Radius von 250 Metern um den Fundort müssen evakuiert werden. Viel nimmt das Ehepaar nicht mit. So manches Wichtige bleibt liegen. "Das Handy wäre noch da gewesen", erinnert sich Suttner. "Mitgenommen haben wir aber die Weißwürste", lacht der Grafenwöhrer.

Lange muss das Paar nicht in der Stadthalle bleiben. Gegen 20.06 Uhr können die Einsatzkräfte Entwarnung geben, und die Suttners, die sich schon auf längere Wartezeiten eingestellt hatten, können zurück nach Hause. "Wir waren erleichtert, dass es wieder vorbei war. Daham is daham", erzählt der 85-Jährige.

Damals, im April 1945, war es für Suttner nicht so entspannt, sondern lebensgefährlich. Alliierte Fliegerverbände griffen in den letzten Kriegstagen am 5. und 8. April die Festung Grafenwöhr an. Hauptzielgebiet waren die Munitionsanstalt, die Muna und der Lagerbahnhof. Die ersten Gleise davon liegen nur 100 Meter von Leo Suttners Haus entfernt, in der heutigen Neuen Amberger Straße. Beim ersten Fliegerangriff war die Mutter mit dem älteren Bruder unterwegs nach Schlammersdorf, um Habseligkeiten der Familie in Sicherheit zu bringen.

Der damals zwölfjährige Leo Suttner stand bei der Bombardierung draußen. "Es war ein herrlicher Frühlingstag, sehr warm, sehr klar", erinnert er sich. "Wir haben Laufräder zusammengebastelt, dann war schon Fliegeralarm." Suttner sieht, wie ein Flieger der Amerikaner über die Stadt hinwegfliegt, umdreht und die Angriffsposition einnimmt. "Dann wurden die Schächte geöffnet, und Bomben flogen heraus. Es hat gekracht. Das vergisst man nicht", sagt er. Die ersten Bomben sieht der junge Kerl noch, dann versteckt er sich im Keller seines Wohnhauses - zusammen mit seiner Schwester, einer Tante und der Frau eines Soldaten. War es kindliche Unbefangenheit oder Neugier, als er aus dem Kellerloch heraus die anrückenden Flieger zählte und in die geöffneten Bombenschächte blickte?

Die Wucht der ersten detonierenden Bomben habe ihn in den Keller zurückgeschleudert, der Luftdruck ließ die Abdeckungen der Kellerfenster krachen und beben. "Vielleicht hab' ich die Bombe fallen sehen, die gestern gefunden wurde", sagt Suttner mit Galgenhumor.

Unzählige Stabbrandbomben regneten nieder und setzten auch Suttners Haus in Brand. "Während der Angriffswellen ging's aus dem Keller, brennende Bettwäsche und Mobiliar hab' ich in einen wassergefüllten Bombentrichter geworfen", erinnert sich der Rentner. Auch die Löschversuche der nach dem Angriff anrückenden Feuerwehr waren erfolglos, der eigene Brunnen war gleich leer, beschreibt Suttner. Ein niedergebranntes Haus, Zerstörung und Bombentrichter, aber dafür unversehrte Kinder fand Suttners Mutter vor, als sie mit dem Rad von Schlammersdorf zurückkam. Schlimm war es für den Bub, als auf einer Holztüre die Leichen aus der gegenüberliegenden Gärtnerei geborgen wurden und auf der Straße aufgebahrt lagen.

Die zweite noch schwerere Bombenattacke am 8. April erlebte Suttner bei Bekannten in der Nähe des Friedhofs. Während der Bombardierung sei er noch zu den Felsenkellern am Annaberg gerannt. Zwischen den Rauchfetzen waren die letzten abrückenden Bomber zu sehen. "Bei solchen Aktionen wie der Evakuierung kommen die Erinnerungen dann wieder hoch, aber was willst denn machen. Es war Krieg und irgendwie mussten wir überleben", meint sich der Grafenwöhrer.

Bomben-EntsorgungEinen Tag nach dem spektakulären Bombenfund in Grafenwöhr stellt sich die Frage: Was passiert eigentlich mit der entschärften Bombe? Armin Bock, stellvertretender Dienststellenleiter der Polizeiinspektion Eschenbach, weiß: "Die Bombe wurde gestern Abend nach Mittelfranken abtransportiert." Ein in Feucht beheimateter Kampfmittelräumtrupp kümmert sich um den Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. "Er wird gesprengt und die Teile entsorgt", berichtet der Polizeihauptmeister am Donnerstag. Die Firma habe einen speziellen Platz, wo sie die Blindgänger kontrolliert sprengen kann. (spi)


Bombardierung 1945Bei zwei Angriffen am 5. und 8 April 1945 wurden das Lager und die Stadt Grafenwöhr in Schutt und Asche gelegt. Allein beim zweiten Angriff am Weißen Sonntag warfen 203 US-B-17-Bomber über 600 Tonnen Spreng- und Brandbomben ab und brachten Tod und Verderben. Doch die Stadt hatte noch Glück im Unglück: Mit Giftgasgranaten beladene Züge im Lagerbahnhof und bereits in das Waldstück Mark ausgelagerte Gasmunition wurden bei der Bombardierung 1945 verfehlt. Die rund drei Millionen Gasgranaten und Geschosse hätten ausgereicht, um das Leben in der gesamten Oberpfalz auszulöschen. (mor)
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