13.03.2018 - 16:04 Uhr
Grafenwöhr

Ein stiller Star in Grafenwöhr Der Wolf auf dem Übungsplatz

Seit anderthalb Jahren leben Wölfe auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr. Ein Zwischenzeugnis fällt positiv aus.

Richtung Sonnenaufgang: Das Bild einer Fotofalle entstand im Juni 2017 kurz vor 5 Uhr morgens.
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Der neue Mitbewohner lebt recht zurückgezogen: Anderthalb Jahre sind vergangen, seit eine Fotofalle am 5. September 2016 den Beweis lieferte: Ein Wolf lebt auf dem Truppenübungsplatz der US-Armee. 190 Hinweise hat der Wolfsbeauftragte des Bundesforsts, Hubert Anton, seither auf dem Gelände gesammelt: Fotofallen-Aufnahmen, Kot- und Urinproben, Spuren im Schnee, gerissenes Wild. Forstmitarbeiter sind inzwischen geschult, die Zeichen der Tiere zu erkennen und zu sichern. Dazu stehen ihnen "Wolfs-Mappen" und "Wolfs-Boxen" zur Verfügung. Diese bieten alles an Information und Ausrüstung, um Funde zu sichern und professionell zu dokumentieren.

Auch Menschen haben den Wolf auf dem Platz schon gesehen. Etwa 35 Mal sei dies bislang passiert. "Meist waren es Jäger, die ruhig am Ansitz saßen", erklärt Anton. Wenn dann ein Ereignis oder eine Störung die Wölfe dazu bringt, sich in Bewegung zu setzen, sind solche Sichtungen möglich. Sonst bleibe der Wolf im Verborgenen. Trotzdem: Einiges lasse sich inzwischen über sein Verhalten auf dem Platz sagen. Das Wichtigste: "Der Wolf meidet Menschen." Die Nachweise verteilen sich über den ganzen Platz, nie gab es aber Belege, dass sich der Wolf nahe der Bebauung aufhalten würde.

Vier Wölfe belegt

Wobei es natürlich falsch ist, von "dem Wolf" zu sprechen. Tatsächlich gibt es bislang elf genetische Nachweise für vier Tiere: "Einer dokumentierte den Wolf, der bis vor kurzen am Übungsplatz Hohenfels lebte", berichtet Anton. Eine recht frische Probe vom 5. Januar belegt, dass der weibliche Wolf aus dem Veldensteiner Forst am Übungsplatz zu Besuch war. "Sie ist danach aber schon wieder im westlichen Veldensteiner Forst nachgewiesen worden, zusammen mit dem nun wohl ehemaligen Hohenfelser Rüden", Anton.

Dem Grafenwöhrer Übungsplatz treu blieben zwei weitere Terklärtiere. Dreimal ließ sich bislang eine Fähe nachweisen. So nennen Experten weibliche Wölfe. Die verbliebenen sechs Genetiknachweise stammen von einem Rüden. Der jüngste Gen-Nachweis für die beiden stammt allerdings schon aus dem vergangenen Frühjahr. Anton wartet deshalb gespannt auf Ergebnisse elf neuer Proben, die er zwischen November und Februar gesammelt und ins Labor gesandt hat. Es wird noch einige Wochen dauern, bis er Gewissheit erhält. Vor allem Funde im Februar lassen ihn aber schon heute Vermutungen anstellen. Spuren im Schnee zeigten, dass zwei Tiere zusammen unterwegs sind. Bei einem waren neben Urin mehrfach Bluttropfen zu sehen, "typisch für läufige Fähen".

Aus Brandenburg

Die Annahme liege nahe, dass nach wie vor das Paar aus dem vergangenen Jahr über den Platz streift. Das Weibchen stammt aus Brandenburg vom Bundeswehr-Übungsplatz Lehnin südwestlich von Potsdam. Der Rüde konnte noch keinem Stamm-Rudel zugeordnet werden. Er zählt aber ebenfalls zur sogenannten zentraleuropäischen Tieflandpopulation, die in Nordostdeutschland und Westpolen lebt. Da die beiden offensichtlich als Paar unterwegs sind, gibt es für Anton eine logische Konsequenz: "Nachwuchs im Mai." Allerdings fanden sich auch 2017 diese Vorzeichen, Nachwuchs gab es damals keinen. "Das kommt bei der ersten Paarung bei jungen Wölfen manchmal vor."

Weil es bislang weder auf noch im Umfeld des Übungsplatzes Probleme mit den Tieren gegeben habe, sieht Anton einer eventuellen Familiengründung gelassen entgegen. Der Übungsplatz ist etwa 220 Quadratkilometer groß, das entspreche ziemlich genau der Reviergröße, die ein Rudel aus Elternpaar und Jungtieren zum Überleben benötigt. Manche Jungtiere bleiben zwei Jahre bei den Eltern. "Wir sprechen von insgesamt fünf bis zwölf Tieren", rechnet Anton vor. Für so viele Tiere biete der Übungsplatz ein Paradies an Nahrung und Ruhe. Denn der Übungsbetrieb stört Wölfe nicht. "Es zeigt sich wie auch bei Seeadlern oder anderen zurückkehrenden Arten, die Tiere suchen Übungsplätze, von dort aus bevölkern sie das Umland. Der Schießlärm hat keinen negativen Einfluss", sagt Hubert Anton.

Es werde sich zeigen, was passiert, wenn die ersten Jungtiere das Rudel verlassen. "Manche Jungwölfe begeben sich dann auf Wanderschaft, andere suchen sich ein Revier in der Nachbarschaft." Der Übungsplatz biete viel Wild, aber für zwei Rudel werde es sicher nicht reichen, das zeige die bisherige Erfahrung. Ein weiteres Rudel könnte einen Teil des Übungsplatzes, dazu auch angrenzende Gebiete beanspruchen. Anton bleibt beim Gedanken an Wölfe außerhalb des Platzes gelassen. Er weiß am besten, dass sich die Tiere so gut sie können vom Menschen fern halten: "Obwohl ich mich hier am meisten von allen mit ihnen beschäftige, gesehen habe ich die Wölfe auf dem Platz noch kein einziges Mal."

Hintergrund

Probleme mit Wölfen in Deutschland

Das Zusammenleben von Mensch und Wolf läuft nicht überall in Deutschland so reibungslos wie auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr. Der größte Teil der derzeit bekannten "Problemwölfe" im Land stamme aus dem selben Wurf eines Wolfspaares am Truppenübungsplatz Munster Nord in der Lüneburger Heide, erklärt der Wolfbeauftragte des Bundesforsts Grafenwöhr, Hubert Anton. Offensichtlich seien diese Tiere schon im Welpenalter mit Menschen in Kontakt geraten. Dabei haben sie scheinbar positive Erfahrungen gesammelt. "Möglicherwiese sind die Tiere gefüttert worden", vermutet Anton. Tatsache ist, dass diese Tiere in verschiedenen norddeutschen Regionen auffallen, weil sie die Nähe zum Menschen nicht ausreichend meiden. (wüw)

Für US-Soldaten beinahe schon Alltag

Beschäftige, Soldaten und Angehörige seien über die Anwesenheit des Wolfes auf dem Übungsplatz informiert worden, als im September 2016 das Bild einer Fotofalle den ersten eindeutigen Hinweis auf die Tiere gab. Am Ablauf im Alltag der Garnison Bavaria habe sich danach aber nichts geändert, bestätigten Manfred Rieck und Stefan Härtl von der Umweltabteilung der Garnison Bavaria. Die Leitung habe auf bestimmte Verhaltensregeln im Umgang mit Wildtieren hingewiesen: Den Kontakt meiden, keine Lebensmittel auf dem Übungsplatz zurücklassen oder die Tiere anfüttern.

"Die Regeln galten aber schon, bevor es den Wolf hier gab", sagt Härtl. Ansonsten pflegen die Amerikaner einen entspannten Umgang mit dem Thema: "Viele verstehen die Aufregung nicht, die hier wegen des Wolfs manchmal herrscht", sagt Rieck. Das ist kein Wunder. In Amerika sei gerade auf den Übungsgeländen die Anwesenheit großer Raubtiere Alltag. (wüw)

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.